Viele verzichten wegen der Corona-Krise auf Reisen
Ein Flugzeug der "Airfrance"
Symbolbild Flughafenseelsorge
Symbolbild Flughafenseelsorge

10.06.2021

Ein Blick auf die Flughafenseelsorge "Ein Teil wird für immer verschwinden"

Flughäfen waren im letzten Jahr oft leer. Wie geht es den Menschen, die dort arbeiten und denen, die durch die Pandemie ihre Stellen verloren haben? Und welche Anliegen bringen die Reisenden mit, die jetzt wieder vermehrt kommen?

DOMRADIO.DE: Spüren Sie die sinkende Inzidenz?

Johannes Westerdick (Pastoralreferent und Seelsorger am Düsseldorfer Flughafen): Ja, natürlich. Es gibt jetzt die Situation, dass es am Flughafen auch mal wieder laut ist. Ansonsten hatten wir zwischendurch wirklich gespenstische Stille. Von vier Abflugtafeln, die sonst nur zwei Stunden abbilden, war dann vielleicht mal eine Tafel voll für den ganzen Tag. Inzwischen sind wir aber bei drei, zum Wochenende auch schon mal vier Tafeln voll für den ganzen Tag.

DOMRADIO.DE: Heißt das, dass für Sie als Flughafenseelsorger jetzt auch ganz lange nichts zu tun war?

Westerdick: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir sind ganz bewusst als Flughafenseelsorge am Flughafen geblieben, obwohl zwischendurch sowohl die Polizei als auch die Info anderthalb Monate zu hatten, weil wir ja für die Menschen da sind.

Und das sind nicht nur die Passagiere, sondern auch die Mitarbeitenden, die in der ersten Phase natürlich total verunsichert waren. Als die ersten Firmenpleiten kamen, hatten die natürlich Bedarf. Und ansonsten gibts auch ganz viele Menschen, die am Flughafen gestrandet sind im weitesten Sinne, die ihren Lebensmittelpunkt am Flughafen sehen, obwohl sie dort nicht offiziell gemeldet sind oder überhaupt keine Meldeadresse haben. Also nicht gestrandete Reisende, sondern Menschen, die vielleicht wohnungslos sind und deshalb am Flughafen sind.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie hatten mehr Zeit, sich um diese Leute zu kümmern?

Westerdick: Wir hatten dadurch ein bisschen mehr Zeit. Wir mussten allerdings auch unser Engagement zeitlich ein bisschen eingrenzen. Wir waren von 10 bis 16 Uhr da. Normalerweise sind wir von 7 bis 19 Uhr da, waren aber weiterhin telefonisch erreichbar und mussten natürlich ein bisschen aufpassen, meine evangelische Kollegin und ich, dass, wenn einer von uns erkrankt, wir nicht den ganzen Laden zumachen müssen.

Insofern haben wir im Zwei-Schichtbetrieb gearbeitet, mit zwei festen Teams jeweils, sie mit dem Praktikanten und ich mit der Bfd-lerin. Und die ganzen 40 Ehrenamtlichen konnten leider seit Oktober nicht in den Dienst kommen.

DOMRADIO.DE: Also mussten Sie im Grunde genommen auch so was ähnliches wie Zwangspause oder Kurzarbeit für ihre Ehrenamtler anordnen?

Westerdick: Genau. Die waren ganz traurig. Die sind froh, dass wir jetzt im Juni wieder anfangen können. Viele sind auch etwas älter und sind dann teilweise schon durchgeimpft. Ansonsten sind wir mit den entsprechenden vorsorglichen Maßnahmen sehr froh, die wieder mit an Bord zu haben, weil es wirklich deutlich mehr zu tun gibt. Die Passagiere haben viel mehr Nachfrage.

DOMRADIO.DE: Im Moment ist das ja immer noch schwierig mit dem Reisen, weil sich täglich etwas an den Bestimmungen ändert. Sind das auch Fragen, mit denen Menschen derzeit zu Ihnen kommen?

Westerdick: Ja, das sind so die Hauptfragen. Also angefangen von "Wo sind die Testzentren?" bis hin zu  "Ich würde jetzt gerade fliegen, aber die Airline sagt, ich muss da noch irgendein Gesundheitszertifikat von irgendeinem Land haben. Wie komme ich denn da jetzt dran?" "Brauche ich jetzt einen PCR-Test oder reicht der Schnelltest? Reicht eventuell auch das Bürger-Zertifikat?"

All das sind im Moment akute Fragen und da bereiten wir uns teilweise darauf vor oder sind inzwischen erfahren dadurch, dass wir die Seiten vom Auswärtigen Amt täglich für die wichtigsten Länder einfach mal kurz durchgucken, was sich geändert hat, oder eben auch tagesaktuell mal eben im Computer nachgucken.

DOMRADIO.DE: Ein PCR-Test, den man für viele Reiseziele ja sinnvollerweise braucht, kostet knapp 60 Euro, wenn man das am Flughafen macht. Jetzt ist das ja für eine Familie mit vier Kindern, die vielleicht in den Urlaub fliegen will, auch eine ganz schöne Belastung. Ist Ihnen so was mal begegnet?

Westerdick: Ja, das ist natürlich ein riesen Drama. Wir hatten die Situation in der vorletzten Woche, dass ein paar Familien nach Griechenland in den Urlaub fliegen wollten, sich super gefreut haben. Die brauchten neben dem PCR-Test ein Gesundheitszertifikat von Griechenland, das nachher als QR-Code auf dem Handy erscheint. Hatte soweit alles gut geklappt, aber für den vierjährigen Sohnemann hatte das nicht geklappt. Da lag kein QR-Code vor, mit der Konsequenz, dass die Airline die ganze Familie nicht mitgenommen hat.

Nicht alle Airlines, aber viele sind dann trotzdem so nett, dass man das erste Mal nochmal kostenlos umbuchen kann und dann müssen die Hotels und so weiter umbuchen. Aber das nächste Problem war, dass dann für den nächsten Tag die PCR-Tests für alle zu alt waren. Das heißt, wir mussten nochmal komplett für die ganze Familie neu PCR-Tests machen.

DOMRADIO.DE: Da können Sie dann als Tröster zur Seite stehen. Aber Sie haben ja als Flughafenseelsorge keine Möglichkeit zu sagen: "Wir drehen da was, dass ihr da trotzdem jetzt fliegen könnt."

Westerdick: Diese Möglichkeiten haben wir ganz ehrlicherweise nicht. Dann könnten wir ständig was drehen. Wir verweisen schon darauf. Es ist dann manchmal so, dass die Testzentren selbst sagen: "Ihr habt den Test vorgestern bei uns gemacht. Jetzt ist er zu alt", dass sie da dann schonmal Kulanzregelungen machen. Aber das ist sehr abhängig von der Situation vor Ort. Das muss man ganz ehrlich sagen.

DOMRADIO.DE: Es gibt allgemein so eine Aufbruchsstimmung. Alles öffnet wieder, alles geht wieder. Ich habe Wirte gesehen, mit Tränen in den Augen, die sich so freuten, endlich jetzt wieder Kunden und Gäste begrüßen zu dürfen. Wie ist das bei Ihnen?

Westerdick: Ja, wir freuen uns natürlich auch, dass das wieder voller wird und wir freuen uns vor allen Dingen für die Mitarbeitenden am Flughafen. Die ganzen grauen Pendlerservicehändler, die Geschäfte, die jetzt wieder aufmachen, die natürlich froh und glücklich sind, haben aber natürlich auch noch die weinenden Augen im Hintergrund von Menschen, die im letzten Jahr ihren Flughafenausweis nach zehn Jahren Tätigkeit am Flughafen abgeben mussten und bei verschiedenen Firmen gearbeitet hatten, die aber jetzt pleite gegangen sind. Die konnten sich gar nicht vorstellen, ohne Flughafen noch zu leben. Ein Teil wird vielleicht wiederkommen, aber ein Teil wird auch für immer verschwinden.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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