Dominik Meiering, leitender Pfarrer in Köln-Mitte
Dominik Meiering, leitender Pfarrer in Köln-Mitte
Der "Aschermittwoch der Künstler" ist für Kunstschaffende ein Jour fixe.
Der "Aschermittwoch der Künstler" ist für Kunstschaffende ein Jour fixe.
Kardinal Woelki hat an diesem Tag ein offenes Ohr für die Künstler.
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Der Maler Gerd Mosbach im Gespräch mit Domkapitular Dr. Dominik Meiering.
Der Maler Gerd Mosbach im Gespräch mit Domkapitular Dr. Dominik Meiering.

07.03.2019

Pfarrer Meiering spricht beim Aschermittwoch der Künstler Einen Blick hinter den Vorhang werfen

Verdecken und Enthüllen gehören zum Menschsein dazu. Stoffe, Tücher, Gewänder und Vorhänge spielen auch in der Bibel eine zentrale Rolle. Vor allem da, wo das Unbegreifliche bewusst verborgen bleiben soll.

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Am Anfang steht die Provokation: Lichtbilder zeigen 2-Euro-T-Shirts im Zehnerpack, in Bangladesch produziert und in deutschen Billigläden zum Verkauf angeboten. Aber auch einen exquisiten Lederblouson eines führenden Modelabels für über 90.000 Dollar. Kleidungsstücke für den Gebrauch gedacht. Und doch sehr viel mehr als nur das, erklärt Dominik Meiering, leitender Pfarrer in Köln-Mitte und promovierter Kunsthistoriker, als er diese Fotos kommentiert. Trotz der Unterschiedlichkeit im Preis gehe es bei beiden Beispielen darum, etwas zeigen, ins Gespräch bringen zu wollen, sagt er.

Stoff sei nicht nur Stoff, eher Träger einer Botschaft, die mitunter Innerstes nach außen kehrt und in ihrer Aussagekraft die Existenzwirklichkeit des Menschen durchdringe. Also Stoff als ein Statement, fast schon ein Bekenntnis, ein Sich-Preisgeben. Und dann dekliniert der Referent vor mehreren hundert Zuhörern an spektakulären, teils verstörenden Beispielen – nämlich auch einem Massengrab mit in Leichentücher gewickelten Toten – durch, dass die anthropologische Grunddimension vom Verhüllen und Enthüllen zu allen Zeiten existiert hat und sich die Gleichzeitigkeit vom Zeigen und Verbergen letztlich auch wie ein roter Faden durch die Religionen zieht. Und das von Anfang an.

Verhüllen ist Ausdruck von Annäherung

Meiering hat seinen Vortrag zur Akademie des Aschermittwochs der Künstler "Auf Tuchfühlung" genannt. Und im Untertitel: "Berührung mit dem Verborgenen – Von den Tüchern in der Kunst". Er findet wahrlich genügend "Objekte", anhand derer er erklärt, wie groß die Faszination des Bedeckten, den Blicken Entzogenen, nicht Sichtbaren, nicht Erkennbaren ist, wie sehr mit diesem Verhüllten, Verborgenen, Geheimnisvollen gerade auch in den drei großen monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam "gespielt" wird. Und welches Potenzial dieser unbegreifliche, nicht darstellbare Gott im Denken und Handeln der Menschen hat, die nach ihm suchen und sich ihm immer wieder ehrfurchtsvoll anzunähern versuchen. Noch heute würden die jüdischen Schriftrollen in Tücher, den Toramantel, eingeschlagen und in der Synagoge in Erinnerung an den zerstörten Tempel hinter einem Vorhang im Tora-Schrein aufbewahrt, erläutert er.

Auch die Katholiken konservierten die Gegenwart Gottes in der Gestalt des eucharistischen Leibes in einem durch Türen und Vorhänge verschlossenen Tabernakel. Und im Islam sei ebenfalls der Kult des Verhüllens lebendig als Zeichen der Identifizierung des Heiligen. "Das Verhüllen als symbolisches Tun zur Annäherung an Gott ist im Kult und in den Riten der Offenbarungsreligionen – und nicht nur hier – zuhauf zu finden", führt Meiering aus und belegt diese Tatsache mit einer Menge anschaulicher Beispiele aus der Kunstgeschichte. Nicht zuletzt solcher, die originär nicht sakral gedacht waren, aber dennoch Parallelen zur kirchlichen Tradition aufweisen.

"Glaube ist kein intellektueller Akt"

Auch sonst spiele alles Stoffliche – Tücher, Gewänder, Vorhänge – im religiösen Kontext eine zentrale Rolle. Vor allem auch im Christentum. Gerade die Heilige Schrift sei in den Überlieferungen des Alten und Neuen Testaments voll von Geschichten des Ver- und Enthüllens im Umgang mit Gott, stellt er fest. So würden am Anfang und am Ende des irdischen Lebens Jesu Tücher stehen: zunächst als Windeln, in die das Kind wie in einer schützenden Hülle eingewickelt in der Krippe lag, später dann als Leichentuch, in das der leblose Leichnam gehüllt wurde. "Wieder – wie am Anfang – birgt das Tuch den Körper, umfängt und umschließt ihn, verhüllt ihn."

In der Tradition der Kirche sei man sich dieses heilsgeschichtlichen Zusammenhangs immer bewusst gewesen. "So lagen auf dem Altar immer drei Altartücher, die das Gewand Jesu und seine Leichentücher symbolisierten. Man hatte demnach ein genaues Gespür dafür, dass es mit der Stofflichkeit des Glaubens eine tiefgründige Bewandtnis hat." So reichte beispielsweise die Berührung des Gewandes Jesu aus, um geheilt zu werden – wie es von der blutflüssigen Frau in der Bibel heißt. "Der berührte Stoff wird somit zur direktesten, intimsten Form der Annäherung, der Verbundenheit, der Vertrauenssehnsucht." Was Ausdruck dafür sei, dass der Glaube stofflich und kein intellektueller Akt oder eine rhetorische Leistung sei.

Die Gegenwart Gottes hinter Tüchern

Meiering erinnert auch an die gewachsene Tradition des Fastentuchs – schwere Behänge aus Leinen oder Seide – und an die Passionsvelen als Zeichen der verborgenen Gegenwart Gottes. Und er geht auf die unzähligen Darstellungen in der Bildenden Kunst ein, auf denen Tücher und Vorhänge dazu dienten, auf das darunter oder dahinter Verborgene ein besonderes Augenmerk zu richten, um so dem göttlichen Geheimnis näher zu kommen. "Unter der Geborgenheit des Tuches geschieht das, was wir nur glaubend erfassen können – nicht aber wissen." Trotzdem gehe es auch darum, den Blick hinter den Vorhang zu riskieren, aufmerksam zu werden und neugierig auf das, was sich nicht gleich erschließe, um im wahrsten Sinne des Wortes einen "Durch-Blick" zu bekommen.

Stoff als Bedeutungsträger

Wie sehr Künstler – zumal nicht unmittelbar am Sakralen orientierte – zu allen Zeiten bemüht waren, auf das nicht Darstellbare zu verweisen, auf die Wahrheit hinter dem Bild, zeigt der Theologe mit einer recht bunten Palette an Repräsentanten zeitgenössischer Kunst, für die alle die Verarbeitung von Stoffen – im weitesten Sinne – von zentraler Bedeutung war: Ob der verhüllte Reichstag von Christo und Jeanne-Claude 1995, der Filzanzug von Joseph Beuys, entstanden 1970, das Große Schimpf-Tuch von Sigmar Polke aus dem Jahr 1968, das "Hauthemd" von Claudia Mercks in der Propsteikirche Kornelimünster, das Mantelprojekt "Belonging & Beyond" von Veronika Moos-Brochhagen in der Kölner Kirche St. Maria im Kapitol von 2005 oder die Ausstellung der Marmorskulptur "Neun Leichname" aus scheinbar fließendem Stoff von Maurizio Cattelan im venezianischen Palazzo Grassi 2007 – für alle sei gleichsam das Material Stoff unverzichtbarer Bedeutungsträger. Trotzdem stünden alle diese Kunstwerke mit ihrer äußeren Form zugleich für ein unergründliches Geheimnis, das nicht wirklich ins Bild gebracht werden könne.

Mit Kunst Aufmerksamkeit erregen

Schließlich regt der Kölner Domkapitular an, „Altes neu zu denken“ und auch mal den Mut zu entwickeln „gegen zu bürsten“ – gerade auch im Hinblick auf die Präsentation von Reliquien wie die des Dreikönigenschreins oder von Enthüllungsvelen am Karfreitag. Es komme darauf an, mit den Mitteln der Kunst Aufmerksamkeit zu erregen, im Hier und Heute den eigenen Glauben zu bezeugen und zu zeigen, „dass wir Menschen sind, die einen Blick hinter den Vorhang geworfen haben“.

Beatrice Tomasetti
(DR)

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