Jesidische Flüchtlinge
Jesidische Flüchtlinge

21.06.2019

Irakische Psychologin über Traumatherapie von Jesidinnen "Wir wollen den Frauen Hoffnung geben"

Mit Alpträumen und der Furcht vor IS-Terrorkämpfern hat es Psychologin Lavan Jalal Omar tagtäglich zu tun. Sie arbeitet in einer stationären Traumaklinik im Nordosten des Iraks mit jesidischen Frauen und Mädchen.

Bei einmonatigen Programmen im Ort Dschamdschamal hilft sie ihren Patientinnen, die der Gewalt von Dschihadisten der Terrormiliz "Islamischer Staat" entkommen sind, wieder im Leben zurechtzufinden. Über ihre Tätigkeit bei der Menschenrechtsorganisation Jiyan Foundation und ihre Erfahrungen mit den Frauen berichtet sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).

epd: In welcher Situation sind die Frauen und Mädchen, die zu Ihnen in die Klinik kommen?

Lavan Jalal Omar (Psychologin im Nordosten des Irak): Die meisten leben noch in Camps für Binnengeflüchtete. Sie leiden unter Posttraumatischen Belastungsstörungen. Sie haben Alpträume, Angst, dass der IS zurückkommt, um sie zu holen, und leiden unter Flashbacks, die sie zurück in die Zeit bringen, in der sie traumatisiert wurden. Sie haben schwere Depressionen, einige sind selbstmordgefährdet. Viele wirken emotional abgestumpft, teilnahmslos und gleichgültig. Während eines Flashbacks werden einige Frauen hysterisch, raufen sich die Haare, knabbern an den Fingernägeln oder beißen sich selbst.

Wir machen mit ihnen Yoga- und Entspannungsübungen, Kunsttherapie und Gruppengespräche. Sie bekommen Hilfsmittel, mit denen sie sich im Leben wieder zurechtfinden können. Und wir bringen ihnen das Nähen bei, damit sie nach der Therapie etwas Geld verdienen können. Am Ende der Therapie erhalten sie eine Nähmaschine.

epd: Wie gewinnen Sie das Vertrauen der Mädchen und Frauen?

Lavan Jalal: Unsere Patientinnen brauchen Menschen, die ihnen zuhören, empathisch sind. In unserer Klinik arbeiten nur Frauen. In dieser Umgebung entspannen sie sich und schaffen es, über Schreckliches zu sprechen. Jede einzelne Geschichte ist schlimm. Eine erzählte von einem Jesiden in IS-Gefangenschaft, dessen Sohn von den Extremisten getötet und dem Vater als Fleischgericht vorgesetzt wurde. Viele Frauen sind vor den Augen ihrer Kinder vergewaltigt worden und haben gesehen, wie ihre Angehörigen getötet wurden. Es kommen auch Frauen, die vor dem IS-Überfall in die Berge fliehen konnten, dort aber wochenlang bei großer Hitze und ohne Nahrung ausharren mussten.

Laute Stimmen, ein bestimmtes Essen oder ein bärtiger Mann mit verschleierter Frau können Auslöser sein, dass alle Gefühle aus dieser Zeit zurückkommen. Wir sagen ihnen dann, dass sie im Jahr 2019 sind und im Ort Dschamdschamal - weit weg von den Gegenden ihrer Misshandlungen. Wir wollen den Frauen Hoffnung geben. Bei Ausflügen zum Picknick oder in ein Einkaufszentrum können sie wieder Spaß haben.

epd: Haben Sie den Eindruck, den Frauen in einem Monat helfen zu können?

Lavan Jalal: Wir können ihnen immer helfen. Sie lernen bei uns, in Angstsituationen an Orte zu denken, an denen sie sich wohlfühlen. Die einen stellen sich ihre Wohnung vor, andere einen Garten oder auch eine Höhle. Sie lernen, wie sie mit ihren Kindern umgehen können, die selbst schwer traumatisiert sind. Einige sind deshalb stark in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und können Lernschwierigkeiten haben, so dass sie zum Teil nicht einmal Farben und Zahlen kennen.

Wir haben einen Garten als Ort der Heilung und Pferde, Hühner, Katzen und Hunde, mit denen unsere Patientinnen Zeit verbringen können. Viele haben Verwandte im Ausland. Sie sagen, die hätten es schwer, in einer anderen Kultur und einem anderen Sprachraum zurechtzukommen. Solange es eine Klinik gebe wie unsere, wollen sie selbst daher in ihrer Heimat bleiben.

Das Interview führte Mey Dudin. 

(epd)

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