Vorstellung des Endberichts zur "Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am Konvikt Collegium Josephinum"
Vorstellung des Endberichts zur "Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch, physischer und psychischer Gewalt am Konvikt Collegium Josephinum"
Kardinal Woelki
Kardinal Woelki
Collegium Josephinum (bis 1997)
Collegium Josephinum (bis 1997)

13.09.2017

Erzbistum Köln präsentiert Studie zu Gewalt am Collegium Josephinum "Ein System des Machtmissbrauchs"

​Am Erzbischöflichen Collegium Josephinum in der Eifel wurden Schüler jahrzehntelang gequält. Das ist das Ergebnis eines Abschlussberichts, der jetzt im Erzbistum Köln veröffentlicht wurde. Kardinal Woelki zeigte sich tief betroffen. 

Körperliche Züchtigungen, Faustschläge, Tritte und Erniedrigungen bis hin zu sexuellem Missbrauch: Alles das mussten Schüler des Collegium Josephinum in Bad Münstereifel jahrzehntelang erleiden. Das geht aus dem Abschlussbericht hervor, der an diesem Mittwoch im Erzbistum Köln veröffentlicht wurde. Demnach war Gewalt für einige Schüler der Einrichtung bis in die 1990er Jahre alltäglich. Verantwortlich waren Priester, die das ehemalige Knabenkonvikt in der Eifel leiteten, ebenso wie ihnen untergeordnetes Personal. 

Es habe "eine vergleichsweise hohe Zahl an Fachkräften" gegeben, die in der Vergangenheit ihre Macht missbraucht hätten, so Projektleiterin Prof. Claudia Bundschuh, "um die Befriedigung eigener Interessen und Bedürfnisse durchzusetzen". Die Erziehungswissenschaftlerin sprach von einem "System des Machtmissbrauchs".

Rund 100 Rückmeldungen

Das ehemalige Erzbischöfliche Konvikt war ein Internat für Jungen, das bereits 1997 geschlossen wurde. Nach Bekanntwerden erster Vorwürfe im Jahr 2010 gaben die Betroffenen im Jahr 2015 eine Studie in Auftrag, die vom Erzbistum Köln finanziert wurde.

Rund 100 Rückmeldungen ehemaliger Schüler hatte es daraufhin gegeben. Sie kommen in diesem Abschlussbericht zu Wort. Es handele sich nicht um eine Studie über Betroffene, sondern von Betroffenen, hob Bundschuh hervor: "Es gab Jungen, die fast täglich für Nichtigkeiten geschlagen wurden. Denen die Ohren herumgedreht wurden, bis sie geblutet haben und denen mit Holz auf den Po geschlagen wurde. Ihn wurde gedroht und sie wurden gedemütigt", zitiert die Professorin aus den Erfahrungsberichten. Auch habe es sexuelle Übergriffe gegeben, sagt sie, körperliche Kontakte gegen den Willen der Kinder bis hin zu Fällen sexuellen Missbrauchs.

"Niemand hätte mir geglaubt"

Unter den Folgen leiden die Betroffenen bis heute. Werner Becker ist Professor für Zahnmedizin, er war in den 1950er Jahren Schüler am Josephinum, heute sitzt er als Vertreter der Betroffeneninteressen im Lenkungsausschuss. Bei der Präsentation der Studie ringt er sichtlich um Fassung: "Ich komme aus einem streng katholischen Elternhaus. Wenn ich irgendetwas gegen einen Priester gesagt hätte, wäre ich geschlagen worden. Niemand hätte mir geglaubt, man hätte den Priester immer in Schutz genommen und ihm mehr Vertrauen geschenkt als mir. Deswegen habe ich geschwiegen und es hingenommen, so schlimm es auch war!"

Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, reagierte betroffen auf die Ergebnisse der Studie: "Die Gewissheit, dass in Einrichtungen unseres Erzbistums über viele Jahre jungen Menschen schlimmes Leid zugefügt wurde, noch dazu auch von Priestern, gehört zu den schwersten Erkenntnissen, mit denen ich in meinem bischöflichen Dienst umgehen muss und erfüllt mich mit großer Trauer."

Konsequenzen angekündigt

Woelki kündigte Konsequenzen an: Ein verantwortlicher Priester sei bereits in den einstweiligen Ruhestand versetzt worden, zudem werde man innerkirchliche Verfahren gegen die Beschuldigten anstreben. Den Opfern sicherte das Erzbistum die Zahlung einer Anerkennungsleistung und die Übernahme von Therapiekosten zu.

Zudem werde man alles tun, zukünftig solche Übergriffe unmöglich zu machen, so der Kardinal: Das Versagen auf allen Seiten des schulischen und kirchlichen Systems müsse Anlass dafür sein, selbstkritisch alles zu prüfen, was die Verbrechen begünstigt habe, sagte er. "Dafür möchte ich stellvertretend für das Erzbistum die Betroffenen um Vergebung bitten."

Bereits heute hat das Erzbistum einen Interventionsbeauftragten, der Ansprechpartner in konkreten Fällen oder bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch durch Kirchenbedienstete ist. Zudem wolle man pädagogisches Personal verstärkt schulen und für das Thema sensibilisieren.

Veranstaltung abgesagt

Irritationen hatte es im Vorfeld der Präsentation gegeben, weil das Erzbistum eine geplante Informationsveranstaltung für ehemalige Schüler abgesagt hatte. Dabei ging es um Spannungen innerhalb der Gruppe: Bereits bei Bekanntwerden erster Vorwürfe hatte es auch Gegenwehr - besonders von jüngeren Ehemaligen - gegeben, die betonten, an der Schule ausschließlich gute Erfahrungen gemacht zu haben und die die Aussagen der Opfer in Frage stellten. Sie geben an, durch die Vorwürfe selbst in Misskredit geraten zu sein und weisen sie als falsch zurück.

2015 hatte man versucht, diese so genannten "tertiär Betroffenen" mit Opfern von Gewalt am Josephinum zusammenzubringen, damals kam es zu einem massiven Streit. Nun habe es Vorfeld der Veranstaltung "unangemessene Anrufe" gegeben, so Christoph Heckeley, Pressesprecher im Erzbistum Köln. Man habe Störungen der Veranstaltung befürchtet und dass "insbesondere die primär Betroffenen, also die Gewaltopfer, durch das aggressive Zusammentreffen belastet werden könnten", erklärte Heckeley. Daher habe man sich zur Absage entschlossen. Er sicherte jedoch allen Interessierten, insbesondere den ehemaligen Schülern des Konvikts, zu, sie auf anderem Weg zu informieren.

Ina Rottscheidt
(dr)

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