Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn

03.04.2020

Bonner Stadtdekanat nimmt Menschen in der Krise in den Blick Vorsicht vor einer "seelischen Rezession"

Die Isolation, der man sich in Deutschland seit über zehn Tagen ausgesetzt sieht, kann bei Menschen als soziale Wesen zu einer seelischen Erschöpfung führen. Um dem gegenzusteuern, sind die Kirchen besonders gefragt – Beispiel Bonn.

DOMRADIO.DE: Vieles Zwischenmenschliche können wir im Moment nicht ausdrücken oder wahrnehmen. Welche Gefahr birgt das in Ihren Augen?

Pfarrer Dr. Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant): Als Sozialwesen sind wir ja sehr auf soziale Kontakte angewiesen. Wenn Menschen ganz auf sich zurückgeworfen sind, dann verändert sich der Lebensalltag, die Struktur, die wir am Tag brauchen. Wir haben nicht das Gegenüber, mit dem wir uns austauschen können.

Solche Situationen – das weiß jeder, der schon mal in Exerzitien war, in denen man dann in eine stille und veränderte Lebenssituationen gesetzt wird – bringt ganz viel in einem in Bewegung. Unterbewusstes kommt zu Bewusstsein. Man steht vor inneren Problemen. Dinge, die man lange verdrängt hat, melden sich.

Das heißt, das sind ganz empfindliche Momente, in denen man mit seelischen Situationen konfrontiert ist. Und wir merken, dass sich das bei den Leuten zuspitzt: Je länger die Krise dauert, desto schwieriger wird es für die Leute, das auszuhalten.

Wir gehen ja bei der Coronavirus-Krise davon aus, dass unser Immunsystem gut sein muss, damit wir diese Krise überstehen und nicht wirklich erkranken. Die seelische Stabilität ist kein Luxusgut, sondern sie macht den Menschen aus, und sie hat auch Auswirkungen auf die psychische und physische Befindlichkeit. Das darf man nicht unterschätzen. Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir das auch im Blick haben. Es braucht eine seelische Daseinsfürsorge, gerade jetzt in so einer Krise.

DOMRADIO.DE: Deshalb wollen Sie Nähe und Verbindung zu den Menschen herstellen, und zwar über das Portal "Virtuelle Stadtkirche". Wie genau funktioniert das?

Picken: Wir versuchen, ein Portal zu erstellen, in dem die Leute ganz schnell und niederschwellig alle möglichen Angebote, die uns einfallen, abrufen können.

Das ist der Online-Gottesdienst am Sonntag, das sind die seelsorglichen Beratungsangebote – sodass sie schnell in eine E-Mail-, Telefon- oder Video-Verbindung mit einem Seelsorger treten können –, das sind ganz viele Podcasts als Audio- und Videodateien oder Texte, mit denen wir praktische Anregungen und geistliche Impulse geben, die auf die jetzige Situation eingehen.

Bis hin zu praktischen Übungen: Wie kann ich denn meditieren? Da gibt es eine Anleitung und regelmäßig auch die Möglichkeit, das sogar mit einem der Seelsorger online gemeinsam zu machen. Wir tragen Hilfsangebote zusammen und Hilfsanfragen aus der Bevölkerung, also ein Nachbarschafts-Hilfswerk, das wir so auf den Weg bringen.

Wir versuchen, ganz viele verschiedene Elemente zusammen zu bündeln, damit die Leute möglichst mit uns in Berührung kommen können.

DOMRADIO.DE: Speziell die Seelsorge ist eine Herausforderung, wenn sie gerade beispielsweise digital ablaufen muss. Das klingt fast wie ein Widerspruch. Wie versuchen Sie das hinzukriegen?

Picken: Das ist und bleibt ein Widerspruch. Es ist wirklich ein Kompromiss, dass man versucht, solche Medien zu bedienen. Manches kann man auf diese Weise auch auffangen. Aber es kann die persönliche Begegnung natürlich nicht ersetzen. Bei diesem Kontaktverbot werden wir uns auch genau das auf Dauer überlegen müssen.

Wenn Sie ein Kaugummi brauchen oder einen Salat einkaufen gehen, ist es selbstverständlich, dass Sie sich irgendwo anstellen können, an der Kasse stehen und sich das besorgen. Wenn wir jetzt als Kirche einladen würden, zu einer bestimmten Zeit einen Segen oder die Kommunion zu bekommen, dann hätten wir schon ein rechtliches Problem.

Da kommt eine Schieflage auf, die man über eine kurze Zeit mit solchen technischen Möglichkeiten wie der "Virtuellen Stadtkirche" überbrücken kann, aber nicht auf längere Sicht. Darüber muss sich der Staat Klarheit verschaffen. Und wir als Kirche müssen das sehr deutlich machen: Es braucht jetzt auch, dass wir die Seele in den Blick nehmen, sonst haben wir es mit ganz vielen psychischen Störungen, später mit posttraumatischen Erfahrungen zu tun. Wir haben erste Leute mit suizidalen Gedanken.

Das betrifft ja nicht nur die, die alleine zu Hause sitzen! Viele können auch mit der Gemeinschaft zu Hause nicht umgehen. Wenn ich mit meinem Ehepartner, mit meinen Kindern, sonst keine Zeit verbringe und jetzt manchmal 12 bis 14 Stunden, dann wird das zu einem wirklichen Problem. Da müssen wir hingucken, sonst haben wir wie bei der Wirtschaftsrezession irgendwann auch eine seelische Rezession. Das kann ja keiner wollen!

DOMRADIO.DE: Sie wollen also seelische Präventionsarbeit leisten. Dazu gehört auch, dass Sie das Krisenmanagement hinterfragen und über die Krise diskutieren. Wie helfen Sie den Leuten, die Krise einzuordnen?

Picken: Ich halte viel von den Bestimmungen des Staates, es braucht solche Begrenzungen. Aber gegenwärtig machen wir den Fehler, dass wir nur auf die physische Situation schauen. Der Mensch ist aber mehr als nur sein Körper. Das merken die Leute jetzt, die zu Hause sitzen.

Die Kirche ist eigentlich die Institution, die für die Ganzheitlichkeit und für die Seele die Stimme erheben muss. Und die darf jetzt nicht zu kurz kommen, weil sie auch für eine physische Gesundheit und für den sozialen Frieden von zentraler Bedeutung ist.

Deshalb müssen wir darauf drängen, dass wir uns zum einen als Kirche umstellen und das, was wir tun können, jetzt über digitale Möglichkeiten auch wirklich tun, um die Nähe, die möglich ist, zu erzielen. Aber zum anderen müssen wir klar sagen: Das kann auf Dauer die persönliche seelsorgliche Verbindung und die psychologische und seelische Begleitung nicht ersetzen.

DOMRADIO.DE: Ein Problem ist auch, dass die "Virtuelle Stadtkirche" sicher nicht alle erreicht – einfach deshalb, weil viele der Älteren, vielleicht besonders Bedürftigen, gar nicht online sind. Wie wollen Sie dieses Dilemma lösen?

Picken: Das ist ein Dilemma, das nicht so einfach zu lösen ist. Das ist völlig richtig. Wir müssen ja auch bedenken, dass viele, die mit uns als Kirche in Verbindung stehen, gerade zu dieser Altersgruppe gehören.

Das heißt, wir sind quasi darauf angewiesen, über das digitale Netz diejenigen zu erreichen, die es nutzen, und sie aufzufordern, es für ihren Nachbarn, der keinen digitalen Anschluss hat – die ältere Dame oder den älteren Herrn oder wer es auch immer ist – zu transportieren und dazu zu raten, dort anzurufen, wenn sie eine Sorge haben.

Oder wir verteilen Zettel, die mit der Post oder mit der Zeitung ausgeteilt werden, um auch solche Leute zu erreichen, damit sie zumindest über Telefon mit uns in Verbindung treten können.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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