Altar mit Brot und Wein
Altar mit Brot und Wein
Martin Struck im Turm von Groß St. Martin
Martin Struck im Turm von Groß St. Martin
Abriss der Kirche in Immerath
Abriss der Kirche in Immerath
Platz für 40.000 Bücher
Wohnung in einem früheren Gotteshaus in Baden-Württemberg
Bar in ehemaliger Kirche
Bar in einer ehemaligen Kirche in Utrecht

28.04.2018

Kölner Diözesanbaumeister über nicht mehr benötigtes Kircheninventar "Kulturverlust zu erleben ist schmerzhaft"

Altar, Kreuz, Tabernakel und Orgel gehören fest zum Inventar vieler Kirchen – doch was passiert, wenn das Haus geschlossen, profaniert oder gar abgerissen wird? Wie gehen Gemeinden, wie geht die Bistumsleitung mit diesem Kulturverlust um?

DOMRADIO.DE: Herr Struck, immer wieder hört man spektakuläre Zahlen, wenn aus anderen Bistümern – zumal flächenmäßig eher kleinen – von der Schließung oder dem Abriss von Kirchenbauten die Rede ist. Wie viele Gotteshäuser sind denn im Erzbistum Köln bereits profaniert bzw. wie vielen droht absehbar noch das "Aus"?

Martin Struck (Diözesanbaumeister im Erzbistum Köln): Seit dem Jahr 2000 haben wir 28 Gotteshäuser profaniert bzw. die katholische Nutzung aufgegeben. Davon wurden sieben abgerissen. Zum Vergleich: Im Bistum Münster wurden seit dem Jahr 2000 etwa 55 Kirchen profaniert und 24 abgerissen, in Essen werden seit 2005 von Seiten des Bistums 105 Kirchengebäude nicht mehr bezuschusst; davon wurden 52 profaniert und 31 abgerissen. In Köln stehen wir noch am Anfang einer solchen Entwicklung. Ich schätze, dass wir auf absehbare Zeit bis zu fünf Anträge pro Jahr zu bearbeiten haben. Diese Vorgänge sind auch vor dem Hintergrund zu bewerten, dass gleichzeitig nichts Neues nachkommt. Mit St. Katharina in Köln-Blumenberg wurde im Jahr 2003 die letzte Kirche im Erzbistum neu gebaut. 15 Jahre lang keine Kirche mehr zu bauen – außer Kapellen für Altenheime und Krankenhäuser oder einen Ersatzbau für die Braunkohle bedingt abzubrechende Kirche in Kerpen-Manheim – das hat es zu keinem Zeitpunkt in unserer Bistumsgeschichte je gegeben – nicht einmal während des Zweiten Weltkrieges.  

DOMRADIO.DE: Wie gehen die Menschen am Ort damit um, wenn sie sich von ihrer Kirche – oft ja unter Widerstand – verabschieden müssen?

Struck: Das sind tatsächlich Trauerprozesse, die sich manchmal über drei oder vier Jahre hinziehen und daher vom Bistum kommunikativ und pastoral begleitet werden. Nie werden solche Entscheidungen leichtfertig getroffen. Bemerkenswert ist allerdings die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung: Sieht eine Kirche nach "richtiger" Kirche aus – mit steilen Dächern, Turm und Bogenfenstern – weckt ein Abriss sofort besondere Emotionen, wie das jüngst bei dem Immerather Dom zu erleben war. Bei modernen Kirchen, denen mitunter dieses Zeichenhafte fehlt, trennen sich Gemeinden scheinbar leichter. Dies gilt ebenso für historisches Inventar, zu dem oft eine stärkere emotionale Bindung besteht.

DOMRADIO.DE: Wie erleben Sie solche Trennungsgeschichten?

Struck: Das Handeln von Kirchenvorständen erinnert gelegentlich an das Verhalten in Familien, wenn eine nachfolgende Generation den elterlichen Haushalt auflöst: Eine besondere Wertschätzung erfahren nicht die Dinge der unmittelbaren Elterngeneration, sondern reizvoll ist, was an materiellem Besitz von den Großeltern vererbt wurde. So haben die historischen Kirchengebäude beispielsweise aus der Epoche des Historismus inzwischen wieder viele Fürsprecher. Die Bauten aus der Nachkriegsepoche bis in die 1980er Jahre werden hingegen weniger gemocht. Dies gilt genauso für die Beurteilung der gegebenenfalls nicht mehr benötigten Ausstattung. Eine noch so schematisch geschnitzte neugotische Kirchenbank wird für wertvoller erachtet als die in klaren und schnörkellosen Formen der 1960er. Damals musste die Neugotik diesen Bildersturm über sich ergehen lassen. Heute sind wir dankbar, dass oft genug auch das Qualitätvolle dieser Epoche erkannt wurde und es unsere Geschichte auch für diesen Zeitabschnitt dokumentiert. Von daher findet laufend eine "automatische" Qualitätsauslese statt.

DOMRADIO.DE: Was geschieht denn mit dem weniger qualitätvollen Inventar, das ausgemustert wird? Gibt es dafür Abnehmer oder Depots?

Struck: Voraussetzung für die Genehmigung eines Profanierungsantrags ist auch die Planung zum Verbleib des Inventars. Hierfür sind Inventarisierungen, also die exakten Auflistungen des Bestandes, sehr wichtig. Sie verschaffen einen Überblick, über welche Ausstattung eine Kirchengemeinde als Eigentümer überhaupt verfügt. Leider gibt es im Internet inzwischen einen riesigen Markt für so etwas. Einen Beichtstuhl in der Kellerbar, Kirchenbänke oder sonstige sakrale Einrichtungsgegenstände in der guten Stube – manche Leute finden den Tabubruch, der damit einhergeht, reizvoll. Eine wirkliche Beziehung zu einem geheiligten Gegenstand haben sie selten. Für hochwertige Stücke gibt es immer Abnehmer. Richtig gute Kunst findet ihren Weg ins Museum. Ein Depot für weniger wertvolle Stücke betreiben wir bislang nicht. Unser Ziel ist die Weitervermittlung. Aber schon die Weiterverwendung oder Einlagerung von Bleiglasfenstern ist nicht so ohne Weiteres zu leisten. Verlieren diese den Raum, für den sie zur Modulation des einfallenden Lichtes und damit einer bestimmten Raumstimmung entworfen wurden, verlieren sie gleichsam ihre Daseinsberechtigung. Übrig bleiben handwerklich exquisit gefertigte Kunstwerke, die für den Bauschutt sicherlich zu schade sind. Die "Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jahrhunderts", eine Stiftung von Annette und Ernst Jansen-Winkeln, hat hunderte solcher Fenster eingelagert und sie damit vor ihrem Untergang gerettet. Die Inventarisierung sämtlicher Kunstverglasungen in den Rheinlanden bis zu den Beneluxstaaten, die übrigens im Netz für jedermann einsehbar ist, verdankt sich dem außerordentlichen Engagement dieser Stiftung und trägt zur öffentlichen Wahrnehmung dieses besonderen Schatzes bei.

DOMRADIO.DE: Ließe sich etwas Vergleichbares, eben eine Stiftung, auch für Tabernakel, Kreuze und anderes Inventar einrichten?

Struck: Wichtiger als das Sammeln der bei uns momentan nicht benötigten Kirchenausstattung ist die Weitervermittlung zur Nutzung durch andere Kirchengemeinden, bei denen entsprechender Bedarf besteht. Momentan sind wir dabei, mit allen Bistümern in Deutschland und den angrenzenden deutschsprachigen Bereichen eine Angebotsdatenbank einzurichten. Hier würden Inventarstücke mit Abbildung, Kurzbeschreibung, Maßen etc. eingestellt. Interessenten – beispielsweise aus Osteuropa, wohin der Transport in einem vertretbaren Verhältnis zum Wert der Gegenstände stünde – sehen, ob sich Passendes für ihre Kirche findet. Zurzeit ist eine erfolgreiche Weitervermittlung Glücksache, wenn gerade bei demjenigen Bistum Ausstattungsobjekte zur Verfügung stehen, bei dem zeitgleich auch eine entsprechende Anfrage eintrifft. Mit moderner Technik könnte die Angebots- und Nachfragebasis verbreitert werden.

DOMRADIO.DE: Die Kirche selbst aber verdient vermutlich nichts daran, wenn sie ihr Inventar seriös anbietet…

Struck: Nein, wir wollen eben nicht, dass Märkte für so etwas entstehen. Der Fokus liegt auf einer sinnvollen Weiterverwendung. Hier wollen wir unsererseits die Kirchengemeinden als Eigentümer unterstützen. Nicht nur wegen ihrer besonderen Würde oder Aura ist Kirchenausstattung etwas Besonderes: Bänke sind beispielsweise überaus sperrig und brauchen ein großes Transportvolumen. Die Umsetzung von Orgeln ist erfahrungsgemäß immer sehr aufwendig. Massive Altäre wiegen Tonnen und benötigen zum Versetzen eine besondere Logistik. Je nach konkretem Fall gilt es noch weitere praktische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Bei der Aufgabe von Klöstern können solche Abläufe dann noch dramatischere Dimensionen annehmen: Ohne Nachwuchs fehlt die Generation, die sich um eine geregelte Abgabe zur sinnvollen Weiternutzung des sakralen Inventars kümmern könnte. Inzwischen ist aber auch in den Ordensprovinzen der oft dringende Handlungsbedarf entdeckt worden.

DOMRADIO.DE: Welche Rolle übernimmt bei der Frage nach dem Inventar die Kunstkommission?

Struck: Laut Statut will sie über jeden Profanierungsantrag informiert sein und wissen, was genau mit dem Inventar geschieht. Klar ist: Der Altar und die Kirche müssen in jedem Fall bei einer Aufgabe profaniert werden, damit nicht befürchtet werden muss, dass einzelne Gegenstände später im Internet zum Verkauf angeboten werden und dann irgendwelchen unwürdigen Zwecken dienen.

DOMRADIO.DE: Wie sieht es mit den Urheberrechten von Künstlern aus, wenn eine Kirche leer geräumt oder abgerissen wird?

Struck: Das kann in der Tat ein Problem sein. Vor allem die ortsfeste künstlerische Ausstattung steht in genuinem Bezug zum jeweiligen Bau. In einen anderen Zusammenhang gebracht, wird manchem Ausstattungsstück die Wirkung versagt, die es, ursprünglich für einen bestimmten Ort konzipiert, nur dort hatte. Wenn der Urheber dann einer Weiterverwendung in anderem Zusammenhang nicht zustimmt, kann dieses Persönlichkeitsrecht stärker gewichtet werden als das des Eigentümers am Erhalt der Sache. Möglicherweise riskiert der Urheber mit diesem Vorgehen aber den Fortbestand seines Werkes: Eine Vernichtung widerspricht nämlich nicht dem Urheberrecht! Gerade bei der Weiterverwendung künstlerischer Verglasung kann es zu solchen Problemen kommen.

DOMRADIO.DE: Tut Ihnen das nicht manchmal auch persönlich weh, tatenlos diesem Rückbau zuzusehen und den Verlust verwalten zu müssen?

Struck: Den stetigen Kulturverlust zu erleben ist tatsächlich schmerzhaft. Tatenlos begleiten wir so etwas nicht. Es ist unsere Aufgabe, auf Schätze hinzuweisen, Mitstreiter zu gewinnen und das Gute an die nächste Generation irgendwie weiterzugeben. Erhaltenswertes wird tradiert werden und später seinen Glanz sicherlich wieder entfalten können. Das ist wie bei unserer Religion, wofür die künstlerischen Zeugnisse einer jeden Epoche sichtbarer Ausdruck sind. Davon bin ich überzeugt. Jeder gute Hausherr muss aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholen können, wie es im Matthäus-Evangelium heißt, wenn die Arbeit am Reich Gottes für die Menschen auch in Zukunft Früchte tragen soll.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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