Lübecker Synagoge war vor 25 Jahren Ziel eines Brandanschlags

Nach dem Schock kam die Solidarität

Bei den NS-Novemberpogromen von 1938 ging sie nicht in Flammen auf: die Lübecker Synagoge. Doch dann war sie die erste in Deutschland, auf die nach dem Ende der Nazi-Herrschaft ein Anschlag verübt wurde.

Autor/in:
Leticia Witte
Protest nach dem Anschlag gab es auch von Schülern. / © Jo Marwitzky (epd)
Protest nach dem Anschlag gab es auch von Schülern. / © Jo Marwitzky ( epd )

Eine malerische Altstadt, mit ihr verbindet man Backstein, Holstentor und Hanse. Es ist aber auch die Stadt, in der bundesweit das erste Mal seit dem Ende der Nazizeit ein Anschlag auf eine Synagoge verübt wurde.

Das war vor 25 Jahren, in der Nacht auf den 25. März 1994. "Lübeck wird als die Stadt in die Geschichte eingehen, in der zum ersten Mal nach fünfzig Jahren wieder eine Synagoge gebrannt hat" - mit diesen Worten zitierte der NDR den damaligen Bürgermeister Michael Bouteiller zum 20. Jahrestag 2014.

Eine Welle der Solidarität nach dem Anschlag

Bei den NS-Novemberpogromen von 1938 war die Synagoge nicht in Flammen aufgegangen. Doch in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1994 zerstörte ein Brand den Vorraum des Gotteshauses und beschädigte Dokumente. Die in den oberen Stockwerken gelegenen Wohnungen blieben unversehrt, verletzt wurde niemand. Die Solidarität war groß: Am Folgetag demonstrierten mehrere Tausend Menschen in Lübeck und auch anderswo in Deutschland gegen den Brandanschlag im Norden.

Als Täter verurteilte ein Gericht rund ein Jahr später vier junge Männer zu Haftstrafen zwischen zweieinhalb und viereinhalb Jahren wegen Brandstiftung beziehungsweise Beihilfe. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb seinerzeit, dass aus Sicht des Gerichts bei drei Brandstiftern "der antisemitische Charakter der Gewalttat" eindeutig gewesen sei. Das Motiv des vierten Mannes, der wegen Beihilfe verurteilt wurde, sei für die Richter dagegen im Dunkeln geblieben.

"Es war zu spüren, dass die Menschen auf unserer Seite standen"

"Der Brandanschlag passierte in einer Zeit, als jüdische Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion nach Lübeck kamen", sagt Mark Inger, Sprecher der Carlebach-Synagoge, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Seinerzeit sei die Gemeinde, in der nach orthodoxem Ritus gebetet wird, auf etwa 800 Mitglieder angewachsen. So schlimm und schockierend der Anschlag gewesen sei: Die Solidarität unter anderen von Bürgern, Kirchen, Politikern und Gewerkschaftern sei beeindruckend gewesen. "Es war zu spüren, dass die Menschen auf unserer Seite standen."

Ähnlich sieht es auch der Gemeindevorsitzende Alexander Olschanski.

Bei einer Gedenkstunde Ende Januar zum Holocaust-Gedenktag, auf der auch an den Anschlag vor 25 Jahren erinnert wurde, betonte er: "Trotz mancher Schwierigkeiten ist Deutschland für die meisten von uns ein zweites Zuhause und für unsere Kinder und Enkelkinder eine echte Heimat geworden." Und gerade junge Menschen müssten sich bewusst sein, dass "wir alle Teil ein- und derselben Gesellschaft" seien.

"Passieren kann so etwas immer und überall"

Bald nach dem Anschlag wurde laut Inger der normale Betrieb in der Synagoge wieder aufgenommen. Auch der Zuzug von Juden aus der Ex-Sowjetunion ging weiter. Die Ereignisse von vor 25 Jahren hätten die Menschen zusammengeschweißt. Eine Folge der Tat: Die Gemeinde wird rund um die Uhr bewacht - wie die meisten anderen jüdischen Einrichtungen in Deutschland auch.

Im Mai 1995 wurde die Lübecker Synagoge zum zweiten Mal innerhalb von 14 Monaten Ziel eines Brandanschlags. Ein Anbau brannte aus, auch dieses Mal gab es keine Verletzten. "Hundertprozentig sicher kann man nie sein", sagt Inger. "Passieren kann so etwas immer und überall." Heute habe die Lübecker Synagoge etwa 650 Mitglieder und führe ein "normales Gemeindeleben". Und für eine gerade laufende Sanierung des Gotteshauses hatte der Bund einen Beitrag in Millionenhöhe zugesagt.


Die jüdische Synagoge in der St. Annen Straße in Lübeck. / © Zenit (epd)
Die jüdische Synagoge in der St. Annen Straße in Lübeck. / © Zenit ( epd )

Feuerwehr beim Löschen des Brandes. / © Jo Marwitzky (epd)
Feuerwehr beim Löschen des Brandes. / © Jo Marwitzky ( epd )
Quelle:
KNA