Flüchtlinge auf dem Mittelmeer
Flüchtlinge auf dem Mittelmeer

07.08.2017

Religionslehrerin wird zur Seenotretterin im Mittelmeer Sommerferien auf dem Rettungsschiff

Für viele ist das Mittelmeer derzeit ein beliebtes Reiseziel. Für Karen Stein aus Bamberg wird es zum Einsatzort. Die Religionslehrerin engagiert sich zwei Wochen auf einem Rettungsschiff für Flüchtlinge.

"Ich kann und will helfen, dass nicht noch mehr Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken." Karen Stein ist Religionslehrerin an einer Berufsschule in Coburg. Während der Sommerferien aber wird die 46-jährige Bambergerin zwei Wochen lang auf dem Schiff "Sea-Eye" zur Seenotretterin vor der Küste Libyens.
Als Freizeitseglerin bringt sie nicht nur Nautikwissen für die Hilfsaktion mit. Sie empfinde auch "Solidarität auf dem Wasser", sagt sie.

Am Montag bricht Stein zunächst nach Malta auf. Dort ankert derzeit die "Sea Eye". Der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer hat den 26 Meter langen, ehemaligen Fischkutter für die Seenotrettung umrüsten lassen. Seit dem ersten Einsatz im April vergangenen Jahres hat das Schiff mehr als 8.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet.
"Das ist eine rein humanitäre Aktion und kein politisches Fanal", erklärt Buschheuer. Es sei moralisches Versagen und durch nichts zu rechtfertigen, wenn man Menschen ertrinken lasse. "Jeder Christ sollte etwas dagegen tun", sagt Buschheuer: "Ich mache es nicht für Gott, sondern für die Menschen."

Viele Gleichgesinnte

Hunderte Gleichgesinnte haben sich dem Unternehmer zufolge seinem Verein "Sea-Eye" angeschlossen. Die Rettungseinsätze würden ausschließlich durch Spenden finanziert. Helfer wie Karen Stein arbeiten ehrenamtlich, opfern Freizeit, Urlaub und Geld für ihre "Mission Mitmenschlichkeit".

Die Religionslehrerin wird nach der Übergabe durch die Vorgängercrew mit zehn weiteren Freiwilligen - darunter eine Ärztin - von Malta aus in See stechen. Bis zur Zwölf-Meilen-Zone vor der Küste Libyens werden sie fahren. "Die ist ein Tabu, da fahren wir nicht rein", betont Stein. Denn das ist das nationale Hoheitsgewässer des nordafrikanischen Landes. Davor wird die "Sea-Eye" kreuzen: 60 Seemeilen östlich, 60 Seemeilen westlich.

Die Bambergerin ist gewappnet für ihre Aufgabe: Ja, ein mulmiges Gefühl habe sie schon, zumal wenn das Wetter schlecht werde und sie mit Seekrankheit kämpfen müsse. Doch der "große Respekt" vor der Aufgabe in den nächsten vierzehn Tagen überwiegt. Karen Stein ist als sogenannte Wachgängerin eingeteilt. Das bedeutet, dass sie auch nachts Ausschau halten muss nach seeuntüchtigen überfüllten Schlauchbooten oder Holzkähnen mit Flüchtlingen, die zu kentern drohen.

12.000 Menschen - pro Woche

Derzeit versuchen bis zu 12.000 Menschen pro Woche, von der Küste Libyens nach Europa zu kommen. Manche bezahlen dafür mit ihrem Leben. Michael Buschheuer räumt ein, dass er "keine Generallösung in der Schublade hat gegen das Sterben im Mittelmeer". Libyen müsste zur Ruhe kommen, brauche befriedete und soziale Strukturen, die es Schleppern unmöglich mache, ihr verbrecherisches Tun auszuüben. Überhaupt seien langfristige Maßnahmen notwendig, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Die Regierungen der Mittelmeer-Anrainerstaaten müssten sofort handeln, fordert Buschheuer. "Doch die kümmern sich nicht."

Schätzungen zufolge werden derzeit mehr als 40 Prozent der geretteten Bootsflüchtlinge im Mittelmeer von privaten Hilfsorganisationen wie "Sea-Eye" aufgespürt. Das Schiff hat 700 Schwimmwesten und Rettungsinseln für weitere 500 Menschen an Bord. "Nur Verletzte und schwangere Frauen kommen auf das Schiff in die Krankenstation", erklärt Stein. Gleichzeitig werde ein SOS-Notruf an die "Seenotleitstelle Mittelmeer" in Rom abgesetzt. "Nach Seerecht sind Schiffe, die sich in der Nähe befinden, verpflichtet, Hilfe zu leisten." Sie brächten dann die Geretteten nach Sizilien.

Der Einsatz von Karen Stein und anderen Freiwilligen stößt in diesen Tagen auch auf heftige Kritik. "Seenotretter ernten Unverständnis, ja sogar Hass", berichtet sie. Gerüchte und Unterstellungen, nach denen Nichtregierungsorganisationen wie der Verein "Sea Eye" mit Schleppern kooperierten, nennt die Bamberger Religionslehrerin "absurd". Für sie sind die Schlepper "Mörder".

Marion Krüger-Hundrup
(KNA)

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