Kardinal Woelki vor der Presse
Kardinal Woelki vor der Presse

24.09.2021

Pfarrer Meurer sieht Chance in Woelki-Auszeit Ein halbes Jahr Fastenbesinnung

Von Mitte Oktober bis zur Fastenzeit: Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki wird auf eigenen Wunsch in eine mehrmonatige Auszeit gehen. Pausen sind gut, findet der Kölner Pfarrer Franz Meurer. Was würde er dem Kardinal für diese Zeit raten?

DOMRADIO.DE: Was sagen Sie zur Entscheidung des Vatikans?

Franz Meurer (Kölner Pfarrer und Wegbegleiter von Kardinal Woelki): Zuerst mal: Pausen finde ich ganz prima. Denn, wenn man sich entscheiden will, muss man immer Abstand nehmen, von außen drauf gucken. Und ich denke, das ist ein Grundproblem aller Bischöfe. Die wollen fünf Jobs auf einmal machen. Legislative, Exekutive, Jurisdiktion. Die wollen pater familias sein, also gute Menschen zu allen Christgläubigen, und noch geistliche Leiter. Schon zwei Sachen sind leicht schizoid.

Da eine Pause zu machen, mal von draußen drauf zu gucken, ist total wichtig. Ich überschlafe zum Beispiel alles nicht nur einmal, sondern mehrfach. Und manchmal finde ich Lösungen für ein Problem auch erst nach einem halben Jahr. Also diese Geduld, die das ausdrückt, ist gut.

Zweitens liegt es beim Kardinal auf der Linie. Warum? Der hat - ich will das jetzt mal wörtlich zitieren - gesagt: "Ich habe mir für die Fastenzeit vorgenommen, mir darüber Gedanken zu machen, wie wir in Zukunft miteinander reden können. Wie wir in Gemeinschaft bleiben, auch wenn wir gegensätzlicher Meinung sind." Ich finde das genial. Und wenn der jetzt ein halbes Jahr darüber nachdenkt, wie er mit Menschen, die gegensätzlicher Meinung sind - und so ist es ja in der Kirche, dass wir durchaus verschiedene Meinungen haben - wie er mit denen in Gemeinschaft bleiben will, dann ist das doch genial. 

Nebenbei: Willibert Pauels war ja noch radikaler. Der hat ja gesagt: Lieber Rainer, werd' doch Pastor und mach dir zum Ende deines Lebens eine glückliche Zeit. Aber da ist ja, glaube ich, der Papst nicht so dabei.

DOMRADIO.DE: Sie sind ein langjähriger Weggefährte von Kardinal Woelki. Was würden Sie Ihm denn raten, wenn er Sie in seiner geistlichen Auszeit zu einem langen Spaziergang treffen möchte, um gemeinsam über seine Zukunft nachzudenken?

Meurer: Erstens rate ich ihm, was ich am Anfang gesagt habe: Man kann nicht alles auf einmal machen. Teilweise macht er das ja schon. Dass er zum Beispiel sagt, dass wir eine Verwaltungsgerichtsbarkeit brauchen. Du kannst doch nicht zugleich Journalist und Richter und Polizist sein - jetzt auf Sie bezogen. Sie müssen bitteschön Journalist sein. Und die anderen Jobs müssen andere machen. Diese Machtverteilung, auch hin zu den Frauen, da führt nichts dran vorbei.

Um es mal ganz klar zu sagen: Die Leistungsträgerinnen in den Gemeinden sind oft die Frauen. Also ich würde ihm raten: Überleg mal, denk mal darüber nach. Und ich würde ihm auch raten, mal ganz zurückzudenken an seiner Anfangszeit als Jugendlicher in der Bruder-Klaus-Siedlung. Da war es so demokratisch bei unserem Jugendkaplan. Da war so klar: Jeder Beitrag zählt.

Wir haben gerade zum Beispiel das Pfarrheim übernommen, haben über 200 Leute, die da spenden, sich engagieren. Das hat Bestand über Jahrzehnte hinweg. Wenn man merkt: Hier bin ich gemeint. Wer es macht, hat Macht. Mein Beitrag ist wichtig. Und auch wenn ich gegensätzlicher Meinung bin, wie der Kardinal es gesagt hat in seinem Wort zur Fastenzeit, dann haben wir dennoch Gemeinschaft. Und das finde ich wichtig. Das ist Demokratie. Es gibt ja der Kirche sowieso viel mehr Demokratie, als man meint.

DOMRADIO.DE: Aber das hinterlässt jetzt doch auch bei vielen Gläubigen eine gewisse Ratlosigkeit, ob der Kardinal dann zurückkommt oder welche Entscheidungen in der geistlichen Auszeit dann trifft.

Meurer: Ja, natürlich ist da Ratlosigkeit. Das ist doch logisch. Jetzt wird die ganze Geschichte noch verlängert. Ob das klug ist? Ich bin ja ein normaler Pastor vor Ort. Und bei uns gilt, was in der Bibel steht. Ja oder nein, hü oder hott, iss oder stirb. Das heißt, da ist natürlich der Papst in Verantwortung. Wenn der jetzt meint - es steht ja nirgendwo sowas im Kirchenrecht - das aus menschlichen Gründen zu machen, ist das menschlich sehr honorig, um es mal klar zu sagen. Und ich hoffe, dass die Menschen das auch so verstehen.

Und eines ist ganz klar: Der Kardinal kann nicht in einem halben Jahr so tun, als ob alles einfach so weitergeht wie immer. Man hat praktisch nur mal Urlaub gemacht und dann geht es so wieder weiter. Nein, ich hoffe darauf, dass seine Fastenbesinnung, die er sich selbst verordnet hat, jetzt eben ein bisschen länger dauert. Nicht nur sechs Wochen, wie in der Fastenzeit, sondern ein halbes Jahr.

DOMRADIO.DE: Aber das Erzbistum wird so auch nicht zur Ruhe kommen.

Meurer: Ich hoffe, dass das nicht so ist. Ich bin ja einer von denen, der sagt: Wir müssen unbedingt in der Kirche bleiben, um die Kirche zu gestalten. Ich habe jedes Verständnis für Menschen, die austreten, klar. Und ich denke, es ist doch jetzt klar: Der Bischof Schwaderlapp ist ein ganzes Jahr in Afrika. Der Weihbischof Puff ist im Dienst, was für die Kranken wichtig ist. 

Mein Problem ist, dass ich es in den Genen habe, immer sofort nach dem Positiven zu suchen. Ich kann mich ganz schwer dazu zwingen, mir jetzt negative Gedanken zu machen. Und das wünsche ich auch dem Kardinal. Dass er jetzt das halbe Jahr dazu nutzt, mal zu überlegen: Was kann mein Beitrag für die Kirche sein? Der ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Lassen wir doch mal abwarten, zu welchem Ergebnis er kommt. 

Kann ja auch sein, dass er dem Willibert Pauels folgt und sagt: So, ich werde Pastor in Herkenrath. Da habe ich übrigens gerade beerdigt. Das ist, wie wenn man in den Urlaub fährt, im Bergischen Land. Ganz anders als hier bei uns.

Das Interview führte Johannes Schröer.

(DR)

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