...und Romano Guardini
Romano Guardini

01.10.2018

Zum 50. Todestag Romano Guardinis "Er würde für Europa predigen, so wie es kein Politiker schafft"

Vor 50 Jahren starb der einflussreiche Religionsphilosoph Romano Guardini. Noch heute hält die Guardini-Stiftung das geistige Erbe des Theologen hoch, der sich für Europa einsetzte und an Universitäten immer noch für volle Hörsäle sorgt.

DOMRADIO.DE: Wer genau ist Romano Guardini für Sie ganz persönlich?

Prof. Michael Rutz (Präsident der Guardini-Stiftung): Er ist erst mal ein großartiger Theologe, aber er ist auch mehr als das. Er war ein großartiger Geistesphilosoph, einer, der sich für Themen interessiert hat, die weit über das Theologische hinausgingen. Er hat sich in Aufsätzen mit Rilke, mit Augustinus, mit Dante, mit Kierkegaard, auch mit Nietzsche und vielen anderen mehr befasst.

Er hat immer versucht, und das hat mich besonders geprägt und interessiert, den Glauben in ein Verhältnis zur Welt zu setzen. Er hat immer gesagt, es ist notwendig, den Glauben mit der Welt zu konfrontieren, und das ist auch heute noch eine sehr aktuelle Diskussion.

DOMRADIO.DE: Zum 50. Todestag gibt es jetzt eine Predigtreihe. Was genau haben Sie da geplant?

Rutz: Das ist eine Predigtreihe, in der sich eine ganze Reihe junger Theologen mit den Ideen von Romano Guardini auseinandersetzt. Sie in der Ludwigskirche in Berlin statt, wo wir auch heute ein Pontifikalamt zum Gedächtnis an Guardini abhalten. Das Ganze findet den Herbst entlang auch in Erinnerung an die Predigtreihen statt, die Guardini selbst gehalten hat.

Er war in der Ludwigskirche in Berlin zwischen 1924 und 1939 ein großer Prediger und hat nach dem Krieg in München gelebt, wo er die Predigtreihen fortgesetzt hat. Sie waren immer bestens besucht, nicht nur von Theologen oder von Gläubigen, sondern von vielen jungen Menschen aller Herkunft, auch von Protestanten, die sich für das interessiert haben, was Guardini zu sagen hatte – und das war sehr viel.

DOMRADIO.DE: Guardini war Europa unheimlich wichtig. Was glauben Sie, würde er zum heutigen Europa sagen, wie wir es gerade vorfinden?

Rutz: Seine Eltern sind ein Jahr nach seiner Geburt von Italien nach Mainz gezogen. Er ist in Deutschland aufgewachsen und hat dann zum Missfallen seiner Mutter seine Karriere in Deutschland gemacht. Seine Mutter hatte immer gewollt, dass er noch mal nach Italien zurückkehrt. Und er hat das immer mit dem Leitsatz verbunden: Ich bin zwar in Italien geboren, in Deutschland aufgewachsen, habe hier meine berufliche Entwicklung genommen, aber ich vereinige beide Seiten dadurch, dass ich Europäer bin.

Er hat als erster Preisträger des Europapreises in Maastricht 1962 eine großartige Rede mit dem Titel "Warum ich Europäer bin" gehalten. Er begründet diesen europäischen Gedanken vom Christentum her. Er sagt, beides beinhalte eine so großartige, aber auch friedensstiftende Idee, dass man sie unbedingt verteidigen muss. Also, wenn Sie fragen, was er heute sagen würde, wäre er einigermaßen entsetzt. Er würde die die Kanzeln erklimmen und würde für Europa predigen, so wie es kein Politiker gegenwärtig schafft.

DOMRADIO.DE: Die Jugendsynode startet am Mittwoch im Vatikan. Guardini lehrte auch an Universitäten. Er hatte sehr viel Kontakt zu jungen Menschen. Was glauben Sie, wie hat er die Generationen damals geprägt?

Rutz: Zunächst mal war er in der katholischen Jugendbewegung sehr präsent. Er hat im Mainzer Juventus (Anm. d. Red.: katholische Schülervereinigung) mitgearbeitet und ab 1920 auch im Quickborn-Arbeitskreis (Anm. d. Red.: katholischer Jugendverband), dessen Zentrum die Burg Rothenfels gewesen ist, die er auch geleitet hat, bis sie 1939 von den Nazis enteigneten worden ist.

Er hat die Jugendarbeit von daher sehr mitgeprägt, aber eben auch in seiner Hochschultätigkeit. 1924 bis 1939 hat er einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität in Berlin gehabt und 1945 hat er den Lehrstuhl für christliche Weltanschauung in München übernommen. Die Vorlesungen waren immer voll und die jungen Leute haben ihm an den Lippen gehangen. Der Guardini-Lehrstuhl, den wir gegenwärtig als Stiftung an der Humboldt-Universität mitführen, hat das gleiche Schicksal: Die Vorlesungen sind immer voll. Die jungen Leute kommen, weil sie sich für dieses Zwischengebilde zwischen Glaube und Welt interessieren und wie beides miteinander in Verbindung gebracht werden kann.

Das Interview führte Verena Tröster.

(DR)

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