Eine Frau mit zwei Kindern im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.
Eine Frau mit zwei Kindern im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos.

15.08.2020

Sozialmediziner über Geflüchtete mit Handicap auf Lesbos "Menschenrechte sind keine Frage von gutem Willen"

Die Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos sind völlig überfüllt. Der Mainzer Sozialmediziner Gerhard Trabert kümmert sich vor Ort eine Woche um Geflüchtete mit körperlichen Behinderungen. Wie schwierig ist die Lage dieser Menschen?

KNA: Herr Professor Trabert, was heißt es, in so einem Lager zu leben und eine Behinderung zu haben?

Gerhard Trabert (Mainzer Sozialmediziner): Einzelschicksale zeigen das gut: Einer 19-Jährigen aus Afghanistan wurde vor Jahren ein Unterschenkel amputiert, sie bekam eine Prothese. Die ist durch einen Sturz stark beschädigt und wurde nur provisorisch repariert. Jetzt kann diese Frau sich in Moria kaum bewegen, weil die Wege dort sehr steinig und steil sind. Zur Schule kommt sie nicht mehr und auch der Weg zur Toilette ist schwierig.

Ein anderes Beispiel ist ein junger Syrer, der beim Grenzübertritt in die Türkei angeschossen und stark verletzt wurde. Seitdem sind beide Beine gelähmt, Blase und Darm funktionieren nicht mehr. Er teilt sich in Moria eine Behausung mit zwei anderen körperbehinderten Männern, kann die Kammer nicht ohne Hilfe verlassen und muss sich mehrmals am Tag mit einem Katheter die Blase leeren, unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Dort laufen Ratten und Kakerlaken rum, was ein hohes Infektionsrisiko darstellt.

KNA: Keine Einzelfälle, sagen Sie...

Trabert: Ich könnte zahllose Geschichten erzählen von behinderten Menschen, die sich im Camp durchschlagen müssen. Viele Menschen in den Lagern sind aus Kriegsgebieten in Afghanistan oder Syrien geflohen und haben in ihren Heimatländern schwere körperliche Verletzungen erlitten. Mit Physiotherapie könnten sie manche Funktionen zurückgewinnen und neue Bewegungsmuster lernen.

Aber wenn niemand die Menschen behandelt, haben sie dazu keine Möglichkeit. Dabei schützen die Richtlinien der EU und der UN Menschen mit Handicap - theoretisch. Praktisch reicht es nicht, dass die EU ein paar hunderte Kinder aufnimmt. Auch diese chronisch behinderten Erwachsenen brauchen eine Perspektive. Sie werden hier aber oft würdelos behandelt.

KNA: Sie sind eine Woche auf Lesbos. Was kann man in so einer Zeit leisten und wie arbeiten Sie vor Ort?

Trabert: Wir haben Rollstühle, Rollatoren und physiotherapeutische Ausrüstung mitgebracht. Meine Kollegin und ich unterstützen eine chilenische Physiotherapeutin, Fabiola Velasquez. Sie kümmert sich hier seit Jahren physiotherapeutisch um Geflüchtete mit Handicap. Meine Kollegin ist Physiotherapeutin und zeigt ihr spezielle Übungen für Patienten mit Lähmungen, ich untersuche allgemeinmedizinisch die Patienten. Wenn ich in Deutschland bin, tauschen wir uns online aus. Fabiola schickt mir zum Beispiel Bilder und Daten von Patienten.

KNA: Sie waren seit 2017 mehrfach auf Lesbos. Welche Veränderungen beobachten Sie?

Trabert: Anfangs waren in Moria etwa 3.000 Menschen untergebracht, zwischenzeitlich 20.000 und aktuell etwa 14.000. Mit der Corona-Krise und dem Lockdown hat sich die Polizei zurückgezogen, die Gewalt hat aus verschiedenen Gründen zugenommen. Die Lebensbedingungen in den Lagern sind einfach unwürdig, morgens und abends gibt es für einige Stunden fließendes Wasser, zweimal am Tag Strom, etwa 150 Personen teilen sich eine Toilette. Die Menschen dürfen das Camp nicht verlassen. Für Essen müssen sie lange anstehen. Während die Erwachsenen warten, sind die Kinder unbeobachtet. Die sexuelle Gewalt soll zugenommen haben.

KNA: Welche Rolle spielt das Coronavirus in den Lagern?

Trabert: Schutzmaßnahmen gibt es nicht in den Lagern. Abstand oder Hygieneregeln lassen sich nicht einhalten. Angst vor Corona ist für die Menschen auch nachgeordnet, sie müssen zusehen, wie sie überleben. Die "Schutzmaßnahme" sieht vielmehr so aus, dass man die Menschen in den Lagern abschottet und sie das Camp nicht verlassen dürfen. Was die Ausbreitungsgefahr im Camp erhöht.

KNA: Mit welchen Gefühlen reisen Sie wieder ab - und wie geht es für die Menschen weiter?

Trabert: Ich habe das Gefühl, die Menschen im Stich zu lassen. Bei den Besuchen entstehen Beziehungen. Es macht mich wütend, zu sehen, dass die Politik in Europa und in Deutschland ignoriert, wie gefährlich das Leben für die Geflüchteten hier ist. Menschenrechte sind keine Frage von gutem Willen, sondern Rechte - und die werden hier gebrochen. Und natürlich ist es ein komisches Gefühl zu wissen: Ich kann zurück in eine sichere Welt, stehe auf der Sonnenseite und lasse diese Menschen zurück.

Das Interview führte Anna Fries.

(KNA)

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