Religiöse Sehnsucht
Religiöse Sehnsucht
Pater Christoph Kreitmeir
Pater Christoph Kreitmeir

20.03.2017

Pater Christoph Kreitmeir über Spritualität und Sehnsüchte "Jeder hat Sehnsucht nach Gott"

"Sehnsucht ist das Grundgefühl der Seele", sagt Franziskanerpater Christoph Kreitmeir im domradio.de-Interview. Die vielen Gespräche, die er als Seelsorger geführt hat, haben ihn zu dieser Erkenntnis geführt.

domradio.de: Sie haben sich intensiv mit der Sehnsucht in ihren unterschiedlichen Spielarten beschäftigt und ein Buch mit dem Titel "Sehnsucht Spiritualität" veröffentlicht. Wie hängen Spiritualität und Sehnsucht zusammen?

Pater Christoph Kreitmeir (Seelsorger und Lebensberater): Wir alle sehnen uns nach Geborgenheit, nach Liebe, Glück, Freude und Harmonie. Wir sehnen uns nach etwas, für das es sich zu leben lohnt: Nach Sinn, nach einem festen Halt und letztlich auch nach Gott. Das gilt auch für Nicht-Gläubige, auch wenn sie das nicht akzeptieren wollen. Diese Sehnsucht hat einen neuen Namen bekommen und der ist Spiritualität. Aber dieses Wort ist zu einem Modewort geworden, zu einem so genannten Container-Begriff, der alles oder nichts enthalten kann und oft inflationär verwendet wird. Dieser Begriff Spiritualität hängt ganz stark mit der Sehnsucht zusammen.

domradio.de: Sehnsucht ist ein vielschichtiges Gefühl – und ein "gemischtes". Es hat eine süße und eine bittere Seite. Die bittere entsteht aus dem Gefühl eines empfundenen Mangels. Wie können Menschen dieses Gefühl des "Mir fehlt etwas ganz Entscheidendes" in etwas Positives verwandeln?

Pater Kreitmeir: Man muss dazu wissen, dass wir Menschen dreifaltig sind. Wir sind Kopf, Seele und Geist. Der Mensch hat verschiedene Aspekte der Sehnsucht. Es gibt die Kopf-Sehnsucht, die Bauch-Sehnsucht und die Herzens-Sehnsucht. Es ist wichtig, dass wir unterscheiden lernen zwischen echter Sehnsucht und Schein-Sehnsucht. Das Wichtige ist, dass neben der Bitterkeit die Süße der Sehnsucht entdeckt wird. 

domradio.de: Was wäre denn so eine Schein-Sehnsucht?

Pater Kreitmeir: Eine Schein-Sehnsucht wäre, dass wir immer irgendetwas nachlaufen, was uns letztlich Kraft nimmt. Es gibt verschiedene Merkmale der Schein-Sehnsucht. Vorherrschende Gefühle sind Wehmut, Melancholie, Traurigkeit, Unzufriedenheit und Enttäuschung. Die Gedanken rauben Energie. Wir konzentrieren uns auf Gegenstände, auf bestimmte Menschen und verpassen das Hier und Jetzt. Oft mündet sie auch in ein materielles Ziel. Viel Energie und Geld ist notwendig, diese Sehnsucht zu befriedigen und wird dann doch nicht befriedigt.

domradio.de: Sehnsucht entsteht tief in unserem Inneren - kann uns aber weit über uns hinaus wachsen lassen. Hat das mit dem zu tun, was wir Transzendenz nennen?

Pater Kreitmeir: Ja. Der Mensch ist von Natur aus so ausgerichtet, dass es ihm selber nicht reicht mit seinem Ego. Wir leben gerade in einer Zeit, wo es sich nur noch um das Ego kreist: Britain first! America first! Was weiß ich alles – first! Dabei wird übersehen, dass wenn wir uns nur um unser Ich und unser Ego drehen, wir den Bezug des Menschlichen verlieren. Das eigentlich Menschliche geht immer neben diesen materiellen und existenziellen Gründen über uns selbst hinaus.

Wir nennen das psychologisch und theologisch: Die Transzendenz. Viele Menschen, darunter Philosophen, Psychologen, aber vor allem auch Theologen, haben sich damit beschäftigt. Sie haben entdeckt, dass wir gar nicht darum herumkommen, unser Leben auszuweiten und zu transzendieren. Jetzt kommt der Punkt: Wenn ich das versuche und danach lebe, dann wird mein Leben gelingen und es wird glücklich.

domradio.de: Sie haben gesagt, dass sowohl gläubige als auch nicht-gläubige Menschen die Sehnsucht nach Gott begleitet. Wie können wir unsere Sehnsucht nach Gott ganz praktisch im Alltag leben?

Pater Kreitmeir: Das ist eine ganz wichtige Frage. Es ist wichtig und das entdeckt jeder spirituelle Mensch - egal welcher Couleur oder Religion - dass er Wege nach Innen geht. Wege nach Innen haben mit Stille, mit Kontemplation, mit Meditation, mit Übungen von Körperhaltungen und Gebetsübungen zu tun. Das alles sind Vorbereitungen zur Begegnung mit Gott. Sie wollen Erfahrungsräume geben.

Ich möchte hier den meistgelesenen, spirituellen Autor Europas nennen: Pater Anselm Grün. Er sagt: Je mehr ich Gott begegne, desto mehr werde ich auch mir selbst begegnen. Umgekehrt: Je mehr ich mich selbst kennenlerne, desto mehr spüre ich, dass in mir eine tiefe Gottessehnsucht ist, die gestillt werden will. Jeder spirituelle Mensch wird entdecken, wenn er Wege nach Innen geht, dass er ganz wird.

domradio.de: Was ist denn Ihre persönliche Sehnsucht?

Pater Kreitmeir: Meine persönliche Sehnsucht ist, dass ich durch die Höhen und Tiefen des Lebens - meines eigenen Lebens und des Lebens, das mich umgibt - meinen Plan entdecke, den Plan Gottes mit mir selbst und meinen eigenen Lebensplan. Meine persönliche Sehnsucht ist, dass ich durch diesen inneren Kompass, an dem ich mich orientiere, gut durchs Leben komme.

Das Interview führte Silvia Ochlast.

Pater Kreitmeir "Sehnsucht Spiritualität" ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Und mehr zum Thema Sehnsucht gibt es auch auf seiner Homepage www.christoph-kreitmeir.de  

Sehnsucht nach Gott, Sehnsucht nach Sinn, Sehnsucht nach Liebe, Geborgenheit und Gemeinschaft: Menschen haben viele Sehnsüchte  - und meist geht es da um die ganz großen Lebensthemen. Deshalb widmen wir hier im domradio der Sehnsucht eine eigene Woche - vom 19. - 25. März 2017.

(DR)

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