Kind allein im Park
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Kontakt zu anderen Kindern fällt in der Corona-Krise oft weg
Kontakt zu anderen Kindern fällt in der Corona-Krise oft weg

06.06.2020

Die Corona-Pandemie stellt das Leben von Kindern auf den Kopf "Die Situation verstärkt bereits bestehende Probleme"

Die Corona-Pandemie hat das Leben von Kindern und Familien auf den Kopf gestellt. Die Trierer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Tanja Hechler untersucht, wie Kinder und Jugendliche die Corona-Pandemie erleben, und was mögliche Folgen für die Kinder sind.

KNA: Frau Hechler, wie prägend ist die aktuelle Situation für Kinder?

Prof. Dr. Tanja Hechler (Trierer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin): Für viele Kinder ist vom einen auf den anderen Tag ein umfassendes Betreuungsangebot weggefallen. Ab einem Jahr bis zum Grundschulalter besuchen viele Kinder eine Kita. Die Einrichtungen hatten nun wochenlang geschlossen. Damit fielen Bildung, Betreuung und soziale Kontakte zu Gleichaltrigen von jetzt auf gleich weg. Dazu hat eine bedrohliche gesundheitliche Situation die ganze Gesellschaft lahmgelegt. Eltern mussten im Home-Office arbeiten, konnten teilweise gar nicht arbeiten oder sind vielleicht sogar selbst am Coronavirus erkrankt.

KNA: Was heißt das für die Kinder?

Hechler: Es gibt dazu noch keine Studien, aber meine Vermutung wäre, dass Kinder eine Unsicherheit erleben. Gerade kleine Kinder brauchen sehr viel Anleitung, Struktur, Gleichbleibendes und damit Sicherheit, um sich gut entfalten zu können. Vieles davon fiel jetzt aus. Dazu fehlte das soziale Umfeld, denn mit der Kontaktsperre und den Schutzempfehlungen erübrigten sich auch Besuche bei engen Bezugspersonen wie den Großeltern. Und die Eltern sind dazu möglicherweise beruflich stark belastet.

KNA: Wie lässt sich das auffangen?

Hechler: Manche Familien sind gut aufgestellt, haben einen sicheren Arbeitsplatz, unterstützen sich gegenseitig, haben vielleicht eine große Wohnung oder einen Garten. Dann kann die Situation auch eine Chance sein, mehr Zeit mit dem Kind zu verbringen und als Familie zu wachsen. In den Fällen würde ich vermuten, dass ein Kind aufgefangen wird und es sogar mehr Kontakt zu seinen Bezugspersonen hat. Auch wenn vielleicht die Nähe zu Großeltern oder Gleichaltrigen fehlt.

KNA: Manche Familien leben in einer anderen Realität...

Hechler: Wer in beengten Verhältnissen wohnt und existenzielle Sorgen hat, den trifft die Situation wahrscheinlich härter. Manche Eltern fragen sich: Wie geht es mit meiner Arbeit weiter? Fällt mein Job weg? Und zeitgleich müssen diese Eltern - vielleicht sogar allein - den Alltag bewältigen, Frühstück, Mittagessen, Abendessen vorbereiten, das Kind beschäftigen und nebenbei arbeiten. Diese Kinder erleben eher eine unruhige, unsichere und dadurch möglicherweise auch belastende Zeit.

KNA: Gehen Sie davon aus, dass der Lockdown sich langfristig auf Kinder auswirkt?

Hechler: Wenn Kinder in der Entwicklungszeit ihres Gehirns schwere traumatische Erfahrungen machen, kann das die Entwicklung massiv negativ beeinflussen. Das kann dazu führen, dass die Kinder sehr stressanfällig sind oder mit ihren Emotionen nicht umgehen können.

KNA: Der Lockdown selbst stellt an sich aber kein traumatisches Erlebnis dar?

Hechler: Nein. Aber es liegt die Vermutung nahe, dass Kinder in belasteten Familien auch schwierigere Lebensbedingungen haben - die sich nun stärker auswirken als ohne Lockdown. Nehmen wir an, ein Elternteil ist psychisch krank oder alkoholabhängig und deshalb gewalttätig - und das Kind ist jetzt 24 Stunden am Tag in diesem Haushalt. Dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind vernachlässigt wird oder Gewalt erfährt vermutlich höher. Das hat auf jeden Fall Folgen, da reichen auch ein paar Wochen Ausnahmesituation. Allerdings liegt das dann nicht allein am Lockdown und der Corona-Pandemie. Die Situation verstärkt aber die bereits bestehenden Probleme.

KNA: Kommen Kinder im Corona-Krisenmanagement zu kurz?

Hechler: Kinder müssten in meinen Augen bessere Bedingungen erhalten. Covid-19 stellt uns als Gesellschaft vor Herausforderungen und natürlich müssen wir Schutzkonzepte haben. Aber die jüngste Gruppe braucht altersgerechte Bedingungen, die auch die Kinderrechte wie das Recht auf Bildung, Spiel oder Partizipation gewährleisten. Da gibt es zwar Bemühungen, aber ich bin überzeugt, dass mehr möglich wäre.

KNA: Fehlt Kindern nicht der Austausch mit anderen Kindern, wenn sie wochenlang hauptsächlich mit ihren Eltern zusammen sind?

Hechler: Ab etwa drei Jahren interessieren Kinder sich für Gleichaltrige, spielen zusammen und bilden Freundschaften. Wenn das wegfällt, erleben sie das sicher als Verlust. Oder auch, wenn der direkte Kontakt zu Großeltern plötzlich wegfällt. Jüngere Kindern sind hingegen noch enger an ihre direkten Bezugspersonen gebunden. Wenn ganz kleine Kinder ihre Großeltern sechs Wochen nicht sehen, kann das dazu führen, dass die Kleinen sie nicht mehr erkennen - was aber wahrscheinlich eher für die Großeltern ein Problem ist.

KNA: Nehmen wir einen Dreijährigen - wie kommt er oder sie jetzt besonders gut durch die Zeit?

Hechler: Wichtig ist, dass das Kind versteht, was gerade passiert und warum. Da reicht eine einfache Erklärung: Es gibt eine neue Krankheit und deshalb machen wir bestimmte Dinge anders. Dann kann das Kind verstehen, warum Kitas nicht normal geöffnet haben, warum es seine Freunde nicht treffen kann, warum die Eltern von zu Hause arbeiten oder warum Menschen Masken tragen. Das Kind sollte auch spielerisch lernen, an welchen Punkten es von Regeln betroffen ist.

Der Vorteil ist, dass Kinder aus sich selbst heraus neugierig, erkundungsfreudig und lustig sind. Sie lernen unglaublich schnell. Gut wäre auch, wenn Familien trotz aller Belastung und allem Stress den Humor nicht verlieren und überlegen, was ihnen gut tut und Spaß macht, um auch schönen Erlebnissen Raum zu geben.

Das Interview führte Anna Fries.

(KNA)

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