Ein singender Chor
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Prof. Franz Karl Prassl
Prof. Franz Karl Prassl
Ungewöhnliche Situation: Alle musizieren coronabedingt auf Abstand
Ungewöhnliche Situation: Alle musizieren coronabedingt auf Abstand

01.09.2021

Corona-Folgen für die Kirchenmusik noch nicht absehbar "Ziemlich alle waren gegen Musik und Singen"

Chöre, Gemeindegesang, Orchester: Die Folgen der Corona-Einschränkungen für die Kirchenmusik sind noch nicht absehbar. Eine Bestandsaufnahme für den deutschsprachigen Raum nimmt Kirchenmusik-Professor Franz Karl Prassl aus Graz vor. 

DOMRADIO.DE: Herr Professor Prassl, wir leben seit über eineinhalb Jahren mit dieser Pandemie, mit entsprechenden Verordnungen, Hygieneschutz et cetera. Welche Lehren hat die Kirchenmusik daraus gezogen? Hat sie eher Schaden genommen oder ist sie vor allem an Kreativität gewachsen in den letzten 17 Monaten?

Prof. Franz Karl Prassl (Stv. Vorstand Institut für Kirchenmusik und Orgel, Professur Gregorianik und Geschichte der Kirchenmusik an der Kunstuniversität Graz): Beides. Man muss sagen, dass in Summe die Schäden nicht unbeträchtlich waren. Und man muss auch erfreulicherweise feststellen, dass viele Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker die Herausforderungen angenommen haben, um das Beste aus der Situation zu machen.

Zunächst einmal: Das ständige Auf- und Ab mit Lockdowns, Lockerungen, Verschärfungen, Lockerungen, das waren kalt-warme Duschen, die meistens relativ unvorbereitet, aber nicht unerwartet gekommen sind. Denn die Kirchen mussten immer im Schlepptau der Regierung reagieren.

Die Bundesregierung in Wien hat natürlich respektiert, dass im Hoheitsbereich der Kirche der Staat nichts anzuschaffen hat. Aber in gewissermaßen nicht einfachen Verhandlungen hat natürlich die Regierung den Bischöfen Vorgaben gemacht, wie sie im eigenen Wirkungsbereich die notwendigen Maßnahmen umzusetzen haben.

Mitunter konnten auch überzogene Forderungen abgewehrt werden.

DOMRADIO.DE: Waren die Verantwortlichen in der Kirchenmusik in dieser Zeit mehr damit befasst, entsprechende Hygienekonzepte zu entwerfen beziehungsweise umzusetzen oder hatten sie auch Zeit für die Kirchenmusik selbst, zum Üben oder ähnliche Dinge?

Prassl: Naja, Hygienekonzepte für Kirchenchöre und dergleichen hat die österreichische Kirchenmusik-Kommission entworfen, mit der Bischofskonferenz abgesprochen. Es waren ja doch nur größere Teile eines gesamten Hygienekonzepts für die Kirchen. Das Ergebnis ist dann vom einzelnen Diözesanbischof verordnet worden und die Pfarrer und Chorleiterinnen und Chorleiter haben das dann umgesetzt, wie es in ihrem Wirkungsbereich sinnvoll war.

Eine große Herausforderung war zunächst einmal das Ausbremsen des Gemeindegesangs – eine durchaus kontrovers diskutable Sache im Lichte dessen, was an Studien mittlerweile bekannt ist, was man im Blick auf Länder, die manches anders geregelt haben, auch kritisieren kann.

Ich möchte nicht unvorsichtigem Handeln hier Vorschub leisten, wohl aber sagen, dass im Grunde genommen die Studien des Instituts für Musik und Medizin in Freiburg im Breisgau oder der Charité in Berlin oder auch der Militäruniversität in der Nähe von München und natürlich auch die berühmte Wiener Philharmoniker-Studie, der sich die Studie des Chorverbandes Österreichs angeschlossen hat, durchaus Ergebnisse zeigen, denen gemäß im Grunde genommen das Risiko des Gemeindegesangs einschätzbar und beherrschbar war.

Aber die Virologen, die die österreichische Bundesregierung beraten haben, haben hier die Dinge offenbar anders gesehen. Und auch in der Presse wurde generell der Gesang immer als eine Hauptgefahr für die Verbreitung von Aerosolen hingestellt.

Man kann sagen, dass so ziemlich alle in der Gesellschaft gegen die Musik und gegen das Singen waren, egal ob in der Kirche oder außerhalb der Kirche.

DOMRADIO.DE: Wie gefährlich sind denn jetzt die Aerosole beim Singen in der Gemeinde? Gehen wir mal von einer ganz normalen Gemeinde aus, die die entsprechenden Lieder und Gesänge an den entsprechenden Stellen im Gottesdienst singt. Wie gefährlich ist das?

Prassl: Die Studien z.B. mit den Chorsängern, die ja durchaus Laiensänger und insofern vergleichbar mit Gemeindemitgliedern sind, haben gezeigt, dass im Normalfall die Ausbreitung der Aerosole knapp unter einem Meter ist endet, und im Extremfall – aber da muss man als gewissermaßen nicht stimmkundiger Sänger schon ordentlich 'brüllen' – ging es bis zu einem Meter vierzig.

Das heißt, dass unsere Abstandsregel mit einem Meter fünfzig nach allen Seiten hin für Chöre vollkommen genügt hätte. Aber ohne Masken! Und wir haben dann in den schlimmsten Zeiten gesagt: Wenn ein Solisten-Ensemble singt und sie singen ohne Maske, dann sollen sie vorsichtshalber zwei Meter Abstand haben.

Das haben wir von uns aus vorgeschlagen. Wir waren damit durchaus auf der sicheren Seite. Und in jenen kurzen Perioden, in denen Chöre singen durften, haben wir massiv dafür geworben auszuprobieren, ob man mit Maske singen kann und ansonsten wirklich große Abstände zu halten, die Stehplätze am Chor auch zu markieren, notfalls die Besetzung etwas zu reduzieren.

Aber im Prinzip gewissermaßen nach dem, was man wusste, um das Risiko zu minimieren.  

DOMRADIO.DE: Gibt es denn bei den Aerosolen noch Unterschiede bei den Corona-Varianten? Zum Beispiel die Delta-Variante gilt ja als besonders stark ansteckend. Gilt da auch trotzdem der Abstand von einem Meter fünfzig oder sollte man da doch etwas mehr Vorsicht walten lassen als bei den bisherigen Varianten, die wir bislang hatten?

Prassl: Einmal mit Hausverstand betrachtet: Ausbreitung von Atemluft ist Ausbreitung von Atemluft und diese wird immer die gemessenen Distanzen haben. Und da ist es nicht die primäre Frage, was drin ist und was nicht drin ist.

Zum anderen denke ich schon, dass auch bei doppelt Geimpften eine gewisse Vorsicht geboten ist, weil natürlich auch voll Immunisierte eine Ansteckung erleiden können. Aber die Verläufe der Krankheiten sind dann milder. Aber wie gesagt, Singen war unerwünscht. Und obwohl wir ja sehr verantwortungsvoll mit den Schutzmaßnahmen umgegangen sind, war es z.B. nicht möglich, Gemeindegesang zu erlauben.

Das war von der staatlichen Seite her absolut unerwünscht, obschon in den Kirchen ja die Regel gegolten hat: alle mit Maske und zwei Meter Abstand. Das heißt, trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen standen hier gewissermaßen alle, die im Gesang eine Gefahr gesehen haben, massiv auf der Bremse.

Für den Gemeindegesang hat das bedeutet, dass das Singverbot zum Großteil schon ein großes Frustrationspotenzial ergeben hat. Wir haben sehr viele Rückmeldungen, dass den Kirchgängern das gemeinsame Singen wirklich abgegangen ist. Das haben sie sehr vermisst und das auch artikuliert.

Es war ja nicht einmal erlaubt, zu Weihnachten gemeinsam "Stille Nacht" zu singen. Die Leute haben es trotzdem getan. Irgendwann endet dann auch die bürgerliche Gehorsamspflicht, wenn es z.B. ans Eingemachte der religiösen Praxis geht, aber nicht nur der religiösen, auch der kulturellen Praxis.

Die Menschen erdulden viel, aber lassen sich nicht alles wegnehmen.

DOMRADIO.DE: Wie sehen Sie als Theologe gerade unter diesem Aspekt die Bedeutung des Gemeindegesangs im Gottesdienst? Wie wichtig ist er oder wie unverzichtbar?

Prassl: Ich denke, es gehört zu den schönsten Früchten der Liturgiereform des Zweiten Vatikanums, dass jetzt den Kirchgängerinnen und Kirchgängern das gemeinsame Singen abgegangen ist. Das heißt, hier hat es wirklich einen Mentalitätswandel gegeben von "Man lässt singen" zu "Wir singen gemeinsam".

Ich habe gerade gestern bei einem Totengebet für einen verstorbenen Pfarrer die Kirche rappelvoll erlebt, alle mit Maske. Die Menschen haben wirklich kräftig gesungen, wie ich das sonst öfters nur aus deutschen Gemeinden kenne. Das ist immerhin ein erfreuliches Zeichen, welches natürlich auch eine Rückwirkung auf die Chöre hat, die sich ja Gott sei Dank inzwischen als Teil der Gemeinde verstehen und nicht als Opposition zur Gemeinde.

Für die Chöre war vielleicht der Kollateralschaden noch größer. Für Chöre, die sich ohnedies schon zwischen Sein und Nichtsein befunden haben, hat es einen vorgezogenen Auflösungsprozess gegeben. Ich weiß aber auch von befreundeten Chorleitern in allen möglichen Gegenden Österreichs, dass nach der Öffnung der Chorszene im Juni bis auf zwei, drei Impfverweigerer pro Chor alle Mitglieder wieder da waren, und dass nach drei, vier Proben gewissermaßen der alte Vor-Corona-Zustand wiederhergestellt war.

DOMRADIO.DE: Das heißt also: Durch die Durchimpfung der Gesellschaft würden Sie erwarten, dass auch die Arbeit mit den Kirchenchören wieder an Fahrt aufnehmen kann? Was würden Sie denn den Verantwortlichen in der Kirchenmusik empfehlen, wenn es dann doch noch ungeimpfte Chormitglieder gibt?

Prassl: Ich persönlich neige eher zu einer rigiden Haltung. Wenn es irgendwie vertretbar ist, würde ich die wegschicken oder verpflichten, sich engmaschig testen zu lassen, und zwar mit PCR-Tests, weil ich denke, es ist schlichtweg nicht sehr kollegial, um nicht zu sagen asozial, andere durch seine eigene Ideologie des Nicht-Impfens zu gefährden.

Denn die Infizierten und krank Gewordenen sind heute zu 80% Ungeimpfte. Ich denke, das soll man zur Kenntnis nehmen. Ich bin ja an einer Kunstuniversität tätig. Bei uns wird es keinen Unterricht ohne die berühmte 3G-Regelung geben.

Und die Medizin-Universität in Graz hat aktuell verlautbart: Es gibt nur ein G. Also: entweder geimpft oder kein Studium.

DOMRADIO.DE: Wie wird die kirchenmusikalische Arbeit in den nächsten Monaten aussehen können? Wird sie sich wieder normalisieren und auch etwas aus der vergangenen Zeit mitnehmen in die Zukunft?

Prassl: Ich denke, zu den positiven Seiten der Restriktionen hat auch gehört, dass man bestimmte Dinge wiederentdeckt hat, zum Beispiel die ursprüngliche Aufführungspraxis eines herkömmlichen klassischen Repertoires, das wir normalerweise durch die Brille der Romantik sehen, auch was die Ausführenden anbelangt.

Wie klingt diese Musik in einer Originalbesetzung, die ja sehr häufig solistisch war? Was kann man mit kleinen Ensembles machen? Auch die Wiederentdeckung der Monodie-Praxis eines Heinrich Schütz z.B. Er musste ja auch Spezielles in Zeiten des Dreißigjährigen Krieges komponieren – aber nicht wegen der Pandemie, sondern mangels Sänger.

Es gab da schon einiges wiederzuentdecken. Nicht alles wird man in die Zukunft mitschleppen können, da war auch viel Musik darunter, die man zu Recht vergessen hat. Man wird sehr deutlich gewisse Erkenntnisse vertiefen können.

Dazu gehört auch die Stärkung der Rolle des Kantors, das Bewusstsein für den liturgischen Dienst und die wirklich unersetzbare Funktion in der Liturgie einer Kantorin und eines Kantors, die ja im Grunde genommen auch den Gemeindegesang leiten können und müssen – natürlich in unseren Breiten zusammen mit Organisten.

Im Fehlen des Singens war auch deutlich erlebbar, dass Gesang und Musik ein integrierter Bestandteil des Gottesdienstes sind. Dieses Erlebnis in den und für die Gemeinden müssen wir Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker aus Gründen einer liturgischen Spiritualität noch viel stärker fördern.

Das Interview führte Jan Hendrik Stens.

(DR)

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