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Embryonenforschung

20.06.2016

Ethikrat befasst sich mit neuen gentechnischen Methoden Zugriff auf das menschliche Erbgut

Wissenschaftler forschen mit Hochdruck an einer so genannten Gen-Schere. Mit ihr soll Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen gezielt verändert werden. Verbunden damit sind erhebliche ethische Probleme und Gefahren.

Eine Revolution kündigt sich an. Bislang galten gezielte Eingriffe ins menschliche Erbgut als technisch schwer machbar. Das könnte sich ändern. Denn durch die neue gentechnische Methode mit dem sperrigen Namen CRISPR/Cas9 könnte an die Stelle grobschlächtiger und fehleranfälliger Verfahren eine neue Gen-Chirurgie bei Pflanzen, Tieren und Menschen treten - einfach, billig und hoch effizient. Allerdings lauern auch Gefahren. Deshalb will sich der Deutsche Ethikrat am Mittwoch auf seiner Jahrestagung mit dem "Zugriff auf das menschliche Erbgut" befassen.

Erst 2012 haben die beiden Wissenschaftlerinnen Emmanuelle Charpentier, Direktorin am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, und die US-Molekularbiologin Jennifer A. Doudna das neue, Nobelpreis-verdächtige Verfahren entdeckt. Abgeschaut haben sie sich die Methode von den zelleigenen Reparaturmechanismen bei Bakterien.

"Hochpräzisions-Schere"

Bei CRISPR/Cas9 handelt es sich nach den Worten des Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, um eine "Hochpräzisions-Schere". Gene oder kleinste DNA-Bausteine können mit Hilfe zelleigener Enzyme eingefügt, entfernt, verändert oder ausgeschaltet werden - vergleichbar mit der Funktion "Suche - Ersetze" im Computer.

CRISPR/Cas9 kann bei der Züchtung von Pflanzen und Tieren, aber auch bei menschlichen Genen angewandt werden. Weltweit arbeiten Forscher derzeit mit Hochdruck daran, mit der neuen Methode Nutzpflanzen robuster oder ertragreicher zu machen. Das Besondere: Anders als bei bisheriger Gentechnik bleibt kein artfremdes Erbgut in den Pflanzen zurück. Die neue Sorte ist von durch natürliche Züchtung entstandenen Pflanzen nicht zu unterscheiden. Schon jetzt ist ein heftiger Streit entbrannt, ob solche Pflanzen als "gentechnisch verändert" anzusehen sind. Die Frage ist, ob solche Sorten gekennzeichnet werden müssen und ob sie auch im Ökolandbau einsetzbar sind.

Wissenschaftler träumen von neuen Heilungsmöglichkeiten

Viel brisanter ist die Debatte aber mit Blick auf Veränderungen menschlicher Gene. Bei bisherigen Versuchen, sie zu reparieren, gab es massive Rückschläge. Viele Patienten erkrankten an Krebs. Jetzt träumen die Wissenschaftler von neuen Heilungsmöglichkeiten durch CRISPR/Cas. Im Labor konnten die Forscher bereits Huntington und Mukoviszidose bekämpfen.

Zunächst aber stellen sich handwerkliche Fragen, wie der Ethikratsvorsitzende Dabrock betont. Noch ist unklar, wie häufig bei CRISPR/Cas fehlerhafte Schnitte auftreten und wie weit die Funktion von Genabschnitten richtig verstanden ist. Diskutieren will der Ethikrat auch, dass nicht nur Krankheiten geheilt, sondern auch menschliche Eigenschaften gezielt verbessert werden können - Kritiker befürchten Menschenzüchtung.

Am heikelsten sind gentechnische Veränderungen der menschlichen Keimbahn, die bislang in Deutschland verboten sind. Solche Eingriffe seien nicht rückgängig zu machen und prägten alle künftigen Generationen, warnt Dabrock: "Es geht hier um Menschen, an denen experimentiert wird."

Menschliche Eizellen gezielt verändert

Auch die Molekularbiologin Doudna ist sich der Brisanz ihrer Entdeckung bewusst. Sie organisierte 2015 einen Ethik-Gipfel in den USA. Sein Ergebnis: eine freiwillige Selbstbeschränkung der Wissenschaft. Grundlagenforschung soll vorangetrieben, die Keimbahn-Therapie - vorerst - geächtet werden. "Wir Wissenschaftler müssen diskutieren, ob wir die Technik benutzen wollen, um die menschliche Keimbahn zu verändern", fordert sie. "Wir wollen garantieren können, dass die Technologie sicher ist."

Dass das alles keine Hirngespinste sind, zeigen Berichte aus Wissenschaftspublikationen der vergangenen Monate: Wissenschaftler in China haben mit der neuen Methode befruchtete menschliche Eizellen gezielt verändert. Nur viermal gelang die gewünschte Manipulation. Im April 2015 veröffentlichten die Forscher ihre Ergebnisse und sorgten für einen Aufschrei.

Auch in Europa gibt es entsprechende Forschungsvorhaben: Im Februar erlaubte die britische Behörde HFEA erstmals einer Forschergruppe, gezielt Gene menschlicher Embryonen im Frühstadium zu verändern. Die veränderten Embryonen dürfen allerdings keiner Frau eingepflanzt werden sondern müssen nach zwei Wochen zerstört werden.

Christoph Arens
(KNA)

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