Peter Dabrock
Ethik-Professor Peter Dabrock

26.11.2018

Ethiker verurteilen "Menschenversuch" in China "Super-GAU für die Wissenschaft"

Wissenschaftler haben entsetzt auf Meldungen über die mögliche Geburt der weltweit ersten Designerbabys in China reagiert. Es handele sich um "unverantwortliche Menschenversuche", die das Vertrauen in die Wissenschaft unterminierten.

"Sollte es sich bewahrheiten, dass mit Hilfe der Genschere CRISPR ein genmanipuliertes Baby erzeugt worden ist, wäre dies für die Wissenschaft ein Super-GAU", erklärte der Ethikexperte Peter Dabrock, der Präsident des Deutschen Ethikrates ist, am Montag in Erlangen.

Dabrock forderte, dass die Politik sich des Themas so schnell wie möglich auf globaler Ebene annehmen müsse. Sie müsse darüber nachdenken, eine "Überwachungsbehörde analog zur Internationalen Atomenergie-Organisation zu schaffen".

Gen einfach stillgelegt

Der evangelische Theologe äußerte sich zu Meldungen, nach denen ein chinesischer Wissenschaftler das Erbgut von Zwillingsmädchen im frühen Embryonen-Stadium mit Hilfe der Genschere CRISPR/Cas genetisch verändert hat. Der Forscher gab an, dass er ein Gen stillgelegt habe, so dass die Kinder sich nicht mit HIV anstecken können. Der Vater der Kinder hatte HIV. Es gibt bislang allerdings keine unabhängige Bestätigung des Versuchs.

Dabrock sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), die Grundlagenforschung zu Eingriffen in die menschliche Keimbahn sei noch weit entfernt vom Einsatz beim Menschen. "Die Neben- und Spätfolgen sind noch unabsehbar und schwer zu kontrollieren", so der Theologe. "Die Menschheit muss ein Mitspracherecht haben. Immerhin handelt es sich um einen Eingriff in die biologische Grundlage des Menschen." Eingriffe in die Keimbahn beträfen nicht nur einen Einzelnen, sondern potenziell alle seine Nachkommen.

Ein Weckruf

Auch die Kölner Medizinethikerin Christiane Woopen forderte die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf. Die Nachrichten seien ein "Weckruf", um die Integrität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zu garantieren, sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger" (Dienstag). Ein solcher Eingriff widerspreche internationalen Menschenrechtsdokumenten.

Der Saarbrücker Humangenetiker Wolfram Henn zeigte sich skeptisch, ob die Berichte der Wahrheit entsprechen. Stimmten sie, so habe der Wissenschaftler "Gott gespielt". Das wäre "absolut inakzeptabel", sagte Henn der "Bild"-Zeitung (Dienstag). Auch die Tatsache, dass der Forscher die Zwillinge resistent gegen HIV gemacht haben will, kritisierte der Genetiker: "Es wurden hier Manipulationen an einem vermeintlich gesunden Embryo vorgenommen, um ein Problem auszuschließen, das diesen Menschen aber vielleicht nie betrifft und dem man auch ohne Genmanipulation beikommen kann. So darf niemand Wissenschaft machen."

Henn kritisierte zugleich, dass der Wissenschaftler jegliche Sicherheitsforschung einfach übergangen habe. "Es gab keine wissenschaftliche Begleitung durch Kollegen, keine Veröffentlichung des Verfahrens, keine Vorversuche und auch keine gesellschaftliche Debatte, ob so eine Veränderung am Menschen überhaupt ethisch vertretbar ist." Es werde ohne jede Rücksicht auf Risiken experimentiert. (KNA)

(KNA)

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