Robert Kleine
Robert Kleine

25.09.2021

Kölner Stadtdechant blickt hoffnungsfroh in die Zukunft "Es kann kein 'Weiter so' geben"

Erzbischof Woelki lässt sein Amt für ein halbes Jahr ruhen. Weihbischof Steinhäuser übernimmt die Amtsgeschäfte. Für den Kölner Stadtdechanten Robert Kleine sind Personalia aber nicht das Wichtigste, wenn es um die Zukunft des Erzbistums geht.

DOMRADIO.DE: Wie war denn Ihre Reaktion auf die Mitteilung aus dem Vatikan, dass Rainer Maria Kardinal Woelki im Amt bleibt, zunächst aber eine mehrmonatige Auszeit nimmt?

Msgr. Robert Kleine (Kölner Stadt- und Domdechant): Ich war zuerst einmal froh, dass diese Reaktion jetzt kam, da es ja in den letzten Tage und Wochen schon so viele Gerüchte gab. Ich bin froh, dass jetzt einmal Klarheit herrscht und diese Zeit der Ungewissheit und Spekulationen vorbei ist.

Was veröffentlicht worden ist, hat mich in einer gewissen Weise nicht überrascht. Nach der Entscheidung im Falle von Erzbischof Stefan Heße bin ich auch davon ausgegangen, dass bei Weihbischof Puff und Weihbischof Schwaderlapp ähnlich entschieden wird, sie in ihrem Amt zu belassen. Bei Weihbischof Schwaderlapp kommt jetzt dazu, dass er als Zeichen nach außen eine besondere Auszeit nehmen und im Ausland als einfacher Priester unterwegs sein möchte.

Und was Kardinal Woelki betrifft: Er hat seinen Rücktritt ja nie angeboten. Er stand auch nicht infrage, wie die eben Bezeichneten, aufgrund eigener Verfehlungen im Rahmen der Missbrauchsaufklärung. Sondern hier hatte sich ja eine Vertrauenskrise im Laufe der Zeit aufgebaut. Daher war ich von der Entscheidung, die heute veröffentlicht wurde, nicht überrascht.

DOMRADIO.DE: Nun gibt es eine Entscheidung, die eher den Wartezustand verlängert. Denn wir wissen im Grunde immer noch nicht, wie es im Erzbistum weitergeht. Wie sehen Sie das?

Kleine: Ein bisschen sind wir nun in diesem Status. Der Erzbischof hat auch betont, dass er jetzt von sich selber heraus, vielleicht auch mit Verabredungen des Vatikan, diese Auszeit bis zur nächsten Fastenzeit, zur österlichen Bußzeit, nimmt. Ich glaube, es ist zuerst einmal klar: Im Rahmen des Missbrauchskomplexes und der Aufarbeitung des Missbrauchs ist da von ihm persönlich kein Fehler begangen worden. Er gesteht ein, dass er vielleicht Fehler in der Kommunikation begangen hat. Das ist das eine Thema.

Weiter schreibt er auch, dass der Papst ihn in seinem Aufklärungsvorhaben bestätigt hat und dass es ihm jetzt vor allem um die Betroffenen geht. Denn das ist ja das Wichtigste: Die dürfen wir bei all den ganzen Sachen nicht aus dem Blick verlieren. Um die geht es in erster Linie.

Aber in dem Schreiben des Papstes kommt auch zum Ausdruck, dass die Apostolischen Visitatoren eine Glaubwürdigkeitskrise und Vertrauenskrise im Erzbistum festgestellt haben. Das muss nun einmal in der Zeit neu betrachtet werden, die der Erzbischof sich nimmt. Wie kann er Vertrauen zurückgewinnen? Wie ist das möglich? Was müssten sich für Haltungen ändern? Er hat ja einige Beispiele genannt: das Zuhören, das Aufeinanderzugehen. Daran wird sich jetzt erweisen, ob das einfach so möglich ist, Vertrauen zurückzugewinnen. Denn es wird einem nur geschenkt.

DOMRADIO.DE: Sie schreiben in einer ersten Reaktion: Erforderlich sei nicht nur ein geistlicher Prozess der Versöhnung und Erneuerung, sondern auch ein inhaltlicher, kommunikativer und pastoraler Prozess der Erneuerung, der zugleich ein gemeinsamer geistlicher Weg sein sollte. Wie meinen Sie das?

Kleine: Es ist zu kurz gesprungen, zu sagen: "Jetzt haben wir eine gewisse Zeit der Ruhe. Und dann machen wir weiter wie bisher." Wir haben viele Themen, die in unserem Pastoralen Zukunftsweg anstehen, die die Pastoral der Zukunft in unserem Bistum betreffen. Wir haben den Synodalen Weg, in dem auch Themen behandelt werden, die die MHG-Studie nach den Missbrauchsfällen auf den Weg gebracht hat. Also: Wir müssen uns verschiedene Fragen über Macht, über das Amtsverständnis, die Sexualmoral stellen. Da ist man auf dem Weg. Und der Heilige Vater nimmt das ja auch alles in die weltweite Synode hinein.

Also, es geht um inhaltliche Positionierungen der Kirche. Ich erlebe, dass viele Menschen sagen: "Wie kommt unser Leben, wie kommt das, was wir erleben, wie kommen unsere Lebenswirklichkeiten eigentlich im Alltag der Kirche vor, im Glaubensleben? Wie komme ich mit meinen vielleicht auch gebrochenen Lebensentwürfen oder ganz anderen Entwürfen, die vielleicht für die Kirche im Augenblick noch keine Rolle spielen, da vor? Wie kann ich Kirche sein? Wie kann ich meinen Glauben als Getaufter und Gefirmter leben?" Das sind Fragen, die wir jetzt angehen müssen.

Es kann also kein "Weiter so" geben. Es gibt Reformbedarf und Gesprächsbedarf, Dialogbedarf. Das darf kein einseitiges "Ich höre mal und entscheide dann" sein. Wir wollen miteinander auf einem Weg sein. Das ist das Gebot der Stunde. So verstehe ich dann auch das, was der Heilige Vater sagt, dass man miteinander im Gespräch ist und miteinander einen Prozess geht und nicht der eine sagt: "So geht der Prozess."

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie denn nun den Gläubigen in den Gemeinden, in den Pfarreien, die sagen: Wie geht es jetzt weiter? 

Kleine: Eines wissen wir doch: Wer bleibt. Nämlich Christus selber. Um den geht es ja. Es steht mir nicht zu, jetzt für den Erzbischof Antworten zu suchen oder zu finden. Es gibt jetzt eine klare Regelung, was uns in den nächsten Monaten im Bistum erwartet. Was den Erzbischof betrifft, seine Anwesenheit im Bistum und wie das Bistum durch Weihbischof Steinhäuser für eine gewisse Zeit geleitet wird.

Aber dann geht es doch um die Dinge, die unseren Glauben und die Kirche ausmachen. Wir haben so viele Themen in unserer Zeit, wo wir als Kirche gefragt sind: Wir haben jetzt eine Bundestagswahl. Wie ist es um die Würde des Menschen bestellt? Wie gehen wir weiter mit den Erfahrungen der Corona-Pandemie um? Haben wir nicht eine frohe Botschaft, die in dieser globalisierten Welt noch einmal zum Tragen kommen muss? Wie sorgen wir in Solidarität füreinander? All das sind doch Themen, die wir als Christen eigentlich behandeln müssten und wo wir Antworten aus dem Evangelium haben. Das geht mir etwas verloren.

Wir, jeder und jede einzelne, jede Gemeinde, ob hier in Köln oder in Hückeswagen oder wo auch immer, in kleinen und großen Kirchen, feiern doch sonntags unseren Glauben. Und dieser Jesus Christus steht bei seiner Kirche. Wir haben 1700 Jahre Erzbistum Köln vor einiger Zeit gefeiert. Wir werden auch eine gute Zukunft haben. Dazu zählt natürlich auch der jeweilige Bischof. Aber das Wichtige sind doch vor allem die Gläubigen, dass die mit einer Freude dabei sind.

Ich erlebe etwas Mehltau und Resignation und lade jetzt wirklich ein: Packen wir es an. Nehmen wir das an, was der Heilige Vater gesagt hat, dass wir miteinander versuchen, einen geistlichen Weg zu gehen. Denn wir haben eine frohe Botschaft und die dürfen wir nicht immer verdunkeln oder verdunkeln lassen.

DOMRADIO.DE: Im Rahmen des Zukunftskongress beschäftigen sich zurzeit viele Gläubige auch mit der Zukunft der Kirche im Erzbistum Köln. An diesem Samstag wird es eine Demonstration am Kölner Dom geben. Was sagen Sie den Menschen, die sich dort am Kölner Dom treffen?

Kleine: Denen sage ich: "Verkündet die frohe Botschaft allen Menschen." Darum muss es gehen und es geht nicht um Strukturen. Es geht auch jetzt nicht in erster Linie um Protest gegen etwas, sondern es muss um eine Haltung für etwas gehen.

Jeder und jede ist eingeladen, das Evangelium, das Wort Jesu Christi, noch einmal abzuklopfen. Was möchte er eigentlich, was wir in dieser Zeit tun? Da kann ich immer nur einladen, das auch gemeinsam zu tun. Es gibt Wege und es gibt auch Gremien, wo man da auf dem Weg sein kann, aber natürlich ist auch jeder und jede einzelne eingeladen, nochmal zu gucken: Wie kann ich das sein, was Jesus uns aufgetragen hat, nämlich Licht und Salz der Erde zu sein?

So sehe ich natürlich auch meine Aufgabe als Stadtdechant, die Sorgen und Nöte, aber auch die Freuden der Menschen wahrzunehmen und mit ihnen zu sagen: Die frohe Botschaft Jesu ist heute noch aktuell, vielleicht auch in dieser Zeit der Vertrauenskrise aktueller denn je.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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