Gottfried Böhm
Gottfried Böhm
Innenraum der Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens", dem Nevigeser Wallfahrtsdom
Innenraum der Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens", dem Nevigeser Wallfahrtsdom
Archiv: Eine Kohlezeichnung der Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens", dem Nevigeser Wallfahrtsdom, von Architekt Gottfried Böhm
Archiv: Eine Kohlezeichnung der Wallfahrtskirche "Maria, Königin des Friedens", dem Nevigeser Wallfahrtsdom, von Architekt Gottfried Böhm
Ditib-Moschee in Köln
Ditib-Moschee in Köln

10.06.2021

Kölner Erzdiözesanbaumeister erinnert an Gottfried Böhm "Ein ganz besonderer Architekt"

Der renommierte Architekt Gottfried Böhm ist im Alter von 101 Jahren gestorben. Der Kölner Erzdiözesanbaumeister Martin Struck erinnert an den Menschen Böhm und dessen Wirken, das unter anderem viele Kirchenbauten umfasst.

DOMRADIO.DE: Welche Kirche verbinden Sie besonders mit Gottfried Böhm?

Martin Struck (Kölner Erzdiözesanbaumeister): Das Schaffen von Gottfried Böhm war derartig umfangreich und auch mit wenigen Worten überhaupt nicht auf einen Punkt zu bringen, sodass man sagen könnte: Das ist es oder jenes ist es. Ich habe vielleicht die Kolumba Kapelle als diejenige für mich auserkoren, die mir am meisten von Gottfried Böhm sagt.

DOMRADIO.DE: Inwiefern? Was ist da für ihn typisch dran?

Struck: Die Herangehensweise. Das heißt, natürlich bedeutet Bauen irgendwie immer eine Veränderung, teilweise auch eine Zerstörung von Vorhandenem. Bei der Kolumba Kapelle war es eben genau umgekehrt. Dort gab es diesen riesigen Trümmerberg der altehrwürdigen, riesig traditionsreichen Kolumba Kirche, eine von den drei Gemeindekirchen hier in der Stadt Köln. Da hatte wie durch ein Wunder die Madonnenskulptur diesen Bombenhagel überlebt – und die Kölner sind da hin gepilgert. Diese Emotion, dass eben das Vorhandene kaputt ist und es trotzdem ein Neuanfang gibt, die ist in dieser Kapelle am besten abgebildet oder spürbar.

DOMRADIO.DE: Woher kam seine Motivation, immer wieder Kirchen zu bauen? War er ein spiritueller Mensch?

Struck: Das denke ich schon, wobei: Er hätte es auch nicht gerne gehabt, immer nur auf Kirchenbauten verkürzt zu werden. Natürlich ist das ein Riesenwerk in Deutschland, diese 60 Kirchen – über 30 im Erzbistum Köln allein.

Er war im besten Sinne ein spiritueller Mensch. Er hat natürlich auch immer wieder gekämpft und überlegt: Was ist das Leben des Menschen? Was weist über den Menschen hinaus? Ich habe mal ein Interview mit ihm gelesen, wo er gesagt hat: Ja, in den Fünfzigerjahren, da fand ich so das Mystische gar nicht so toll. Da war die Kirche aufstrebend. Da war die Idee, dass Christus unter der versammelten Gemeinde gegenwärtig ist und man hat mehr in Richtung Versammlung und klare, helle Räume gedacht. – So sind ja auch viele seiner Kirchen in 50er-Jahren. Und dann sagt er: Ja, später habe ich den Wert des mehr Mystischen schätzen gelernt. Da habe ich gemerkt, der Glaube ist vielleicht geringer geworden, aber das, was man suchte, das Suchen wird besonders gut ermöglicht in dieser Art von Räumen, die das zulassen.

DOMRADIO.DE: Sie haben gerade von den Räumen schon gesprochen. Seine Bauten oder Räume sind nicht gerade das, was man Wohlfühl-Architektur nennen würde. Da wird viel Beton verbaut. Dieser Stil nennt sich auch Brutalismus. Wie passt denn diese Art der Architektur zum spirituellen Raum?

Struck: Ja, also das gibt es auch nur im Deutschen, dass man von "Brutalismus" auf "brutal" schließt. Da hat Böhm auch immer mit gehadert. Er hat gesagt: Ich bin ja kein brutaler Mensch. Das ist ja Stuss.

Es ging bei "béton brut" (roher Beton, d. Red.) darum, dass man die raue Materie, die Materie, wie sie ist, das gilt auch für Stahl oder Ziegelstein, nicht irgendwie verkleidet, verputzt und zudeckt. Heute hat man ja diese Bauten, die gar keine Materialität mehr haben, die so wie dahin geweht sind mit Gipskartonplatten und so weiter. Da haben er und auch die Architekten der Zeit damals in den Sechzigerjahren einfach einen Gegenpol gesetzt – das wird ja heute auch wieder goutiert, – indem man eben das rohe Material gezeigt hat.

Aber wenn Sie zum Beispiel in Nerviges in die Kirche reingehen, das hat ja nichts Brutales, sondern man ist ja fasziniert von dieser Höhe, von diesem Zelt, was oben hin nur noch erahnbar ist, was im Dunkeln verschwindet. Und dann dieses fantastische rote Rosenfenster, was die wichtigsten Punkte in dem Raum beleuchtet: Einmal den Tabernakel natürlich, vorne das Rosenfenster, dann das Gnadenbild in der Gnadenbild-Kapelle oder eben noch mal eine Rose vorne seitlich vom Altar, wo das Kreuz steht. Das hat in meinen Augen überhaupt nichts Abweisendes.

Das geht ja weiter, wenn Sie zum Beispiel die Moschee hier in Köln sehen, die ist auch aus Beton konstruiert. Natürlich kann man sagen, Beton sei schrecklich und abweisend, – stimmt aber in meinen Augen gar nicht. Gehen Sie doch mal da hin, gehen Sie mal die Stufen hoch. Man fühlt sich sofort wohl und geborgen in diesen Umgebungen. Er hat einfach vom Menschen her gedacht.

DOMRADIO.DE: Was wird denn von dem, was er da gebaut hat, von seiner Architektur übrig bleiben und auch hängen bleiben bei den Menschen?

Struck: Ich glaube, die Herangehensweise, dass Bauten einmal ein etwas aussagen müssen, die dürfen nicht gesichtslos sein, sondern die müssen ein Statement liefern, ein Bild, wofür sie dastehen und was in ihnen passiert. Und das Zweite ist: Man muss sich in ihnen irgendwie zu Hause fühlen.

Auch was die städtebauliche Disposition von diesen Gebäuden angeht. Sie sagten zwar, es habe keinen Wohlfühlfaktor, ich meine aber doch. Die ganzen städtebaulichen Schöpfungen von Böhm haben immer die Möglichkeit, dass man sich als Mensch dort aufgehoben fühlt. Das sind zwei Sachen, die sicherlich von seinem gigantischen Oeuvre in die Zukunft weisen.

DOMRADIO.DE: Und über Geschmack lässt sich bekanntlich sowieso immer streiten. – Sie kannten Gottfried Böhm auch persönlich. Wie werden Sie ihn menschlich in Erinnerung behalten?

Struck: Als super Vollblutarchitekten. Ich habe gerade die Ehre, mit seinem Sohn den Mariendom in Neviges zu sanieren. Da sind Betonschäden und Wassereinbrüche. Und obwohl Gottfried Böhm, das müssen Sie sich mal vorstellen, 100 Jahre alt geworden war, hatte er es sich nicht nehmen lassen, noch mit hoch aufs Gerüst zu kraxeln und ganz oben den richtigen Farbton für den Zement dort auszusuchen.

DOMRADIO.DE: Wie lange ist das jetzt her?

Struck: Nicht mal ein Jahr. Er war schon weit über hundert. Da ist auch darüber berichtet worden, weil das schon ein Phänomen ist. Das muss ich doch sagen. Allein von daher ist es schon ein ganz besonderer Architekt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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