Jugend Rettet zum Streit um Seenotrettung im Mittelmeer

"Keine Waffen von keiner Seite"

Das Rettungsschiff "Iuventa" der Seenotrettungsorganisation "Jugend Rettet" wurde beschlagnahmt, gleichzeitig hat die Organisation einen geforderten Verhaltenskodex nicht unterschrieben. Im Interview schildern zwei Aktivistinnen die Hintergründe.

Seenotretter "Iuventa Jugend Rettet"  / © Iuventa Jugend Rettet (dpa)
Seenotretter "Iuventa Jugend Rettet" / © Iuventa Jugend Rettet ( dpa )

domradio.de: Was ist jetzt der Stand der Dinge in Sachen Iuventa?

Hanna (Jugend Rettet): Wir wurden am letzten Mittwoch vom MRCC (Maritime Rescue Coordination Center), das unsere Rettungseinsätze immer koordiniert, dazu aufgefordert, Geflüchtete nach Lampedusa an Land zu bringen und sind deshalb mit unserem Schiff nach Lampedusa gefahren. Daraufhin wurde dort das Schiff von italienischen Behörden konfisziert und durchsucht. Es wurde unsere Crew befragt, das ist allerdings ein relativ normaler Ablauf, wenn Geflüchtete nach Lampedusa oder generell an Land gebracht werden. Dann wurde unser Schiff von den italienischen Behörden übernommen und ohne Crew nach Sizilien gebracht.

domradio.de: Der Vorwurf gegen Ihre Organisation lautete Beihilfe zur illegalen Migration. Was genau wird Ihnen vorgeworfen?

Hanna: Ganz konkret müssen wir sagen, dass wir die Vorwürfe selber noch nicht kennen. Dieser Vorwurf "Beihilfe zur illegalen Migration" steht schon seit langen im Raum, wir haben aber durch unsere transparente Arbeit bisher zeigen können, dass da nichts dran ist. Jetzt soll es laut italienischen Behörden Beweise geben, die wir aber auch immer noch nicht in Gänze kennen. So, wie sie verbreitet werden, stimmen wir ihnen nicht zu.

domradio.de: Was sagen Sie zum jetzigen Zeitpunkt zu dem ganzen Vorgang?

Hanna: Es wird uns beispielsweise vorgeworfen, mit Schleppern zusammen zu arbeiten. Da können wir ganz klar sagen, dass wir das nicht tun. Es ist so, dass dort verschiedene Kräfte und verschiedene Menschen auf dem Mittelmeer unterwegs sind, wie man sich das nicht vorstellen kann, wenn man die Situation vor Ort nicht kennt.

Da sind zum Teil bewaffnete Menschen unterwegs, für uns besteht ganz primär die Aufgabe, die Menschen in Seenot zu retten. Andere Vorwürfe sind, dass wir unser Standortsignal ausschalten, was aber auch ganz klar nicht der Fall ist. Es liegt eher an einer Art Funklöcher. Die Signale müssen von Stationen aufgefangen werden, die nicht überall immer Empfang haben.

domradio.de: Wie geht es denn den Kollegen vor Ort, die das alles hautnah mitbekommen haben?

Hanna: Denen geht es natürlich nicht gut. Die sind jetzt ohne das Schiff weiterhin auf Lampedusa. Es bestehen keine konkreten Haftbefehle oder Vorwürfe gegenüber einzelnen Person. Sie sind immer noch relativ ratlos, was da jetzt genau passiert ist. Leider sind sie jetzt zum Abwarten gezwungen und können ihre eigene Mission, möglichst viele Menschen dort aus Seenot zu retten, jetzt nicht weiterführen. Das ist sehr deprimierend.

domradio.de: Was würde das ganz konkret für Ihre Rettungsarbeit bedeuten, wenn Sie sich auf den Verhaltenskodex für zivile Seenotrettung einlassen würden?

Lea (Jugend Rettet): Ein entscheidender Punkt ist, dass die Übergabe der Flüchtlinge, die wir gerettet haben, an größere Schiffe nicht mehr erlaubt sein soll. Das würde unsere Arbeit insofern maximal beeinträchtigen, dass unser Schiff einfach nicht dazu ausgelegt ist, längere Strecken mit großen Mengen an Menschen zu fahren. Das heißt, in dem Moment, wo wir zwei Schlauchboote mit 150 Menschen bei uns an Bord haben, wären wir in der Regel nicht mehr in der Lage, mit denen nach Lampedusa zu fahren. Das würde bedeuten, dass wir innerhalb von sehr kurzen Zeiträumen nach sehr wenigen Rettungen schon nach Lampedusa oder Sizilien pendeln müssen. Das würde unsere Präsenz auf dem Mittelmeer stark verringern. Wir sind Erstretter, das würde unsere Arbeit unmöglich machen.

domradio.de: Wie stehen Sie zu bewaffneten Polizisten an Bord?

Lea: Das ist nicht diskutabel. Wir sind eine humanitäre Organisation, wir möchten keine Waffen an Bord - von keiner Seite. Unsere Neutralität wäre nicht mehr gewahrt. Dazu kommt, dass die Flüchtlinge oft schwerst traumatisiert sind. Wir haben Sorge, dass bewaffnete Menschen da zu Panik führen könnten.

Autor/in:
Das Gespräch führte Hilde Regeniter.
Quelle:
DR