Katholische Kirche kritisiert Kita-Reform in NRW
Gummistiefel mit Blumen hängen am Zaun eines Kindergartens
Domkapitular Markus Bosbach
Domkapitular Markus Bosbach

02.10.2019

Schwierige Finanzierung der katholischen Kitas "Gewaltige Herausforderungen"

Die NRW-Landesregierung plant eine milliardenschwere Finanzierung der frühkindlichen Bildung. Verbände kritisieren die Maßnahmen dennoch als unzureichend. Wie ist die Situation in den katholischen Kindergärten im Land?

DOMRADIO.DE: Wie ist die Lage in den katholischen Kindertagesstätten im Erzbistum Köln? Gibt es genügend Plätze, ist genügend Personal da?

Msgr. Markus Bosbach (Stellvertrtender Generalvikar, Leiter der Hauptabteilung Seelsorgebereiche im Erzbistum Köln): Als Kirche sind wir natürlich insgesamt betroffen. Wir würden uns wünschen, dass für alle Kinder auch ein Kindergartenplatz in unserem Bundesland Nordrhein-Westfalen zur Verfügung steht. Als Kirche und kirchlicher Träger wollen wir unseren Teil dazu beitragen. Allerdings hat den Rechtsanspruch der Gesetzgeber formuliert und den müssen auch die öffentlichen Träger einlösen.

Wir helfen nach unseren Möglichkeiten mit unseren Einrichtungen dabei. Wir haben auch in den letzten Jahren die ein oder andere Einrichtung neu übernommen, wo es dann entsprechende Finanzierungsverträge mit den Kommunen gab. Denn wir haben bei uns im Erzbistum Köln die Situation, dass wir jetzt unser Engagement in dem Bereich nicht finanziell stark ausweiten können. Das gibt unsere Gesamthaushaltslage nicht her.

DOMRADIO.DE: Haben es die katholischen Kitas schwerer oder leichter, Arbeitskräfte zu bekommen? 

Bosbach: Der Fachkräftemangel ist ein drängendes Thema für alle Kita-Träger. In der Tat, der Markt ist relativ leer. Wir bilden ja selber auch aus. Wir bieten Praktikanten-Plätze auch im Anerkennungsjahr, um Erzieherinnen und Erzieher schon frühzeitig an unsere Einrichtungen zu binden. Wir können oft leider dann nicht sehr schnell unbefristete Vollzeit-Verträge anbieten, weil wir eine sehr kleinteilige Trägerstruktur haben. Wenn wir eine größere Trägerstruktur hätten, wären wir da auch flexibler, dann könnten wir sicherlich mehr anbieten.

Aber wir punkten damit, dass wir als kirchlicher Arbeitgeber immer noch attraktiv sind. Wir punkten damit, dass normalerweise in unseren Einrichtungen ein guter Geist herrscht, wo dann auch junge Leute gerne arbeiten.

Aber das Problem ist für alle Träger bedrängend, für uns auch. Wir haben hier und da auch Ausnahmegenehmigungen von der Grundordnung, wenn wir Erzieherinnen oder Erzieher einstellen, die zum Beispiel nicht katholischen Glaubens sind. Da schauen wir uns dann jeden Einzelfall an. Da wird dann auch vom Generalvikar oder von mir immer im Einzelfall entschieden. Da ist auch jeder Einzelfall anders, das kann man nicht pauschal sagen. Aber wir versuchen eben doch, vielen Menschen die Arbeit in einer katholischen Kita zu ermöglichen.

DOMRADIO.DE: Hat sich das erst so entwickelt mit der Zeit oder war das schon immer so?

Bosbach: Die Tendenz steigt, dass wir mehr Ausnahmegenehmigungen geben müssen, weil die Arbeitsmarktsituation so ist, wie sie ist. Und natürlich verändert sich auch die Situation des katholischen Glaubens. Natürlich sinkt auch die Zahl der jungen Menschen, die aus einer christlichen Motivation heraus in den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers hineingehen.

DOMRADIO.DE: Der Deutsche Städte- und Gemeindebund fordert angesichts dieser Personalnot in Kitas auch die Anwerbung von Quereinsteigern. Ist das für Sie auch eine Lösung? Ist das überhaupt praktikabel?

Bosbach: Das wird man sehr gut prüfen müssen. Quereinsteiger könnte ja danach klingen, als ob diesen Beruf eigentlich jeder kann. Erzieherin und Erzieher ist aber ein hochqualifizierter Beruf, der in unserem Land nach wie vor zu schlecht bezahlt wird. Wir vertrauen immerhin unsere Zukunft diesen Erzieherinnen und Erziehern an. Und deshalb brauchen wir da auch eine gute Qualifikation und Ausbildung.

Wenn es Menschen gibt, die sich aus der Erfahrung in der eigenen Familie oder aus ähnlichen beruflichen Backgrounds heraus eignen, dafür nachqualifiziert zu werden, dann ist das sicher eine gute Sache. Andererseits suchen auch die Grundschulen jetzt solche Quereinsteiger. Man wird gut schauen müssen: Wo findet man Menschen, die dann wirklich die menschliche, pädagogische und fachliche Eignung mitbringen, um diese wichtige Arbeit zu machen? Wie gesagt, das kann nicht jeder.

DOMRADIO.DE: Zum 1. August 2020 soll in Nordrhein-Westfalen die Kita-Finanzierung neu geregelt werden. 1,3 Milliarden Euro will das Land dann investieren, die drei evangelischen Landeskirchen und die fünf katholischen Bistümer in NRW mahnen dennoch eine Finanzierungslücke an. Worum geht es da genau?

Bosbach: Wie immer sind Gesetze oft sehr kompliziert und der Teufel steckt da manchmal im Detail. Wir haben den jetzt vorliegenden Entwurf hochgerechnet und durchgerechnet. Und wir stellen unter dem Strich fest, dass leider auch nach dem neuen Gesetz der Betrieb von Kindertageseinrichtungen immer noch nicht wirklich auskömmlich ist. Da sind wir als Kirchen besonders betroffen. Wir haben viele kleinere Träger, das heißt eine Kirchengemeinde oder ein Gemeindeverband hat vielleicht zwei, drei oder vier Einrichtungen. Wir haben oft aus der Historie heraus, weil wir eben auch zum Beispiel in kleineren Dörfern präsent sind, auch kleinere Einrichtungen mit ein, zwei oder drei Gruppen. Die sind auch mit dem neuen Gesetz dann nicht wirklich wirtschaftlich zu betreiben.

Das stellt uns als Kirche vor gewaltige Herausforderungen. Wir müssen dann auch irgendwann die Frage stellen, ob wir unser Engagement in dem Umfang wie jetzt auch noch werden beibehalten können. Wir hoffen aber, dass es mit den weiteren politischen Befassungen im Landtag gelingen wird, dass wir doch noch in dem Gesetz Nachbesserungen hinbekommen, die es dann auch erlauben, dass wir als Kirche auch auskömmlich unsere Kitas betreiben.

Dazu kommt aber auch, dass der Gesetzentwurf in unseren Augen Tendenzen hat, ein Prinzip etwas auszuhöhlen, das für unsere Gesellschaft sehr wichtig ist: das Prinzip der Subsidiarität. Das meint: Dinge, die freie Träger machen können, sollen nicht der Staat oder die öffentliche Hand selber machen. Das neue Gesetz aber stellt jetzt die Kommunen finanziell besser, oder gleich oder fast gleich kirchlichen Trägern. Da muss noch nachgebessert werden.

(DR)

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