Nach dem Suizid eines nahen Menschen bleiben viele Fragen
Nach dem Suizid eines nahen Menschen bleiben viele Fragen

08.05.2019

Angehörige leiden lebenslang unter einem Suizid Die Frage nach dem "Warum" bleibt für immer

​Eine Selbsttötung versetzt Familie und Freunde in einen Schockzustand. Wie hätten wir das verhindern können, fragen sich die meisten und müssen damit leben lernen, dass das Unfassbare wie ein Schatten über dem eigenen Leben liegen bleibt.

"Es gibt ein Leben davor und ein Leben danach", sagt Karin Poller*. Seit der Selbsttötung ihres Mannes vor 16 Jahren, als für die heute 66-Jährige eine Welt zusammenbrach, wie sie selbst sagt, habe eine neue Zeitrechnung begonnen. Denn das schreckliche Erlebnis ist wie eine Zäsur.

Noch immer ist es gegenwärtig und teilt ganz automatisch ihre eigene Lebensgeschichte und die ihrer drei Söhne in zwei Hälften: in die, in der ihr Mann sich mit Hingabe um die Familie kümmerte und mit großem Engagement als Lehrer an einem Gymnasium Sozialwissenschaften und Geschichte unterrichtete, und in die, in der sich die immer häufiger auftretenden Depressionen wie ein schleichendes Gift im Alltag der fünfköpfigen Familie breit machten und sich auch für Außenstehende schon bald die Schwermütigkeit, Antriebslosigkeit und selbst gewählte Isolation von Armin Poller nicht mehr übersehen ließen. Auch wenn zunächst der Betroffene selbst glaubte, die anfangs noch harmlosen Symptome dieser doch letztlich schweren psychischen Erkrankung schnell wieder in den Griff zu bekommen und als einmaliges Phänomen abhaken zu können.

Unter Schock funktionieren

"Dieser Platz ist jetzt immer frei; daran gewöhnt man sich nicht", deutet Karin Poller auf einen Stuhl am Tisch in der Essecke. Bis heute gehen ihr die Bilder von damals nicht aus dem Kopf, als sie ihren Mann im Arbeitszimmer findet: mit einer Kugel im Kopf und blutüberströmt. Dabei hat sie rückblickend die Ereignisse des 20. Mai 2003 trotzdem wie in einem Film erlebt. "Jedenfalls irgendwie nicht real. Ich dachte, bei mir im Haus wird ein Krimi gedreht – mit diesem ganzen Aufgebot an Kriminalpolizei, einem Seelsorger und Familienangehörigen, die mir zu Seite stehen wollten." Aber auch sie ringen angesichts dieses dramatischen Unglücks um Fassung.

"Ich befand mich in einer Art Schockzustand: unfähig, groß etwas zu fühlen. Vielmehr habe ich in dieser Starre irgendwie funktioniert. Vor allem wollte ich verhindern, dass die Kinder ihren Vater so sehen." Realisiert, was da gerade im Zimmer nebenan passiert war, habe sie erst später. "Und dann kamen auch die Tränen und eine große Trauer, die bis heute anhält. Denn nichts ist mehr so, wie es vorher war."

Vor allem aber macht sich Karin Poller Vorwürfe. Bis heute hat sie Schuldgefühle. "Warum habe ich nicht bemerkt, wie schlecht es Armin ging, dass er eine Leidensgrenze erreicht hatte? Warum habe ich keinen Arzt gerufen, als sich die Anzeichen eines schweren Depressionsschubs am Freitagnachmittag verdichteten und das Wochenende anstand? Dass ein altes Luftgewehr im Haus war, erfährt Karin Poller am Samstagmorgen von der Polizei. Und auch, dass es den Versuch eines Abschiedsbriefs gab, den die Beamten zerrissen im Papierkorb finden und in dem die Ausweglosigkeit der eigenen Situation geschildert wird – und das Empfinden, dass es so nicht mehr weitergehen kann, der Tod für alle eine Erlösung sein soll.

Ein lebenslanges Trauma

"Natürlich wusste ich, dass mein Mann nicht sonderlich belastbar war, dass er alles schwerer nahm als andere. Aber niemals hätte ich gedacht, dass seine Verzweiflung so groß war, dass er sich das Leben nehmen würde. Er war verantwortungsbewusst, in gesunden Zeiten sehr aktiv und ein gläubiger Mensch, der sich in der Kirchengemeinde engagierte. Für ihn waren wir das Wertvollste auf der Welt", schildert Poller die Ambivalenz ihrer Gefühle. Dass vieles am Ende nur noch Fassade war, dass ihr Mann nach außen vermittelte, die Krankheit unter Kontrolle zu haben, weil er Gerede unter Kollegen und Schülern fürchtete und auf keinen Fall wollte, dass das öffentlich wurde – das fügt sich erst im Nachhinein für sie zu einem Ganzen.

Dennoch sucht Karin Poller bis heute nach Antworten – vor allem auf die Frage nach dem "Warum". Tagelang habe sie dieses Wort gebetsmühlenartig wiederholt: Warum nur? Natürlich sei es unangemessen zu fragen "Wie konnte er uns das antun?", weiß Poller heute. Er war krank. Und trotzdem bleibe der gewaltsame Tod des eigenen Partners, den sie so gut zu kennen glaubte, vor allem auch für die Kinder ein Trauma, das sich nicht mehr auflöse. "Lebenslang" laute das Urteil, sagt sie. "Denn damit müssen wir umgehen – ein Leben lang."

Quälende Fragen und Selbstvorwürfe

Bis ans Ende des Lebens mit Selbstvorwürfen gestraft zu sein – das trifft auch auf Irma Seiler zu. Die heute 86-Jährige hadert selbst zehn Jahre nach dem Freitod ihrer Tochter noch immer damit, im entscheidenden Moment das Schlimmste nicht verhindert zu haben. Auch bei der 45-Jährigen sind es Depressionen, von denen die Mutter rückblickend meint, dass der behandelnde Arzt die Gefahr, in der sich Diana befunden habe, nicht erkannt hat.

Vielleicht hätte er eine stationäre Einweisung – neben der medikamentösen Therapie – verordnen müssen. Denn obwohl für die Familie klar ist, dass Diana ihr Leben nicht mehr alleine bewältigt – Auslöser für die psychische Labilität ist der Krebstod der älteren Schwester zwei Jahre zuvor – sie auf Unterstützung angewiesen ist und nicht unnötig lange alleine sein sollte, stürzt sich die alleinerziehende Mutter eines dreijährigen Kindes in einem unbeobachteten Moment aus dem fünften Stock ihrer Wohnung. Zurück lässt sie ihren Sohn Tim, der gerade im Kindergarten ist.

Alle Kraft zum Weiterleben mobilisieren

"Die Nachricht der Polizei traf uns wie ein Schlag. Wir konnten nicht glauben, was passiert war. Trotzdem müssen wir akzeptieren, dass hinter diesem Entschluss zu sterben ein Vorsatz stand und dass wir diesen Tod vermutlich nicht hätten verhindern können", erklärt Irma Seiler. "Unsere Tochter wollte nicht mehr leben; sie sah kein Licht mehr." 

Ablenkung, die nur die allerschwersten Stunden lindert, finden sie und ihr Mann – beide sind schon Ende 70 – in ihrer neuen Aufgabe. "Der einzige Trost war unser Enkelkind, das uns nun brauchte. Denn von jetzt auf gleich mussten wir Mama und Papa in einem sein, Tim ein neues Zuhause geben und außerdem noch den Tod unserer Tochter verarbeiten. Das war eine sehr schwere Zeit", erinnert sich die zierliche Frau an die ersten Wochen und Monate nach dem Unglück. "Schließlich mussten wir noch einmal unsere ganze Kraft mobilisieren – auch um Tim, der heute keine Erinnerungen mehr an seine Mutter hat, nicht mit unserem Schmerz zu belasten. Es gab keine Wahl, wir mussten zu dritt in einen neuen Alltag miteinander finden."

"Hätten wir das verhindern können?"

Vor fünf Jahren verliert Sabine Eckes ihre beste Studienfreundin durch Selbsttötung. Die 55-Jährige, eine erfolgreiche Ärztin mit eigener Praxis, erhängt sich im Treppenhaus ihres Einfamilienhauses und wird von ihrem Mann gefunden, der sie wenige Monate zuvor verlassen hat, aber mit ihr zu einer Aussprache verabredet ist. Beate und Suizid? Das bringt zunächst niemand mit der scheinbar toughen Karrierefrau und Mutter von zwei erwachsenen Kindern zusammen. Auch hier forschen Familie und Freunde eine Weile nach den Ursachen für die häusliche Tragödie, die das Leben aller, die Beate geliebt haben, auf den Kopf stellt. Der Schock sitzt tief. Die Erschütterung sorgt auch hier für große Fassungslosigkeit, einen unermesslichen Schmerz, aber auch Wut. Wie nur konnte sie uns das antun, fragt sich der gerade einmal 20-jährige Sohn. Und auch seine Schwester Inga, selbst angehende Medizinerin, sucht lange nach einer Antwort, die es nie mehr geben wird.

Doch auch hier fügen sich nach und nach einzelne Puzzleteile ineinander. Denn je ungläubiger Sabine Eckes die Persönlichkeitsstruktur der Freundin nach und nach analysiert, die sie seit über drei Jahrzehnten kennt und die schon im Studium eher als Powerfrau galt, desto mehr bröckelt das am Ende nur noch mit großer Anstrengung aufrecht erhaltene Konstrukt eines Menschen, der die dunkle Seite seiner Seele lange Zeit sorgfältig verbergen konnte. Das findet Eckes schon bald nach dem Suizid heraus.

Schon lange war nichts mehr so gewesen, wie es schien. Die Trennung nach 30 Jahren Ehe hat Beate nicht überwunden. Die Angst, alleine zurückzubleiben, war übermächtig. Doch das Ausmaß dieser Verkapselung in sich selbst ist Eckes und den anderen Freundinnen, die sich in dieser Phase engmaschig um die Medizinerkollegin kümmern, um ihr über diese Lebenskrise hinwegzuhelfen, nicht bewusst. Die quälendste Frage, sagt Sabine Eckes, sei für sie bis heute: Hätten wir ihren Tod verhindern können? Haben wir vielleicht mögliche Signale, die zu dieser Wendung führten, übersehen? Das seien Gedanken, die sie seit dem Tod der Freundin nicht mehr losließen und sich wie ein Schatten über das eigene Leben legten.

*alle Namen von der Redaktion geändert

Beatrice Tomasetti
(DR)

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