Jesuit Klaus Mertes
Jesuit Klaus Mertes

23.11.2018

Jesuit Mertes fordert zügige Konsequenzen aus Missbrauchsstudie Betroffene im Blick haben

​Jesuitenpater Klaus Mertes bemängelt ein aus seiner Sicht "angstgetriebenes Krisenmanagement" der Bischöfe bei der Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs. "Die kirchliche Sprache im Umgang mit Missbrauch grenzt oft aus", kritisierte Mertes am Freitag in Bonn.

Bei der ZdK-Vollversammlung in Bonn sagte Mertes: "Wenn die Missbrauchskrise als Glaubwürdigkeitskrise definiert wird, sind wir schon wieder bei der Institution und nicht bei den Betroffenen." Er bestreite nicht, dass die Kirche in einer Glaubwürdigkeitskrise sei. "Aber sie wird nicht überwunden werden, wenn das Ziel bloße Wiederherstellung von Glaubwürdigkeit ist."

"Was hören wir von den Betroffenen?"

Stattdessen müsse die zentrale Frage lauten: "Was hören wir von den Betroffenen - und was brauchen sie?". Dazu sei unter anderem das bisherige Verfahren der "Anerkennungszahlungen" zu prüfen. Ein besserer Zugang zu Akten gehöre ebenfalls dazu. Hilfreich seien zudem "bundesweite, unabhängige und niedrigschwellige Anlaufstellen", wie sie auch die von den Bischöfen vorgestellte Studie zum sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester vorschlage.

Mertes ist Direktor des Jesuitengymnasiums Sankt Blasien im Schwarzwald. Als damaliger Leiter des Berliner Canisius-Kollegs machte er 2010 Fälle von Missbrauch an der ebenfalls von Jesuiten geführten Schule publik und setzte damit die Debatte in Gang.

Kirche am Scheideweg

Die Kirche stehe an einem Scheideweg, mahnte Mertes. Viele Katholiken an der Basis erwarteten von allen Bischöfen die Bereitschaft, die Verantwortung für strukturelles Versagen der Institution klar erkennbar zu übernehmen und eine entsprechende Änderung der Strukturen herbeizuführen: "Wer Machtmissbrauch in einer Institution aufklären will, muss bereit sein, den Preis der Stigmatisierung der Institution zu zahlen."

Viele Mitarbeiter leisteten seit Jahren Kärrnerarbeit und seien bereit, für die Kirche die Kohlen aus dem Feuer zu holen, sagte der Jesuit weiter. "Doch die Bereitschaft, die Stigmatisierung solidarisch mitzutragen, kommt, so scheint es mir, in diesen Tagen und Wochen an ihr Ende." Wer sich täglich in der Ebene abmühe und dann "absurde Interviews" von dem ein oder anderen Nuntius oder Kardinal lesen müsse, "den packen eben irgendwann auch Trauer und Zorn. Und wenn Bischöfe dazu schweigen, dann ertragen das immer weniger Gläubige."

"Monarchische Strukturen"

Unabhängige Aufarbeitung und mehr Beteiligung von Laien auch bei der Besetzung von Pfarrämtern oder Bischofsstühlen seien dringend nötig. "Monarchische Strukturen" dagegen verhinderten Selbstaufklärung und -korrektur. Weiter sagte Mertes in seiner mehrfach von Applaus unterbrochenen Rede vor der Vollversammlung des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK): "Wenn die Kirchenleitung nicht in der Lage ist, die Einhaltung elementarer Standards von Anstand und Sitte gerade auch beim leitenden Personal einzufordern und durchzusetzen, dann ist der Sinn ihrer institutionellen Verfasstheit und damit auch ihr Selbstbestimmungsrecht in Frage gestellt."

(KNA)

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