Muslime und Christen in der Flüchtlingshilfe

"Gemeinsam helfen kann verbinden"

Die aktuelle Bertelsmannstudie zum Engagement von Muslimen in der Flüchtlingshilfe muss man differenziert betrachten, sagte Islamexperte Thomas Lemmen im domradio.de-Interview. Viele Menschen mit Migrationshintergrund würden Geflüchteten helfen.

Eine Ehrenamtliche im Gespräch mit Flüchtlingen / © Thilo Schmülgen (dpa)
Eine Ehrenamtliche im Gespräch mit Flüchtlingen / © Thilo Schmülgen ( dpa )

domradio.de: Die Studie von der Bertelsmannstiftung besagt, dass sich knapp 44 Prozent der Muslime für Flüchtlinge engagieren. Überrascht Sie das?

Dr. Thomas Lemmen (Referat Dialog und Verkündigung im Erzbistum Köln): Ich finde, dass sind sehr plakative und pauschale Aussage, die man erst einmal hinterfragen und differenzieren muss. Meiner Erfahrung nach engagieren sich sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund für Geflüchtete, weil sie selber mal als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind, also dasselbe Schicksal teilen, und weil sie auch entsprechende Sprachkompetenzen vorweisen können. Dass sie dies als Muslime tun, kommt meines Erachtens noch als Grund hinzu. Aber ich weiß nicht, ob das das einzige und ausschlaggebende Argument für ihr Engagement ist.  

domradio.de: Das heißt, die Fluchterfahrung ist eher eine Motivation als die Religion?

Lemmen: Das ist meine Erfahrung. Zum Beispiel an der Drehscheibe am Flughafen Köln/Bonn engagierten sich viele Menschen, die selbst Geflüchtete waren und Sprachkompetenz mitbrachten, aber es war nicht ausschlaggebend für ihr Engagement, dass sie Muslime waren. Ich glaube auch sagen zu können, dass viele von ihnen gekommen sind, weil sie auf den Aufrufen der Stadt und der Hilfsorganisationen gefolgt sind, und nicht, weil das von einer muslimischen Organisation mitgetragen wurde.

domradio.de: Gibt es Flüchtlingshilfsprojekte, die von den muslimischen Gemeinden organisiert werden?

Lemmen: Ja, die gibt es. Auch Moschee-Gemeinden engagieren sich, weil die Hilfe für notleidende Menschen auch eine religiöse Verpflichtung ist. Viele Moscheegemeinden haben die Notwendigkeit erkannt, sich einzubringen. Aber die Frage muss gestellt werden, wie sie sich angemessen einbringen können. Es gibt Leute, egal welcher Religion, die den Geflüchteten religiöse Literatur bringen und sie über ihre Religion weiterbilden wollen. Aber brauchen die Flüchtlinge in ihrer Notsituation Koranausgaben, Bibeln oder Ähnliches? Die Bedürfnisse von Flüchtlinge sind oft anders als was Menschen mit religiösem Hintergrund sich vorstellen.  

domradio.de: In der Bertelsmann-Studie wurde auch angeregt, dass Christen und Muslime in der Flüchtlingsarbeit stärker zusammen arbeiten sollten. Gibt es schon solche gemeinsamen Projekte?

Lemmen: Ja, wir haben zum Beispiel an der erwähnten Drehscheibe am Köln/Bonner Flughafen zwei Wochen lang gemeinsam als christliche Notfallseelsorger und muslimische Notfallbegleiter bereitgestanden, wenn die angekommenen Flüchtlinge in extremen Belastungssituationen waren und professionelle Hilfe brauchten. Das war eine ganz konkrete christlich-muslimische Zusammenarbeit. Aber ich weiß aber auch, dass in den Flüchtlingsinitiativen vor Ort viele Menschen zusammenarbeiten, egal welcher Religionszugehörigkeit. In Caritas-Projekten arbeiten also auch Muslime oder Andersgläubige mit, wie auch Christen in muslimischen Initiativen mitwirken. Das Entscheidende ist, anderen Menschen um ihrer selbst willen zu helfen. Das kann über die Religionsgrenzen hinweg verbinden.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch

(dr)