Symbolbild: Missbrauch
Symbolbild: Missbrauch
Matthias Neff
Matthias Neff

04.05.2018

Hunderte Missbrauchsfälle bei Zeugen Jehovas in den Niederlanden Folgen eines autoritären Systems?

In den Niederlanden wurden hunderte Missbrauchsfälle unter den Zeugen Jehovas gemeldet. Etliche der Taten liegen bereits viele Jahre zurück. Wie konnte es dazu kommen, dass das Übel in der Religionsgruppe so lange unentdeckt blieb?

DOMRADIO.DE: Hunderte Missbrauchsfälle bei den Zeugen Jehovas in den Niederlanden hat die Organisation "Reclaimed Voices" nach eigenen Angaben verzeichnet. Das bestätigte der Vorsitzende der Organisation, Raymond Hintjes, der Katholischen Nachrichten-Agentur. "Reclaimed Voices" wurde im November 2017 gegründet, um sich dieses Themas anzunehmen. Seitdem seien Meldungen über 276 Fälle von Missbrauch bei der Glaubensgemeinschaft eingegangen. Etliche der Taten lägen viele Jahre zurück.

Sexueller Missbrauch ist ein Thema, das uns in den unterschiedlichsten Facetten und den verschiedensten Strukturen begegnet. Inwieweit spielen die Strukturen einer Organisation wie den Zeugen Jehovas solchen Vergehen in die Karten?

Matthias Neff (Ansprechpartner im Bischöflichen Generalvikariat Trier für Religions-, Weltanschauungs- und Sektenfragen): Die Zeugen sind eine Organisation, die man als geschlossenes und autoritäres System bezeichnen könnte. Sie sind dafür bekannt, dass sie sich abschotten. Was im Inneren der Organisation abgeht, davon bekommt man nicht viel mit. Und das macht es natürlich immer schwierig, offen miteinander zu reden.

Die Zeugen Jehovas sehen Heil und Erlösung nur innerhalb Ihrer eigenen Organisation. Nur wer zu ihnen gehört, kann nach deren Vorstellung ewiges Heil und Erlösung erlangen. Das macht natürlich den kritischen Umgang innerhalb der  Organisation schwierig. Denn einfache Mitglieder, die sich in einer autoritären Leitungsstruktur mit ihren Ältesten auseinandersetzen, riskieren dabei, dass sie aus der Vereinigung möglicherweise ausgeschlossen werden. Damit würden sie dann den Anspruch auf ewiges Heil verlieren. Das ist natürlich etwas, was die Aufklärung von solch schwerwiegendem Verbrechen wie sexuellem Missbrauch schwierig macht.

DOMRADIO.DE: Der niederländischen Justizminister hat den Vorstand der Zeugen Jehovas vor einigen Monaten aufgefordert, sich mit Missbrauchsopfern zu treffen. Das ist nicht geschehen. Warum?

Neff: Die Zeugen Jehovas haben eine erhebliche Distanz zum Staat. Auch wenn sie rechtstreu sind und es sich nicht um politische Extremisten handelt, lehnen sie den Staat ab. Denn für sie ist der Staat genauso ein Teil des Systems Satans wie auch die anderen Religionen. Alle sind dem baldigen Untergang geweiht. Die Zeugen erwarten, dass Jehova in Kürze den Staat und die anderen Religionen vernichten wird. Bei dieser Einstellung gegenüber dem Staat ist es natürlich schwierig, mit solchen Stellen konstruktiv zusammen zu arbeiten, und diese Zusammenarbeit zu suchen und zu fördern, beziehungsweise auf solche Vorschläge einzugehen.

DOMRADIO.DE: Der Verein "Reclaimed Voices" will nun zur Aufklärung dieser mutmaßlichen Taten beitragen. Geplant ist auch ein Treffen der Organisation mit dem niederländischen Justizminister. Was glauben Sie, wie geht das weiter?

Neff: Das ist schwer zu sagen. Es ist wichtig, dass die staatlichen Möglichkeiten genutzt werden, um Verbrechen aufzuarbeiten. Schließlich handelt es sich um schwerwiegende Verbrechen und es ist die Pflicht auch des Staates, da für eine Strafverfolgung zu sorgen. Ich gehe davon aus, dass das auch Thema sein wird.

DOMRADIO.DE: Die katholische Kirche ist in Sachen sexuelle Missbrauchsvorwürfe kein unbeschriebenes Blatt. Inwieweit geht die katholische Kirche anders mit den Vorwürfen um, als das die Religionsgruppe der Zeugen Jehovas tut?

Neff: Ich glaube, dass wir da wesentlich besser als die Zeugen Jehovas mit umgehen. Es hat sich inzwischen in der Kirche durchgesetzt, dass der Schutz von Schutzbefohlenen wie Kindern und Jugendlichen wesentlich wichtiger ist, als das Ansehen der Kirche im Sinne von Organisation. Die Bistümer haben gelernt, die Aufarbeitung aktiv zu unterstützen und auch die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und der Justiz zu suchen. Es betrifft ja nicht nur Institutionen oder Verbrechen, die bereits begangen wurden, sondern das bezieht sich ja auch auf den Schutz von Jugendlichen und Kindern, die heute vertrauensvoll mit der Kirche zusammenarbeiten.

Es gibt Schulungen, einen Verhaltenskodex, wie sich Haupt- und Ehrenamtliche gegenüber Kindern und Jugendlichen angemessen verhalten sollen. Alle Mitarbeiter legen erweiterte Führungszeugnisse vor und es greift das institutionelle Schutzkonzept. Für Betroffene, die Opfer werden, gibt es viele Möglichkeiten, unabhängige Gesprächspartner zu finden, die sie ernst nehmen und bei der Aufklärung unterstützen. Ich glaube, da sind wir erheblich weiter, als die Zeugen Jehovas.

(DR)

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