Wunibald Müller
Dr. Wunibald Müller

Wunibald Müller ist Theologe, Psychologe und Leiter des Recollectio-Hauses, einer Einrichtung der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach. Es wird finanziell von mehreren Diözesen mitgetragen. Seine Angebote richten sich an Priester, Ordensleute und kirchliche Mitarbeiter in persönlichen und beruflichen Krisen.

28.06.2015

Dr. Wunibald Müller zum Umgang der katholischen Kirche mit Homosexualität "Die Sexualmoral muss sich ändern"

Die Homosexuellen-Ehe: Realität nun auch in den USA und in Irland. Warum gibt die katholische Kirche gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht ihren Segen? Ein Interview mit dem Theologen Dr. Wunibald Müller.

domradio.de: Warum ist es uns in der katholischen Kirche nicht egal, ob ein Mensch hetero- oder homosexuell ist?

Dr. Wunibald Müller: Weil Homosexualität nach wie vor in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, sie immer noch etwas Fremdes ist, wir die Last mittragen, dass Homosexualität noch in den 60er Jahren kriminalisiert und später pathologisiert wurde. Und manchmal auch, weil viele Menschen Angst haben, mit ihren eigenen homosexuellen Gefühlen in Berührung zu kommen, wenn sie das Thema zulassen. Und dann natürlich auch, weil viele innerhalb der Kirche davon ausgehen, dass die Homosexualität nicht der Schöpfungsordnung entspricht.

domradio.de: Die katholische Sexualmoral spricht von einer göttlichen Schöpfungsordnung, die auf heterosexueller Liebe aufbaut, weil nur so Fortpflanzung möglich ist. Ist das richtig? Sie sagen ja, dass die kirchliche Sexualmoral weiterentwickelt werden müsse…

Dr. Wunibald Müller: Dass die Fortpflanzung auf der heterosexuellen Liebe aufbaut, ist richtig, ob die Homosexualität damit der Schöpfungsordnung nicht entspricht, weiß ich nicht. Will die katholische Kirche, in dem, was sie zur gelebter Sexualität sagt, homosexuelle Menschen ansprechen, muss die Sexualmoral erweitert werden. Im Grunde genommen heißt es im Moment: Nur innerhalb der Ehe ist gelebte Sexualität moralisch gut. Es schließt also alle aus, die nicht innerhalb der Ehe ihre Sexualität leben. Und das betrifft natürlich auch die Homosexuellen.

Ich glaube, die Sexualmoral muss sich insofern ändern, dass man nicht mehr von der Heterosexualität als Norm ausgeht, sondern sagt: Es gibt das Potenzial der Sexualität und die Aufgabe der Kirche ist es, Menschen zu helfen, in ihrem Leben und in ihren Beziehungen dieses Potenzial der Sexualität so zu leben, dass es zu einer Bereicherung ihres Lebens beiträgt.

domradio.de: Im Katechismus steht, dass Homosexualität der Naturordnung widerspricht. Wie gehe ich als Katholik damit um?

Dr. Wunibald Müller: Indem ich es zur Kenntnis nehme und weiß, dass es im Moment die Lehre der Kirche ist und ich es damit nicht übergehen kann. Auf der anderen Seite ist es wichtig, davon auszugehen, dass sich auch die Lehre der Kirche entwickeln kann. Hier gilt, was Karl Rahner einmal bezogen auf die Dogmen gesagt hat: Sie sind Laternen in der Dunkelheit vergleichbar und nur Betrunkene halten sich an ihnen fest. Die Lehre der Kirche kann wie eine Laterne in der Nacht, Licht schaffen, kann Orientierung sein. Entscheiden, was ich tue, muss ich selbst. Dabei kann auch helfen, dass in der Bibel steht, dass Gott die Liebe ist. Und dass es Werte gibt, für die sich das Christentum schon immer stark gemacht hat. Dazu gehören die Würde des Menschen und die Gleichheit des Menschen. Die Aussage, Homosexualität sei nicht in Ordnung, wird dann  mit der Liebe und den Werten, die sich daraus ergeben, konfrontiert. Die Spannung, die sich daraus ergibt, muss man als Kirche aushalten, will man homosexuelle Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit, zu auch ihre innigen Beziehungen zählen, ernstnehmen und ansprechen will. Also, man muss diese Sperrigkeit in der Lehre der Kirche zur Kenntnis nehmen und sich davon herausfordern lassen - aber stets das Element der Liebe mit einbeziehen. 

domradio.de: Wie gehe ich aber mit den biblischen Zeugnissen um? Praktizierte gleichgeschlechtliche Liebe wird an vielen Stellen in der Bibel als Sünde verurteilt.

Dr. Wunibald Müller: Wenn dort von Homosexualität gesprochen wird, ist es nicht das gleiche, als wenn wir heute von homosexueller Liebe sprechen. Was wir heute über Homosexualität wissen - dass das eine Anlage eines Menschen ist -, dieses Verständnis gab es zu der Zeit, als die biblische Texte verfasst worden sind, nicht. Deswegen muss man bei der Bewertung von Homosexualität und homosexueller Liebe, das beachten, was die Humanwissenschaften uns sagen, vor allem aber was homosexuelle Menschen selbst von sich berichten.

domradio.de: Warum tut sich die katholische Kirche denn dann so schwer mit einer Sexualmoral, die die in Treue und  Vertrauen gelebte homosexuelle Liebe anerkennt?

Dr. Wunibald Müller: Die Verantwortlichen in der Kirche verstehen die Bibel so, dass sie der Heterosexualität die Norm zuspricht. Also: Menschwerdung geschieht in der Begegnung von Mann und Frau. Jetzt schwulen und lesbischen Liebesbeziehungen den gleichen Stellenwert einzuräumen, betrachten sie als Verrat an der Bibel, auch wenn es sich bei diesen Beziehungen um treue, verbindliche, liebevolle und fürsorgliche Beziehungen handelt.

domradio.de: Ist der Anteil von Homosexuellen in der katholischen Kirche höher als in der Gesamtgesellschaft?

Dr. Wunibald Müller: Was die Gesamtbevölkerung betrifft, glaube ich nicht, dass er höher ist. Was die Oberschicht in der Kirche betrifft, also die Priester und die Bischöfe, ist sie erheblich höher. Bei den Priestern können wir von mindestens 20 Prozent ausgehen.

domradio.de: Das Thema wird auch zwischen Laien und Amtskirche sehr kontrovers diskutiert. Als es um eine mögliche Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren ging, kam es zum offenen Streit zwischen dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und einigen Bischöfen.

Dr. Wunibald Müller: Grundsätzlich gibt es einen Konsens darüber, als Kirche homosexuellen Menschen mit Respekt zu begegnen. Ein nächster Schritt wäre, homosexuellen Paaren, bei denen wichtige Werte, die auch in heterosexuellen Beziehungen gelten, gelebt werden, die Segnung nicht zu verweigern. Das wird nicht dem Sakrament der Ehe vergleichbar sein, aber eine Öffnung zu allen spirituellen Möglichkeiten und Hilfen, die auch für die Ehe gelten, ermöglichen.

domradio.de: Was erwarten Sie sich von der Familiensynode im Herbst in Rom?

Dr. Wunibald Müller: Hinsichtlich der Weiterentwicklung der Lehre der Kirche nicht viel. Ich erwarte aber, dass Wiederverheiratete künftig zu den Sakramenten, also dem Empfang der hl. Kommunion, zugelassen werden. Wenn die Kirche bei dieser Frage versagen sollte, sehe ich schwarz für die Zukunft. Dann werden sich noch mehr Menschen von der Kirche abwenden und sagen, mit diesem lieblosen, unbarmherzigen Laden möchten sie nichts mehr zu tun haben. Aber zu einer Segnung homosexueller Paare wird sich die Synode nicht durchringen können.

Das Interview führte Johannes Schröer.                        

(DR)

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