Ansgar Wucherpfennig
Ansgar Wucherpfennig

22.08.2021

Theologe Wucherpfennig für Vielfalt beim Abendmahl Mit Milch, Honig und Oliven

Der Frankfurter Jesuit Ansgar Wucherpfennig erklärt in seinem neuen Buch, wie die frühen Christen die Eucharistie gefeiert haben. Im Interview gibt er nun einen Ausblick, welche Konsequenzen das für das heutige Verständnis hat.

KNA: Herr Professor Wucherpfennig, Sie schreiben in Ihrem Buch zur Geschichte der Eucharistie ganz grundsätzlich: Jeder Kopftoch ist heilig. Warum?

Ansgar Wucherpfennig (Professor, Theologe und Buchautor): Das steht so beim Propheten Sacharja im Alten Testament, und Jesus hat diesen Text wohl gekannt. Wenn Jesus Mahl hielt, dann war das etwas ganz Alltägliches, aber gerade das Alltägliche hat er durch seine Verkündigung von Gottes neuer Welt geheiligt.

KNA: Sie beschreiben die Eucharistie nicht als einzigartiges Geschehen ...

Wucherpfennig: ... sondern als eine Mahlfeier, die ihre Gestaltung jüdischen und hellenistischen Traditionen verdankt. Das erklärt, warum die Eucharistiefeier sehr früh überaus vielfältig gefeiert wurde, schon bald nach Jesu Tod. Ich halte es deshalb für problematisch, dieses Mahl dogmatisch als absolut singulär zu überhöhen. Auch andere Gruppierungen kannten gemeinsame Mahlzeiten mit hoher sozialer und symbolischer Bedeutung.

KNA: Die frühen Christen haben nach Ihrem Buch die Eucharistie nicht nur mit Wein und Brot, sondern teilweise auch mit Milch und Honig oder mit Käse und Oliven gefeiert.

Wucherpfennig: Das war so: Eucharistie hatte mit Essen und Trinken zu tun. Was heute ritualisiert und symbolhaft ist, war in den ersten Jahrzehnten anders. Am Anfang ging es auch darum, dass jede und jeder satt wurde, reich wie arm - und nicht nur mit Brot und Wasser.

KNA: Sie sprechen von einer großen Vielfalt für die Feier des Abendmahls und leiten daraus ab, dass eine endgültige und vollgültige Form nicht erkennbar ist. Was im Vatikan heute nicht jeder gerne hört.

Wucherpfennig: Am wissenschaftlichen Befund kommt auch eine katholische Dogmatik nicht vorbei: Es gibt eine Vielfalt der Feiern, die sich nicht harmonisieren lässt. Der lehramtlichen Position geht es aber auch darum, in der Vielfalt ein theologisches Profil zu erkennen.

Und die kann im Kern heißen: Die Eucharistie ist eine Dankfeier für die Gemeinschaft mit dem auferstandenen und gegenwärtigen Christus. Heute kann die Vielfalt im byzantinischen, altorientalischen, katholischen und im protestantischen Gottesdienst dazu einladen, auch in den jeweils anderen Mahlsakramenten Elemente des authentisch Christlichen zu finden. Das gelingt, wenn man Vielfalt als Reichtum schätzt und Einheit nicht mit Uniformität verwechselt.

KNA: In Ihrem Befund beschreiben Sie die Frage nach der Leitung der frühen Eucharistiefeiern als offen. Welche Konsequenzen hat das für Laien und speziell für Frauen?

Wucherpfennig: Dass die katholische Kirche die Freiheit hätte, weiter zu denken und ihre Lehre zu entwickeln. Am Anfang war das Verkündigungselement - heute die Predigt - beim Mahl viel wichtiger als die Frage, wer der Feier vorsteht. Das Amt eines Liturgen gab es damals nicht. Die Verkündigung gehört aufgewertet. Der eigentliche Gastgeber des Mahls ist ohnehin der Auferstandene.

KNA: Ihr Buchtitel heißt: Wie hat Jesus Eucharistie gewollt? Wie lautet die Antwort?

Wucherpfennig: Als Gedächtnis- und Dankfeier für die Auferstehung. Soziale und gesellschaftliche Unterschiede sollen keine Last sein: Alle sollen beim Mahl Gottes Nähe erfahren und daraus ihr Leben gestalten. In der Frage der Form gibt es keine eindeutige Antwort. Wir wissen aus dem Neuen Testament, dass Jesus gerne Mahl gefeiert hat und das Mahl auch als Zeichen seiner Hingabe gedeutet hat. Er hat dazu aber niemandem Vorgaben diktiert.

Das Interview führte Michael Jacquemain.

(KNA)

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