Menschen in einem libyschen Flüchtlingslager
Menschen in einem libyschen Flüchtlingslager

07.09.2017

Libysche Flüchtlingslager als Fabriken des Leids "Mein Herz flog von mir weg"

Die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" hat die europäischen Regierungen aufgerufen, die "systematische" Ausbeutung in Libyen zu stoppen. Ihre Präsidentin Joanne Liu erzählt von Eindrücken aus libyschen Flüchtlingslagern.

Blauer Himmel, keine Wolke, die vor der stechenden Sonne schützen könnte. Es ist 34 Grad irgendwo in Tripolis. In der Mitte eines Platzes eine schwangere Frau auf einem Bein - nennen wir sie Hewan. Stunde um Stunde harrt sie in dieser Position aus bis sie in Ohnmacht fällt und ins Krankenhaus gebracht wird.

Später erzählt sie Joanne Liu, der Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, im Krankenhaus was sie in einem der sogenannten Internierungslager in Libyen erlebt hat. Internierungslager sind Orte, in denen Migranten und Flüchtlinge, die es nicht an die italienische Küste schaffen, eingesperrt leben.

Folter, Schläge und Vergewaltigungen

Hewan erzählt von Folter, Schlägen und Vergewaltigungen. "Mein Herz flog von mir weg, als ich in der stechenden Sonne auf einem Bein stand", sagte sie zu Liu. Besonders schwangere Frauen seien Ziel der Grausamkeiten. Eine Schwangere sei vergewaltigt worden, während ihr Ehemann im Hof geschlagen worden sei, so Hewan.

An anderen Tagen seien Schwangere bewusst aus der Gruppe genommen worden, um sie zu vergewaltigen. "Es handelt sich um ein florierendes Geschäft mit Entführungen, Folter und Erpressung", so Liu. Menschen in den Lagern hätten sie angefleht, sie zu befreien. "Doch Alles, was ich diesen flüsternden Menschen sagen konnte, war: 'Ich höre euch'", erzählt die zierliche Frau mit den langen schwarzen Haaren.

Fabriken des Leids

Der Sinn dieser Lager ist klar für Liu: "Das sind Fabriken des Leids", so die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen. Jedes einzelne Wort artikuliert sie deutlich. Es sind harte Worte. Ihr Ziel ist es darüber zu sprechen, was sie gesehen hat. "Das Leiden muss beendet werden", so Liu.

Kein Mensch dürfe mehr in diese Lager geschickt werden. Während sie eines besuchte, seien 200 Menschen, die auf See aufgegriffen worden waren, angekommen. Erst am Mittwoch gab EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos bekannt, dass im August

2017 gegenüber dem Vorjahresmonat 81 Prozent weniger Bootsflüchtlinge an den italienischen Küsten angekommen seien. Diese "Erfolgsmeldungen" nennt Ärzte ohne Grenzen "Heuchelei und schlimmstenfalls zynische Komplizenschaft bei organisiertem Menschenhandel".

Offener Brief an EU-Regierungen

Ärzte ohne Grenzen forderte die europäischen Regierungen in einem Offenen Brief am Donnerstag auf, hinzusehen. "Niemand kann behaupten, nichts gewusst zu haben", heißt es. Die Grenzen dicht zu machen und Menschen außer Sichtweite in diese Lager in Libyen abzuschieben, sei keine Lösung. Liu fordert legale Wege für sie. "Manchmal treffen unsere Teams auch Menschen mit Flüchtlingsstatus" in den Camps. Doch nur selten gelinge es, sie herauszuholen.

Die Organisation kritisiert auch, dass kaum noch Diplomaten und internationale Organisationen in Libyen vor Ort seien. Es sei unsicher und gefährlich für humanitäre Helfer und Journalisten. Das UN-Flüchtlingshilfswerk beispielsweise befinde sich in einer "heiklen" Situation. Die Lage sei unübersichtlich. Zuständigkeiten über offizielle Internierungslager änderten sich manchmal über Nacht.

"Es ist eine Illusion, dass wir mit mehr Geld für den UNHCR die Situation verbessern", sagt Arjan Hehenkamp, Generaldirektor von Ärzte ohne Grenzen.

Verantwortung übernehmen

Geld geben, aber keine Verantwortung übernehmen. Das ist die Strategie der EU-Kommission und der europäischen Regierungen. Sie stockten ihre Hilfen für den UNHCR und die Internationale Organisation für Migration (IOM) in den vergangenen Monaten auf. Liu kritisiert das. Denn in dieser "unübersichtlichen" Situation könne nicht gewährleistet werden, dass das Geld an der richtigen Stelle ankomme.

Die Lage in Libyen ist kompliziert. Das sieht auch Liu. "Es gibt keine schnelle und einfache Lösung", wiederholt sie. Doch ist es eine Lösung, alle diese Migranten an die Küste nach Italien zu lassen, fragt ein italienischer Journalist. "Nein", Liu und ihre Kollegen.

"Wir sind nicht für offene Grenzen, aber das Leiden kann nicht weitergehen", sagt der Berater von Ärzte ohne Grenzen, Jan Peter Stellema. Wie die Lage verbessert werden kann, darüber herrscht Ratlosigkeit. Doch sie wollen Druck ausüben auf Politiker und Institutionen. Damit die über neue Lösungen nachdenken und das Leid nicht mehr ignorieren.

Franziska Broich
(KNA)

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