Flüchtlinge kommen in Deutschland an
Flüchtlinge kommen in Deutschland an
Woelki und ein Kind
Engagiert in der Flüchtlingshilfe: Kardinal Woelki
Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm am Münchner Bahnhof
Kardinal Marx und Bischof Bedford-Strohm begrüßen Flüchtlinge am Münchner Bahnhof (2015)

25.08.2017

Was die Kirchen zwei Jahre nach der Flüchtlingskrise leisten Mal Priester - mal Opa, Bruder oder Onkel

Als 2015 Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen, war das für die Kirchen eine Bewährungsprobe in Sachen Nächstenliebe. Allerorten entstanden Hilfsaktionen - doch wie ist die Lage zwei Jahre später?

Freundlich geht die Erzieherin auf die Neuankömmlinge zu. Es sind ein junges Mädchen und ein 37-Jähriger Flüchtling, der seine Tochter bei der katholischen Kindertagesstätte anmelden will. Sie werden von einem 52-Jährigen begleitet, an den sich die Pädagogin wendet. "Die Erzieherin fragte mich: Und Sie sind der Opa?", erzählt Andrzej Kardas und schmunzelt: "Nein, ich bin der Pastor, habe ich geantwortet."

Flüchtlingshelfer der ersten Stunde

Das war im Sommer 2015 im saarländischen Wadgassen, wo der polnischstämmige Priester Kardas in einem Team von Seelsorgern wirkt. Taufen, Kommunionen, Messfeiern, das war sein Alltag gewesen - bis auch in der Provinzstadt Hunderte Flüchtlinge eintrafen. Angesichts großer Unterbringungsschwierigkeiten der Kommunen bot die Kirche Wohnplätze in einem Pfarrhaus an - und Kardas wurde zum Flüchtlingshelfer der ersten Stunde. Regelmäßig sucht er seitdem Asylbewerber auf, begleitet sie in alltäglichen Situationen, regelt Probleme, hat ein offenes Ohr.

Kirche zentraler Akteur in der Flüchtlingshilfe

Das Thema Flucht war damals kein Neues für die deutschen Kirchen. Das Ertrinken Tausender auf dem Mittelmeer etwa brandmarkten Kirchenvertreter schon seit Jahren; Papst Franziskus reiste kurz nach seinem Amtsantritt 2013 zu den Flüchtlingen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Seit Jahrzehnten halfen die kirchlichen Hilfswerke mit ihren Projekten, Fluchtursachen zu bekämpfen. Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas waren zentrale Akteure der deutschen Flüchtlingshilfe, von der Beratung im Asylverfahren bis zur Flüchtlingssozialarbeit.

Doch welche Dimensionen die Flüchtlingsfrage schließlich einnehmen würde, das hatten die Kirchen genauso wenig wie die staatlichen Behörden vorausgesehen. Was der Ankunft Hunderttausender Asylsuchender folgte, war zunächst das spontane Engagement Tausender Gläubiger an der Basis. Bald folgten auch in den kirchlichen Leitungsebenen generalstabsmäßig anlaufende Maßnahmenpakete. Neue Stellen wurden geschaffen und Koordinierungsgremien eingerichtet.

Durch Netzwerke und bei Flüchtlingsgipfeln verbreiteten sich Aktionsideen vom Willkommenscafe bis zum Sprachkurs, von der Kleiderkammer bis zur Wohnbetreuung.

Gegenwind aus Teilen der Politik

Als die politischen Rufe nach einer Asylobergrenze immer stärker wurden, traten Spitzenvertreter der Kirchen beharrlich für eine Willkommenskultur ein. Das führte zu Gegenwind - vor allem aus CSU und AfD. Zwischenzeitig kamen Vorwürfe auf, dass die Kirchen durch Mieteinnahmen für bereitgestellte Wohnungen von der Flüchtlingskrise profitierten.

Tatsächlich erhalten die Kirchen wie alle anderen Immobilienbesitzer von den Kommunen Mietzahlungen für Flüchtlingsunterkünfte. Bereichert haben sie sich durch die Flüchtlingshilfe aber nicht; auf katholischer Seite wurden nach offiziellen Angaben 2014 rund 73,1 Millionen Euro, 2015 mindestens 112 Millionen Euro, 2016 dann 127,7 Millionen Euro für die Flüchtlingshilfe im In- und Ausland aufgewendet. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat seit Oktober 2014 nach eigenen Angaben kurzfristig mehr als 100 Millionen Euro für die Flüchtlingsarbeit in Deutschland zur Verfügung gestellt.

Beide Kirchen gehen zudem von jeweils mehr als 100.000 Ehrenamtlichen aus, die sich vor Ort engagieren. Das wirke sich wie ein Schub auf das Gemeindeleben aus, sagt der Erzbischof von Luxemburg, Jean-Claude Hollerich: "Wir leben Christentum! Das hilft den Pfarreien, sich wieder bewusst zu werden, was es bedeutet, Christ zu sein."

Integration schreitet voran

"Mittlerweile hat sich vieles verändert", zieht Pfarrer Kardas eine persönliche Bilanz. Die Asylbewerber, die damals im Pfarrhaus wohnten, sind längst ausgezogen; andere kamen nach. In vielen Fällen konnten Flüchtlinge ihre Familien zusammenführen; Kardas betreut derzeit sechs Familien und vier Alleinstehende. Er hilft bei der Wohnungssuche und -einrichtung, geht mit zu Behörden, hilft bei Bewerbungen - ist einfach da. Er habe die Flüchtlinge in seinen Freundeskreis integriert, doch leider seien die Beziehungen zu deutschen Nachbarn selten eng, sagt der Priester.

Seine Kirchengemeinde lud zum Friedensgebet und zur Nacht der offenen Kirchen ein, man erinnerte an die gemeinsamen Wurzeln des Glaubens; die Muslime luden wiederum zum Fastenbrechen im Ramadan ein. Kardas ist stolz darauf, dass Schützlinge wie der 26-jährige Syrer Ayhem eine Ausbildung als Vermessungstechniker bekommen haben. Und so ganz falsch, denkt er rückblickend, habe auch die Erzieherin 2015 gar nicht gelegen: "Die Flüchtlinge nennen mich nicht mehr Pastor", sagt Kardas. "Ich bin für sie Papa, Opa, Bruder, Onkel."

Michael Merten
(KNA)

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