Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim
Bronzestatue der Heiligen Hildegard von Bingen vor der Kirche der Abtei St. Hildegard in Rüdesheim
Mathias Peter
Mathias Peter
Johanna Rahner
Johanna Rahner
Oster kritisiert Begriffe wie "Asyltourismus" als unpassend
Der Passauer Bischof Oster
Statue mit dem Bildnis der Katharina von Siena
Statue mit dem Bildnis der Katharina von Siena

30.04.2021

Kommentar: Widerspruch durch Frauen hat in der Kirche eine lange Tradition Was erlauben Rahner?!

Dass Männer in der Kirche Männern widersprechen, fällt kaum auf. Doch wenn eine Frau einen Bischof tadelt, sorgt das für Schlagzeilen, wie die Auseinandersetzung zwischen der Theologin Rahner und Bischof Oster zeigt. Ein Kommentar.

Auf der legendären Pressekonferenz 1998 mit dem damaligen Bayerntrainer Giovanni Trapattoni fiel dessen unvergessener Satz: "Was erlauben Strunz?" Der italienische Startrainer empfand es als Unverschämtheit, dass einer seiner Spieler ("Struuunz!") sich über die sportliche Situation bei Bayern München beschwerte, obwohl der gar keine Leistung gebracht habe und es ihm folgerichtig gar nicht zustehe, so eine Kritik zu üben.

Entschuldigung von der bischöflichen Kathedra aus?

"Was erlauben Rahner", mag vielleicht der ein oder die andere gedacht haben, als die Theologin Johanna Rahner in dieser Woche von Bischof Stefan Oster eine öffentliche Entschuldigung forderte. Im Streit um Äußerungen der Tübinger Theologieprofessorin im Zusammenhang mit der kirchlichen Stellung der Frau und Aspekten von Rassismus warf sie ihm vor, ihre Aussagen "gezielt fehlinterpretiert" und "unzulässig zugespitzt" zu haben. Die geforderte Entschuldigung des Bischofs solle "ohne beschwichtigende Floskeln und pastorales Rumgesumse" ausgesprochen werden. Oster solle einräumen, dass seine Vorwürfe gegen sie nicht der Wahrheit entsprächen, so Rahner in einem Beitrag für die "Zeit"-Beilage "Christ und Welt". Provokant dürfte auch der Ort sein, den sie für die Entschuldigung vorschlug: am Bischofsstuhl in Osters Passauer Bischofskirche.

Bei allen Schwierigkeiten, vergangene Konflikte mit der Gegenwart zu vergleichen, fällt auf, dass aufrüttelnde Worte von Frauen in der Kirche gar nicht so ungewohnt sind und immer wieder vorkommen. Und zwar zu Krisenzeiten, in denen die Kirche in ihrer Existenz stark bedrängt ist – wie etwa beim Abendländischen Schisma im Zusammenhang mit dem Exil der Päpste in Avignon (1309 – 1376).

"Heiliger Vater, keine Nachlässigkeit mehr!"

Die Mystikerin und Kirchenlehrerin Katharina von Siena (1347 – 1380), deren Gedenktag der 29. April ist, mahnte in einem Brief den damaligen Papst Gregor XI. zu "Entschlossenheit und Mut", er solle "gute Hirten" einsetzen, denn die schlechten Hirten seien die Ursache der Auflehnung. Katharina stand loyal zu Papst und Kirche und sparte genau deswegen nicht an Kritik: "Ihre Säumigkeit hat schon viel Verwirrung entstehen lassen". Und weiter schreibt die heutige Schutzpatronin Europas: "Mut, Heiliger Vater, keine Nachlässigkeit mehr!" Katharina erreichte, dass Gregor von Avignon nach Rom zurückkehrte. Für eine Frau in der damaligen Zeit war das sehr ungewöhnlich, das kurz darauffolgende Schisma verhinderten ihre Worte allerdings nicht.

Hildegard von Bingen scheute nicht das offene Wort

Die berühmte Hildegard von Bingen (1098 – 1179) lebte zu einer Zeit, in der Frauen weder für Theologie oder Philosophie in Frage kamen – aber ihre Visionen durfte sie veröffentlichen. Als Äbtissin zweier Klöster trat sie selbstbewusst auf, predigte öffentlich, tauschte sich mit Persönlichkeiten ihrer Zeit wie Bernhard von Clairvaux, Papst Alexander III. und Kaiser Friedrich Barbarossa aus. Sie schrieb zahlreiche Briefe und sprach offen Mängel und Versäumnisse bei weltlichen wie geistlichen Amtsträgern an.

In Kirchenkrisen braucht es besonders die Erneuerung von innen

Hildegard von Bingen und Katharina von Siena eint neben vielem, dass sie heute als Kirchenlehrinnen verehrt werden. Ob die Theologin Johanna Rahner diesen Rang je erreichen wird, dürften ihre Kritiker stark bezweifeln. Rahners Kritik an den bestehenden kirchlichen Verhältnissen übt sie aber wie die beiden berühmten Heiligen nicht von außen, nicht als Provokation um der Provokation willen, sondern von innen, als Mitglied der Kirche, das sich um Gegenwart und Zukunft der Gläubigen und der Kirche sorgt.

Die Geschichte der Kirche zeigt, dass aufrüttelnde Worte von Frauen wichtig und richtig waren – auch oder gerade, wenn sie von den Menschen (Männern!) der jeweiligen Zeit als Provokation empfunden wurden. Denn eine wahrhaftige Erneuerung der Kirche ist wohl kaum ohne Verlust an Gewohntem und Bequemem zu haben.

Mathias Peter

Zum Autor: Mathias Peter ist Theologe und Redakteur bei DOMRADIO.DE.

(DR)

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