Wohnungsloser Mann auf einer Bank
Obdachloser auf einer Bank
Schlange am Eingang zum Priesterseminar
Schlange am Eingang zum Priesterseminar
Erzbischöfliches Priesterseminar in der Kardinal-Frings-Straße
Erzbischöfliches Priesterseminar in der Kardinal-Frings-Straße
Weihbischof Ansgar Puff sitzt für eine Caritas-Aktion in einer Badewanne vor dem Dom
Weihbischof Ansgar Puff bei einer Aktion gegen Wohnungsnot

04.04.2020

Erzbistum Köln reagiert auf die Not der Wohnungslosen in der Corona-Krise Obdachlose haben kein Homeoffice

Wer kann, meidet die Kölner Innenstadt. Wer dort lebt, bleibt in seiner Wohnung. Wohnungslosen fehlt dieser Schutzraum. Essen und Hygienemöglichkeiten sind knapp geworden. Deshalb stehen ihnen die Tore des Priesterseminars offen.

Die Schlange vor dem Kölner Priesterseminar in der Kardinal-Frings-Straße ist lang. Über achtzig Wohnungslose warten in der Frühlingssonne darauf, dass die schwere Tür sich öffnet. Die meisten von ihnen führen alles mit sich, was sie besitzen: Einen Rucksack, zwei Plastiktüten, einen Hund. Gelbe Striche auf dem Boden markieren den Abstand zum Vordermann. Die Gruppe vor dem Seminar ist diszipliniert – auch wenn es für Außenstehende den Anschein hat, als ginge es nur langsam voran. 

An der Pforte begrüßt der Kölner Erzbischof die Gäste persönlich und lässt sie einzeln eintreten. Kardinal Woelki hatte in der vergangenen Woche versprochen, das Haus für Obdachlose zu öffnen - auch gegen Bedenken in den eigenen Reihen. Jetzt ist er umso glücklicher, dass das Angebot angenommen wird: "Wir haben uns doch immer ein volles Seminar gewünscht", lacht der Erzbischof hinter seinem Mundschutz.

Gäste und Helfer sollen sich nicht anstecken, deshalb gelten strenge Hygieneregeln. "Daran, dass so viele Menschen hier sind, merkt man, wie ernst die Lage ist", fügt er ernst hinzu. Viele andere Einrichtungen, in denen die Obdachlosen sonst essen könnten, seien wegen der Corona-Krise geschlossen. Auch in der sonst pulsierenden Kölner Innenstadt um das Priesterseminar herum ist es leer geworden. Die wenigen Menschen, die sonst ein paar Cent für die Wohnungslosen übrig hätten, seien im Homeoffice, so der Kardinal. 

Fehlende Hygiene: Für Obdachlose fatal

Josef kann nicht ins Homeoffice gehen. Mit seiner hellblauen Regenjacke und dem schwarzen Rucksack ist er jeden Tag einer der ersten in der Schlange. Nicht nur das warme Mittagessen ist für ihn ein Grund, ins Priesterseminar zu kommen, sondern auch die Hygiene: "Die erste Regel jetzt ist 'Hände waschen', sagen alle. Aber wie soll ich das machen, ohne fließendes Wasser?"

Viele der Restaurants oder Toiletten, in denen er sich sonst waschen kann, sind jetzt geschlossen. Für die Schwächsten der Schwachen kann die fehlende Hygiene fatal sein. Sie sind Teil der Risikogruppe – nicht so sehr durch ihr Alter als durch ihre angegriffene Gesundheit. Viele bringen gleich mehrere Erkrankungen mit oder haben durch die Jahre auf der Straße ein schwaches Immunsystem. Bei ihnen hat das Virus leichtes Spiel.

Auf Hygiene wird streng geachtet

Deshalb werden Josef und die anderen Gäste von den Helfern im Priesterseminar erst zu den Waschbecken geführt. Hände waschen vor dem Essen ist Pflicht – mindestens 20 Sekunden. Viele der Gäste machen das automatisch. Die wenigen, zu denen sich diese Regel noch nicht herumgesprochen hat, nehmen sie bereitwillig auf.

Am Samstag ist Badetag und die Obdachlosen können im Priesterseminar duschen. Das frühere Schwimmbad im Keller des Hauses ist seit Jahren trocken – jetzt nehmen die Malteser die Duschen für die nächsten Wochen wieder in Betrieb.

Der katholische Hilfsdienst sichert auch die Hygiene während der Essensausgabe im Priesterseminar. Weder Gäste noch Helfer sollen sich anstecken. Darauf wird streng geachtet. Die Tische werden nach jedem Gast abgewaschen und desinfiziert, bevor sie wieder besetzt werden. Maske und Handschuhe sind für die Helfer ein Muss.

Blumen, Ruhe und ein warmes Essen

Josef ist an einen der zwanzig Tische mit Blick in den Innenhof des Priesterseminars geführt worden. Die Sonne scheint durch das bodentiefe Fenster auf seinen Platz. "Es ist warm, es gibt etwas zu Essen, es gibt eine Toilette – und sogar ein Blümchen auf dem Tisch. Was will ich denn mehr?", sagt er, als der gut gefüllte Teller mit Lasagne vor ihm steht. Für jeden der Wohnungslosen gibt es dazu einen Nachtisch, Obst und eine Flasche Wasser.

Viele der Gäste genießen die Ruhe und den Blick auf die ersten Frühlingsblumen im Innenhof des Priesterseminars. Wer aufgegessen hat, muss den Tisch aber zügig wieder freimachen, denn die Einladung wird Tag für Tag von mehr Wohnungslosen angenommen. In der ersten Woche ist die Zahl der Gäste schon von sechzig auf über einhundert gestiegen.

Den "typischen Obdachlosen" gibt es nicht

Weihbischof Ansgar Puff freut das. Zusammen mit der Franziskanerin Schwester Christina Klein kümmert er sich nicht nur in Corona-Zeiten um die Obdachlosen in der Kölner Innenstadt.

Es ist sozusagen ihre Gemeinde, die hier versammelt ist, sagt Schwester Christina. Wie der Erzbischof sind auch die beiden jeden Tag vor Ort und helfen. Der Weihbischof un die Ordensschwester kennen viele der Gäste persönlich und begrüßen sie mit Namen.

Auch eine Familie mit einem Baby im Kinderwagen kommt jeden Tag zum Essen vorbei. Den "typischen Obdachlosen" gibt es nicht – das merkt man schnell. Aber das Bedürfnis nach Essen und Hygiene haben alle, die im Priesterseminar essen.

Gerade junge Leute packen mit an

Josef räumt seinen Tisch für den nächsten Gast und wird von einem der Helfer zur Tür begleitet – mit entsprechendem Abstand in Zeiten der Kontaktbeschränkungen. Dass sich so viele Helfer gefunden haben, freut Josef besonders. Es sind vor allem Studentinnen und Studenten, die ihre Semesterferien jetzt nutzen, um zu helfen.

Unter ihnen Theologiestudierende aus Bonn und der neu gegründeten Kölner Hochschule für Theologie in Sankt Augustin. Jugendliche aus der Jugendkirche "Crux" im Severinsviertel packen ebenso an wie junge Priester und Priesteramtskandidaten. Auch für die nächsten Wochen haben sich ausreichend helfende Hände gefunden.

Ein Ende ist vorerst nicht in Sicht

"Auf unsere jungen Leute können wir uns verlassen", hatte Kardinal Woelki vor einer Woche gesagt, als er nach der Sonntagsmesse im Dom ankündigte, das Priesterseminar zu öffnen. Das Engagement der vielen Helferinnen und Helfer und die Zahl der Wohnungslosen geben ihm recht. Auch in den nächsten Wochen soll das Priesterseminar für die Gäste geöffnet bleiben.

Josef hat zwar noch immer kein Homeoffice, aber zumindest einmal am Tag einen gedeckten Tisch – und genug Seife gegen das Virus.

Gerald Mayer
(DR)

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