Knabenchor am Kölner Dom
Knabenchor am Kölner Dom
Domkapellmeister Metternich dirigiert Werke zum Thema "Frieden"
Domkapellmeister Metternich dirigiert Werke zum Thema "Frieden"

04.01.2019

Sind Knabenchöre diskriminierend? Eine Tradition wird infrage gestellt

Sind Knabenchöre diskriminierend? Eine Rechtsanwältin überlegt, dies juristisch prüfen zu lassen. Der Kölner Domkapellmeister sagt: "Nein." Er sieht in der Diskussion eher Chancen – für Jungen, Mädchen und die Gleichberechtigung.

DOMRADIO.DE: Mädchen müssen draußen bleiben: In Knabenchören dürfen sie nicht mitsingen. Eine Berliner Rechtsanwältin findet das diskriminierend und will dagegen vorgehen. Warum dürfen Mädchen nicht in einem Knabenchor singen?

Eberhard Metternich (Domkapellmeister Kölner Dommusik): Weil dann der Knabenchor kein Knabenchor mehr wäre.

DOMRADIO.DE: Warum gibt es denn überhaupt so viele Knabenchöre?

Metternich: Es gibt nicht mehr viele Knabenchöre. Es gibt noch einige, die eine jahrhundertealte Tradition fortsetzen. Früher gab es viele, aber nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einem großen Rückgang. In Köln haben wir heute zum Beispiel nur noch einen Kölner Domchor. In den 50er Jahren waren es aber bestimmt noch fünf oder zehn.

DOMRADIO.DE: Hat der Rückgang also mit dem Krieg zu tun?

Metternich: Das hat nicht unmittelbar mit dem Krieg zu tun, sondern einfach mit einer neu einsetzenden Entwicklung: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ja endlich auch die Mädchen zum Singen zugelassen. Vorher waren sie vielfach ausgeschlossen. Im weltlichen Bereich gab es zwar schon Mädchenchöre. Aber die kirchlichen Chöre haben sich in erster Linie immer auf die Knaben und Männer fixiert. Mädchenchöre kamen erst Anfang der 50er Jahre, soweit ich das beurteilen kann, in Mode.

DOMRADIO.DE: Mittlerweile gibt es aber sehr gute und berühmte Mädchenchöre, zum Beispiel den in Hannover oder den Rundfunk-Jugendchor Wernigerode und auch den Mädchenchor am Kölner Dom. Ist es Ihnen in Ihrer Geschichte schon mal passiert, dass ein Mädchen kam und gesagt hat: "Ich will jetzt in den Knabenchor!"

Metternich: Nein ist mir noch nie vorgekommen, denn wir haben ja ein gleichwertiges Angebot für unsere Mädchen. Dahin zielte auch die Kritik oder die angedrohte Klage der Rechtsanwältin, da es bei den angesprochenen Knabenchören eben nichts Vergleichbares für Mädchen gibt. Und da sind die Träger gefordert, ein entsprechendes Angebot zu schaffen. Wir in Köln haben das.

DOMRADIO.DE: Oder geht es darum, die Tradition der Knabenchöre überhaupt mal mutig infrage zu stellen?

Metternich: Das kann man infrage stellen, aber das birgt auch immer die Gefahr, dass sie dann ganz über Bord geht. Ich finde es eine lohnenswerte Tradition. Die Anwältin und die, die sie vertritt, möchten einen gemischten Chor haben. Dafür gibt es ja die Kinder- und Jugendchöre. Die gibt es wie Sand am Meer.

Das hat auch stimmliche Gründe. Das wird manchmal vielleicht etwas hochgespielt. Aber trotzdem: Die Knabenstimme entwickelt sich anders als eine Mädchenstimme. Knabenstimmen haben eben mit etwa 12 oder 13 Jahren ihren Zenit erreicht. Mädchen sind zwar auch schon gut in diesem Alter, aber die Kontinuität geht eben weiter. Und wenn man leistungsfähige Mädchenchöre hört, dann ist das Durchschnittsalter höher. Da merkt man, würde man diese Altersgruppen zusammen singen lassen, dann wäre das nicht so organisch und harmonisch, also auch als soziale Gruppe. Ich habe die Erfahrung hier in Köln gemacht.

DOMRADIO.DE: Welche Erfahrung war das?

Metternich: Wir hatten eine Schule für Mädchen und Jungen. Es gab aber nur einen Knabenchor. Was mache ich also mit den Mädchen? Fusionieren wir sie oder setzen wir sie separat auf beide Sparten? Letzteres funktioniert sehr gut.

Wenn man den Jungs die ein bisschen klischeehaft vorbildlichen und disziplinierten Mädchen vor die Nase setzt, dann verlieren die Jungs die Motivation. Die brauchen eine eigene Identität und auch eine andere Ansprache in der Probe. Da geht es manchmal ein bisschen härter zu als bei den Mädchen. Deswegen finde ich diese Trennung grundsätzlich deutlich besser.

DOMRADIO.DE: Aber?

Metternich: Das schließt nicht aus, dass wir gemeinsame Projekte machen können. Das machen wir hier in Köln auch und das funktioniert super.

DOMRADIO.DE: Das heißt, es geht gar nicht nur darum, wie das stimmlich klingt, sondern es geht auch um die soziale Komponente?

Metternich: Wenn unsere Jungs durch den Stimmbruch und die Mädchen in dem entsprechenden Alter sind, dann harmoniert das viel besser. Aber im Alter von zehn bis 13 fühlen sie sich auch getrennt sehr wohl.

DOMRADIO.DE: Glauben Sie denn, dass die Rechtsanwältin mit ihrer Forderung weit kommen wird?

Metternich: Ich glaube nicht, dass man damit weit kommt. Aber: Man kann trotzdem dadurch zum Nachdenken anregen und sich auch dieser Tradition ein bisschen bewusster machen und vielleicht auch mal zur Kenntnis nehmen, dass es nicht mehr viele Knabenchöre gibt, aber die, die es gibt, werden gepflegt.

An den Kathedralen hat sich in den letzten 20, 30 Jahren in Deutschland unheimlich viel getan. Zu den bestehenden Knabenchören sind viele Mädchenchöre gegründet worden.

Und wenn das so ist wie bei uns in Köln, dass sie auch Reisen in andere Länder machen oder die wichtigen Hochämter singen wie die Knaben, dann ist das doch eine gute Sache.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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