Gladbecker Geiseldrama
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Propst Michael Ludwig
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Gladbeck: Schwarze Stunde auch für Journalismus
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Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus
Die bewaffneten Geiselnehmer Dieter Degowski (l) und Hans-Jürgen Rösner stehen in dem in Bremen gekaperten Linienbus

16.08.2018

Vor 30 Jahren: Seelsorger betreut Familie der Geiselnehmer von Gladbeck "Es war ganz schrecklich"

Propst Michael Ludwig betreute vor 30 Jahren die Familie von Marion Löblich. Letztere gehörte zum Geiselnehmer-Trio von Gladbeck. Ihre Angehörigen seien schockiert und ratlos gewesen, erzählt der Geistliche im Interview.

DOMRADIO.DE: Inwieweit kommen bei Ihnen in diesen Tagen, in denen alle über den Jahrestag dieses Dramas berichten, alte Erinnerungen hoch?

Propst Michael Ludwig (St. Peter & Paul Bochum): Es war für mich damals ein sehr überraschender Seelsorge-Einsatz bei den Angehörigen. Die Dimension ist mir erst im Laufe der Zeit bewusst geworden.

DOMRADIO.DE: Wie kam es, dass Sie damals mit der Familie von Marion Löblich am Wohnzimmertisch gesessen haben?

Ludwig: Die Familie war total geschockt. Sie wussten sich in ihrer Not nicht zu helfen, haben damals die Familienberatungsstelle angerufen, ob sie als Familie Hilfe bekommen könnten.

Diese Familienberatungsstelle machte zwar telefonisch Termine aus, aber keine Hausbesuche. Ich war im Hintergrund für die Berater als Seelsorger zuständig. Sie riefen mich an. Ich habe das Fahrrad genommen und bin zu der Familie gefahren. Ich habe überhaupt nicht gedacht, welche Tragweite das hatte.

DOMRADIO.DE: War denn das Haus der Familie nicht von Polizei und Medien umlagert?

Ludwig: Nicht in dem Maße, weil der Tatort in einem anderen Stadtteil war. Vor dem Haus standen natürlich auch Polizeibeamte. Sie hatten die Aufgabe, die Familien zu schützen - auch vor der Presse und ähnlichen Geschichten. Ich habe als Kaplan der Gemeinde dann gesagt, ich mache einen Hausbesuch, sodass ich dann - nach Rücksprache mit der Polizei - an den Beamten vorbei gegangen bin und die Familie besucht habe.

DOMRADIO.DE: Wie stelle ich mir das dann vor? Da sitzen irgendwie Schwester, Kinder der Geiselnehmer auf dem Sofa und sagen 'Guck mal da im Fernsehen'?

Ludwig: So ungefähr war es. Der Fernseher lief. Es war ganz schrecklich. Die Familie war sehr betroffen. Sie waren nervös und total geschockt. Die Kinder liefen durch die Wohnung, versuchten sich abzulenken. Heute gibt es dafür Fachbegriffe. Alles das war damals noch nicht bekannt. Man wollte einfach mit jemandem sprechen, der Erklärungen geben konnte. Dann war eben die Beratungsstelle oder ich als "Mann der Kirche" gefragt.

DOMRADIO.DE: Der Erklärung geben konnte - für was?

Ludwig: Wie Menschen so etwas tun konnten. Ich habe erst mal gesagt: 'Flimmerkiste aus'. Denn, wenn so ein Ding im Hintergrund läuft, achtet man nur mehr darauf. Die Kinder sollten erst mal ins Kinderzimmer gehen, spielen. Ich habe mit den Angehörigen versucht zu klären, wer denn wie betroffen ist, welche Kontakte vorhanden sind, um die Kinder zu stabilisieren - und nicht so sehr, was die anderen machten, die da draußen in der Republik durch die Gegend fuhren.

DOMRADIO.DE: Jetzt hat sich dieses ganze Geiseldrama über Tage, 54 Stunden, hingezogen. Das dauert so lange, bis die Polizei dann bei Bonn in einer sehr umstrittenen Aktion dem Ganzen ein Ende bereiten konnte. Sind Sie denn da die ganze Zeit im Hause der Familie geblieben?

Ludwig: Nein. Ich habe auch andere Angehörige kennengelernt. Ich habe versucht, die Situation zu beruhigen. Wir haben dann einfach die Kinder in die Jugendgruppen mitgenommen - zum Spielen, Ablenken, einfach aus dem Rummel raus. Das war damals alles sehr spontan und relativ laienhaft. Aber so konnten die Kinder etwas anderes sehen. Die Geiselnehmer gaben auf ihrer Flucht Interviews, sie telefonierten mit Zeitungs- und Fernsehredaktionen. Die Presse wurde ja immer schlimmer. Daraufhin haben wir die Kinder dann auch ins Sommerlager mitgenommen, sodass wir die Kinder dann einfach auch in Gruppen integriert haben.

DOMRADIO.DE: Wenn dann ein Kind mit dem Nachnamen "Löblich" in so eine Gruppe kam, gab es da dann Probleme? Wurden sie damit aufgezogen, angesprochen?

Ludwig: Bei Kindern ist das ja nicht so. Die Namen waren für die Kinder in den Jugendgruppen nicht wichtig. Dort waren sie einfach Kinder.

DOMRADIO.DE: Es hat ja damals das begonnen, was heute fast Alltag ist. Man hat sich ein bisschen daran gewöhnt, dass Medien über Verbrechen berichten, bevor die Feuerwehr und die Polizei vor Ort sind. Diese sogenannten sozialen Medien befeuern das alles. Wie beurteilen Sie das?

Ludwig: Ich finde das ganz schrecklich, weil ja auch vielfach Nicht-Betroffene damit emotional hochgepusht werden. Und Betroffene haben ja auch schon genügend Probleme. Wir müssen immer mehr Schutzwände aufbauen, wie bei Autobahn-Unfällen. Wir brauchen Schutzwälle für Menschen. Mittlerweile gibt es ja auch die Notfallseelsorge. Ich bin später Notfallseelsorge geworden. Das gab es nicht. Wir müssen den Betroffenen ermöglichen, mit ihren Emotionen und ihrer Trauer umzugehen, ohne dass es von Medien missbraucht wird.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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