Richter-Fenster im Kölner Dom
Richter-Fenster im Kölner Dom

24.08.2017

Zehn Jahre Richter-Fenster im Kölner Dom Begleitet von einer Debatte

In der ersten Wut über das Richter-Fenster wollte Kardinal Meisner seinen Bischofssitz im Kölner Dom verlegen, um es nicht sehen zu müssen. Dazu kam es nicht. Seit zehn Jahren entfaltet das Kunstwerk seinen Farbenzauber.

Seinen Frieden mit dem Kunstwerk hat er nicht gemacht. Aber die erste Wut über das abstrakt-bunte Fenster des renommierten Künstlers Gerhard Richter im Kölner Dom verrauchte bald. Es gebe Wesentlicheres, über das er sich ärgere, befand der kürzlich verstorbene Kardinal Joachim Meisner. Das Fenster, das alte Architektur und moderne Kunst verbindet, wurde vor zehn Jahren, am 25. August 2007, feierlich enthüllt.

Seitdem entfaltet die 106 Quadratmeter große Fläche an der Südseite des Doms ihren Lichtzauber in der Kathedrale. Bierdeckelgroße Antikglas-Stücke in 72 verschiedenen Farbtönen ließ der Künstler mit Silikon auf einer großen Trägerscheibe vereinen. Um die meisten der 11.263 Glaskacheln zu mischen, nutzte Richter einen Zufallsgenerator.

Eine mystische Atmosphäre

So gestaltete er eine Hälfte, die sich spiegelbildlich in der anderen wiederholt. Der Scheiben-Mix lässt die Sonnenstrahlen zu einem bunten Farbteppich zusammenfließen und sorgt für eine mystische Atmosphäre in der Vierung, wo der Altar eine zentrale Stelle im Dom bildet.

Das erste Südquerhausfenster, das drei heilige Herrscher und Bischöfe gezeigt hatte, war wie die Pläne dazu im Zweiten Weltkrieg zerstört und durch farblose Ornamentscheiben ersetzt worden. Das einfallende Licht wurde als zu grell empfunden. Für das 19 Meter hohe und fast 10 Meter breite renovierungsbedürftige Fenster suchte das Domkapitel Ersatz und schrieb einen Wettbewerb aus. In der Diskussion war, Märtyrern des 20. Jahrhunderts wie Edith Stein oder Maximilian Kolbe ein Gesicht zu geben. Doch die beiden eingereichten figürlichen Darstellungen überzeugten das Domkapitel nicht. Fast einstimmig votierte es 2005 für den abstrakten Richter.

"Eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus"

Das Fenster würde "eher in eine Moschee oder ein anderes Gebetshaus" als in die gotische Kathedrale passen, wetterte Meisner nach der Einweihung. "Wenn wir schon ein neues Fenster bekommen, soll es auch deutlich unseren Glauben widerspiegeln. Und nicht irgendeinen." Das Domkapitel bedauerte später, dass der Kardinal in die Beratungen nicht eingebunden gewesen sei. Norbert Feldhoff, in dessen Anfangszeit als Dompropst Planung und Umsetzung fielen, räumte persönliche Fehler ein. Er habe angenommen, der Erzbischof sei über Richters Teilnahme am Wettbewerb informiert und habe kein Problem damit.

Die Unmutsäußerung Meisners löste eine breite Debatte aus. Richter selbst, der kein Honorar nahm, verwies darauf, dass er von der ehemaligen Dombaumeistern Barbara Schock-Werner und Kunstbischof Friedhelm Hofmann - damals noch Kölner Weihbischof und heute Oberhirte von Würzburg - um einen Vorschlag gebeten worden war. "Ich erschrak erst mal - und fand dann die Idee sehr, sehr faszinierend", so der aus der Kirche ausgetretene Protestant. Auch wenn er den Glauben der katholischen Kirche nicht teilen könne, sehe er sich durch sie "sehr geprägt" und als ihr "Sympathisant". Mit der abstrakten Gestaltung wolle er zeigen, dass die Kirche in einer neuen Zeit mit all ihren Schwierigkeiten lebe. "Wenn ich so tue, als könnte ich Heilige malen, käme mir das wie eine Art Theater vor."

"Bruchstücke der eigenen Seelenlandschaft"

Zustimmung zum Werk kam vom früheren Hamburger Erzbischof Werner Thissen. "Die unzähligen farbigen Rechtecke lassen sich erschauen wie die Bruchstücke der eigenen Seelenlandschaft", schreibt er in einem Buch. "Und der Dom mit seiner Fülle christlicher Zeichen kann es (v)ertragen."

Ähnlich sieht es der amtierende Dompropst Gerd Bachner. Natürlich könne ein solches Fenster auch in einer Bahnhofshalle seinen Platz finden. "Aber wenn es im Dom ist, dann kann ich es vom Dom her interpretieren", so der Geistliche. So stehe das Farbspektrum für die Glaubensfreude. Oder für das Unaussprechliche, das sich mit dem Namen Gottes verbinde. Und die vielen Farbnuancen symbolisierten, dass kein Individuum vom Volk Gottes auszugrenzen ist.

In seinem ersten Ärger wollte Meisner seinen Bischofsstuhl auf die andere Altarseite versetzen lassen, um während der Gottesdienste das Fenster nicht sehen zu müssen. Doch Feldhoff stimmte ihn versöhnlich: Die sogenannte Kathedra blieb an ihrem angestammten Platz.

Andreas Otto
(KNA)

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