Der Missbrauchsskandal und die Medien
Der Missbrauchsskandal und die Medien

20.09.2018

Wie informierte Medien mit der Missbrauchsstudie umgehen Der Versuch sachlicher Berichterstattung

Es läuft nicht rund. Ergebnisse der Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz wurden vorab bekannt. Doch statt die Deutung den Bischöfen zu überlassen, übernahmen dies informierte Medien lieber selbst – Interpretation inklusive.

Die "Studie zum sexuellen Missbrauch an Minderjährigen" der Deutschen Bischofskonferenz steht unter keinem guten Stern. 2011 angekündigt, einmal abgesagt, dann neu aufgelegt, wurde sie schließlich verfrüht an Medien durchgestochen.

Besser hätte die Reklame für "Spiegel" und "Zeit" kaum laufen können: Medien in aller Welt bis hin zur "New York Times" berichteten vergangene Woche, dass es den Hamburger Wochenblättern gelungen war, Inhalte einer brisanten, offenbar noch geheimen Studie zu erhalten.

Interpretationen der Medien

Darin wurde scheinbar Überraschendes und Erschreckendes zum Thema Missbrauch und katholische Kirche in Deutschland aufgedeckt: 1.670 Geistliche wurden in den vergangenen sieben Jahrzehnten beschuldigt, 3.677 Kindern und Jugendlichen sexuelle Gewalt angetan. 

Schlimmer noch: Nur etwa ein Drittel von ihnen sei bestraft worden, Akten seien vernichtet oder manipuliert worden. Und, ganz schlimm: Die mit der Studie beauftragten Forscher hätten nicht mal Zugriff zu den Originalakten erhalten. Man müsse von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgehen.

Deutungshoheit den Bischöfen genommen

Die "Zeit", die offenbar den frühesten Zugriff auf das Zahlenmaterial hatte, kündigte folgerichtig an, nicht den Bischöfen die Deutungshoheit über die von ihnen selbst in Auftrag gegebene, aufwendige Studie zu überlassen, sondern diese lieber selbst zu übernehmen. 

Anders als die Forscher sprachen die Medien weltweit denn auch bald nicht mehr von "Beschuldigten", sondern von "Tätern" (was weder juristisch noch faktisch dasselbe ist) und von "Opfern" statt von "Betroffenen". Gänzlich verschwiegen wurde, dass die anonyme, indirekte Zurkenntnisnahme der Akten ein ausgehandelter Kompromiss zwischen den für den Datenschutz ihrer Priester zuständigen kirchlichen Personalchefs und dem Forscherteam war.

Andernfalls hätten diese auch Zehntausende Personalakten eingesehen, die nichts mit Missbrauch zu tun haben und dennoch persönliche Daten von Priestern enthalten.

Dass das "indirekte Aktenstudium" auch einen Schutz für Prominente wie den einstigen Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger (heute: Benedikt XVI.) bedeutete, war ein Nebeneffekt dieses Arrangements.

Die FAZ ließ es sich dennoch nicht nehmen, die bekannte, aber inzwischen wieder weithin vergessene Aktenlage zum Fall eines 1980 unter Ratzinger ins Erzbistum München-Freising übernommenen pädophilen Straftäters im Priestergewand nochmal in einer ganzseitigen Reportage aufzurollen - allerdings ohne Namensnennung der involvierten Entscheidungsträger. 

DBK um geordnetes Vorgehen bemüht

Unterdessen bemühte sich die Deutsche Bischofskonferenz um ein halbwegs geordnetes Vorgehen in den Reihen ihrer Mitglieder - von denen manche nicht beglückt waren, dass Hamburger und Berliner Journalisten die Studie schon lange vor ihnen kannten. Statt die Studie erst auf der Herbstvollversammlung allen Bischöfen vorzustellen, beschloss das DBK-Sekretariat schließlich, den Text vorab per Post zu verschicken. 

In einem internen - allerdings auf der Homepage des Bistums publizierten - Brief gab das Osnabrücker Generalvikariat als erstes Zahlen aus dem Bistum bekannt: 35 beschuldigte Geistliche hat es demnach von 1946 bis 2015 dort gegeben. Geht man von der Schätzung aus, dass im gesamten Zeitraum etwa 1000 Priester im Bistum tätig waren (derzeit sind es noch rund 250) kommt man auf einen Anteil von knapp 3,5 Prozent Beschuldigten - was unter der Quote von 4,4 Prozent bei der deutschen Gesamtstudie liegt. 

Dass etwa 4 Prozent der katholischen Geistlichen einmal oder mehrere Male in ihrem Berufsleben gegen Minderjährige übergriffig oder wegen Anschuldigungen aktenkundig werden, hatte bereits im Jahr 2004 die umfangreiche, aber rein kriminologische Studie des "John Jay College of Criminal Justice" im Auftrag der US-Bischofskonferenz ergeben. 

Das renommierte Institut untersuchte damals alle Fälle aus den 194 amerikanischen Bistümern und Eparchien von 1950 bis 2002 - ebenfalls auf Basis anonymisierter Akten-Meldungen. Auch die relativ geringe Zahl von Strafverfahren und Verurteilungen wurde damals schon thematisiert. Besonderes Interesse weckte im John Jay Bericht die Beobachtung, dass es die meisten mutmaßlichen Fälle in den 1970er Jahren gab. Ob es ähnliche Beobachtungen auch in der deutschen Studie gibt, wird erst kommende Woche bekannt gegeben. (KNA)

Information der Redaktion: Der Artikel ist eine Einschätzung des KNA-Redakteurs Karl Peters.

(KNA)

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