Heiligenverehrung
Heiligenverehrung
Prof. Dr. Manfred Becker-Huberti
Manfred Becker-Huberti
Lichterkönigin Lucia
Brauchtum zur Heiligen Lucia
Antonius der Einsiedler
Antonius der Einsiedler
Echternacher Springprozession
Springprozession in Echternach

11.03.2020

Brauchtumsforscher zur Bedeutung von Heiligen bei Krankheiten "Der Wunsch nach übernatürlichen Kräften ist nach wie vor aktuell"

Die Heiligenverehrung hatte vor hundert Jahren eine noch viel größere Bedeutung als heute. Könnte das mit Blick auf das Coronavirus wieder aktueller werden? Der Theologe und Brauchtumsexperte Manfred Becker-Huberti hat die Antwort.

DOMRADIO.DE: Gibt es wirklich einen Heiligen gegen Seuchen?

Prof. Manfred Becker-Huberti (Theologe und Brauchtumsexperte): Einen? Ich kenne mindestens 16, die gegen Seuchen helfen sollen. Sie sind aufgeführt in diversen Fachbüchern. Zum Beispiel die Heilige Juliana von Nicomedien, eine Märtyrerin. Oder die Lucia von Syrakus. "Santa Lucia", das Lied, das ist ihr gewidmet. Oder Bischof Erasmus, Antonius der Große und so weiter. Alles Heilige, die angerufen werden gegen Pandemien.

DOMRADIO.DE: Gibt es auch eine heilige Corona, von der jetzt öfter zu hören und lesen war?

Becker-Huberti: Eine heilige Corona ist mir nicht bekannt, was nicht heißt, dass es sie nicht geben muss. Es gibt Heilige en masse und es gibt natürlich auch die Patronate der Heiligen in unterschiedlichen Versionen. Wer in Bayern gegen irgendeine Seuche hilft, muss das nicht in Hamburg tun. Da gibt es dann andere Traditionen. Das ist ganz unterschiedlich gewachsen und geregelt. Es ist vor allen Dingen sehr unterschiedlich zu unserem heutigen Verständnis von Heilung und unserem Verhältnis zur Krankheit.

DOMRADIO.DE: Wo ist der Unterschied?

Becker-Huberti: Der Unterschied besteht darin, dass man seit Hippokrates – aus dem Griechischen – natürlich naturwissenschaftlich an das Thema herangeht. Die Menschen früher – und das überlappt sich, dieses Denken – gingen theologisch an diese Sache heran. Da war Krankheit eine Folge von Sünde. Wenn man von der Krankheit befreit werden wollte, musste man sich erst von der Sünde befreien. Das heißt Beichte, Gottesdienstbesuche und dergleichen waren die Voraussetzung von Heilung, die ich dann erst erbitten konnte. Natürlich von Gott oder von seinem Personal, wenn ich das mal so nennen darf, also den Heiligen, die der Tradition nach für bestimmte Krankheiten zuständig waren.

DOMRADIO.DE: Heute haben wir Tabletten gegen das eine Leiden, andere Tabletten gegen das andere Leiden. So gibt es auch tatsächlich für unterschiedliche Leiden unterschiedliche Heilige. Wie sind sie denn dazu gekommen?

Becker-Huberti: Ganz unterschiedlich. Es ist nicht unbedingt so, dass ein Heiliger von vornherein gegen diese oder jene Krankheit gut war. Oft entsteht diese Zuständigkeit über die Legende. Dass in der Legende behauptet wird, dass er eine Quelle hervorgerufen hat und das Wasser dieser Quelle hilft gegen Augenkrankheiten, gegen Schwellungen oder sonst etwas.

Es gibt andere Dinge, zum Beispiel, dass sie die Reliquien benutzten. Reliquien, die man berührt und die dann gegen bestimmte Krankheiten helfen. Oder Reliquien, wie ein Schädel zum Beispiel, der mit Wasser aus einer bestimmten Quelle gefüllt wird, das man dann trinken soll. Es gibt die unterschiedlichsten Formen.

Ein Begriff ist uns heute noch präsent, aber die meisten können ihn nicht mehr zuordnen. Wenn wir von Kirchenschlaf reden, dann meinen wir die Leute, die bei der Predigt eingeschlafen sind. Aber der alte Begriff kommt von etwas anderem, nämlich dem Heilschlaf im Heiligtum, dass man sich also seinem Gott anvertraute und hoffte, im Schlaf geheilt zu werden. Also schlief man in der Kirche oder zuvor im Tempel. Diese Form ist natürlich völlig aus der Mode gekommen, zumindest die Menschen, die in der Kirche einschlafen, beziehen sich nicht mehr auf die Heilwirkung dieses Schlafes.

Dennoch gibt es viele Dinge, die sich erhalten haben. Ich erinnere mal an die Prozession, die es Pfingstdienstag in Echternach in Luxemburg gibt, wo die Menschen springen. Die ganze Prozession bewegt sich in Sprüngen voran, wobei man heute zur Seite springt. Früher sprang man drei Schritte nach vorne und zwei zurück. Das war ein verdammt langer Weg vom Anfang bis zum Ende dieser Prozession. Aber gespielt in der Prozession wird das, was man bekämpft: eine Art von Krankheit, die einen dazu veranlasst, nicht mehr richtig gehen zu können, sondern zu fallen. Deshalb nannte man das Fallsucht. Dementsprechend wurde diese Krankheit in Form einer Prozession bekämpft. Sie ist bis heute erhalten, weil die Menschen im Mittelalter ein Gelübde abgelegt haben, dass sie, wenn sie von einer bestimmten Krankheit verschont würden, bis in alle Ewigkeit diese Prozession durchführen.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie eigentlich, dass Menschen heute bei Krankheiten noch auf ihren jeweiligen Schutzpatron zurückgreifen oder ist das gar nicht mehr so?

Becker-Huberti: Ich erinnere an den Blasiussegen, der nach wie vor in Übung ist. Ich erinnere an die vielen Wallfahrtsorte, zu denen man hinfährt, ob es die Adelheid von Willich in der Kölner Gegend ist oder die Marienwallfahrtsorte sind. Der Wunsch nach Heil und nach Heilung ist nach wie vor verbreitet – und die Hoffnung, dass sie durch übernatürliche Kräfte gewährt werden oder zumindest befördert werden, ist nach wie vor aktuell. 

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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