Ein Diakon segnet den Sarg.
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Der Diakon segnet den Sarg
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Urnengräber in Köln: Wer an Covid-19 verstorben ist, muss aber nicht zwangsläufig eingeäschert werden.
Urnengräber in Köln: Wer an Covid-19 verstorben ist, muss aber nicht zwangsläufig eingeäschert werden.

06.03.2021

Ein Jahr Bestattungen im Ausnahmezustand "Covid ist nicht die Pest"

Corona macht das Abschiednehmen schwer. Der Lockdown vor einem Jahr traf trauernde Angehörige besonders hart. Das ist immer noch so. Inzwischen gibt es aber neue Erkenntnisse, auch zu der von Verstorbenen ausgehenden Infektionsgefahr.

DOMRADIO.DE: Herr Roth, Ihr Vater Fritz Roth, der Gründer Ihres Gladbacher Bestattungsunternehmens und bundesweite Pionier in Sachen Trauerarbeit, hat den Satz geprägt: Der Tod ist der beste Lehrmeister zum zivilen Ungehorsam. An dieses Wort erinnern Sie sich schon mal gerne, wenn Ihnen etwas aufstößt. Was kommt Ihnen nach einem Jahr Ausnahmezustand in der Bestattungskultur als Erstes dazu in den Sinn?

David Roth (Bestatter und Trauerbegleiter): Mein Vater hätte jedenfalls das, was im Moment den Trauernden angetan wird, nicht unwidersprochen gelassen. Er hätte alles unternommen, um den gesetzlichen Rahmen voll auszuschöpfen und jedem einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Niemals hätte er gejammert und tatenlos über die schwierigen Bedingungen geklagt, unter denen wir nun schon seit einem Jahr unsere Toten bestatten und mit den Angehörigen nach Wegen suchen, jede Feier trotz enormer Einschränkungen würdevoll, individuell und persönlich zu gestalten.

Wenn ich mir vorstelle, unsere Mutter wäre in dieser Zeit im Krankenhaus gestorben – was ja viele Menschen mit ihren Eltern erlebt haben –, wir hätten sie dort nicht besuchen dürfen und könnten sie jetzt nicht einmal sehen oder berühren – das würden wir uns nicht bieten lassen. Wir sollten dringend aufhören, über Bodybags, die Beschriftung von Särgen und vorgezogene Impfungen für Bestatter zu reden, um so den Eindruck zu verstärken, bei den Verstorbenen handele es sich um Sondermüll. Es geht immer um Würde – bis zum Schluss.

DOMRADIO.DE: Im März des letzten Jahres, als das Leben von einem auf den anderen Tag still stand, durften nur abgezählte Angehörige ersten Grades an einer Trauerfeier teilnehmen. Exequien in der Kirche waren völlig ausgesetzt. Zwischendurch wurden die Hygiene- und Schutzvorschriften für Beerdigungen gelockert, doch bei kleinen Feiern ohne anschließendes Reue-Essen oder eine Tasse Kaffee in vertrauter Runde ist es geblieben. Wie denken Sie heute über die zurückliegenden Erfahrungen?

Roth: Corona ist ein gefährliches Virus, dessen Auswirkungen wir damals nicht annähernd abschätzen konnten. Und es hat in Deutschland und weltweit viele Menschenleben gekostet. Dazu gab es erschütternde und verstörende Bilder vor allem aus Norditalien, New York oder Südamerika. Also haben wir uns der Politik untergeordnet, weil erst einmal niemand so recht wusste, womit wir es wirklich zu tun haben und wie bedrohlich die Lage ist.

Inzwischen haben wir alle dazugelernt und wissen um die realen Gefahren. Aber Covid ist nicht die Pest. Und wir leben auch nicht mehr im Mittelalter. Die Impfungen haben begonnen, der Lockdown wird gelockert, wir werden in den nächsten Wochen mit schwankenden Inzidenzen leben müssen, aber es gibt Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem normalen Leben.

Daher sollten wir uns jetzt nicht mehr damit aufhalten, darüber nachzudenken und zu klagen, was in den letzten Monaten alles schief gelaufen ist und nicht möglich war. In diesem Kontext sollten andere beurteilen, ob die Entscheidungen der Politiker damals richtig und angemessen waren. In der Bestattungs- und Trauerkultur schauen wir, was gerade geht und wie wir für die Trauernden die besten Voraussetzungen für einen guten Abschied schaffen können. Das ist unser Auftrag, und den wollen wir bestmöglich erfüllen. Immer. Auch unter erschwerten Umständen.

DOMRADIO.DE: Zu Beginn der Pandemie war man noch der Überzeugung, von einem Toten, der mit dem Virus infiziert war, geht keine Gefahr mehr aus. Mittlerweile aber gibt es dazu neue Erkenntnisse…

ROTH: Der Bestatterverband NRW weist diesbezüglich auf zwei Studien hin, in denen Rechtsmediziner die Infektiosität von Covid-19-Verstorbenen erforscht haben und zu dem Ergebnis kommen, dass von der Körperoberfläche und den Körperflüssigkeiten eines Verstorbenen wohl keine Ansteckungsgefahren ausgehen. Dagegen besteht auch nach einem Zeitraum von bis zu 17 Tagen noch ein Infektionsrisiko durch Aerosole, die durch Umlagerungen und das Anheben des Verstorbenen entstehen, weil durch die damit verbundene Lungenkompression Atemluft entweichen könnte. Das allerdings kann durch die Verwendung einer OP-Maske oder das Auflegen eines feuchten Tuches auf den Mund und Nasebereich des Verstorbenen verhindert werden.

Als Bestatter versorgen wir die Toten und kommen ihnen nahe. Einen Verstorbenen zu waschen ist ein sehr intimer Vorgang. Aufgrund des unmittelbaren Körperkontaktes besteht also eine erhöhte Ansteckungsgefahr, gegen die wir uns aber durch FFP2-Masken, Visiere, medizinische Schutzkleidung und Handschuhe schützen. Und wir verhalten uns umsichtig und vorsichtig wie alle anderen Berufsgruppen auch, die infizierten Menschen begegnen. Ein sorgsamer würdevoller Umgang mit dem Leichnam gehört zu unseren Aufgaben. Außerdem übernehmen wir natürlich Verantwortung für die Angehörigen und unsere Mitarbeiter. Das betrachte ich aber nicht als besondere Herausforderung. Diese Haltung ist und war für uns immer schon – und nicht erst seit den Anfängen der Pandemie – eine Selbstverständlichkeit.

DOMRADIO.DE: Was hat sich denn vor diesem Hintergrund in dem einen Jahr im Umgang mit den Angehörigen geändert, zumal Sie ja die ganze Palette Ihrer Trost- und Begleitangebote im Moment nicht abrufen können?

Roth: Wir wissen um die große Bedeutung von Trauer, die auch in Pandemie-Zeiten dieselbe Intensität hat – hier ändert sich ja nichts, nur weil die äußeren Vorzeichen andere sind – und tun alles Menschenmögliche, um auch in dieser angespannten Situation, die ja noch anhält, für die Hinterbliebenen da zu sein und ihre Wünsche zu erfüllen. Sobald ein Verstorbener gewaschen, desinfiziert, eingekleidet ist und im Sarg liegt, es also zu keiner Luftzirkulation mehr kommt, kann man als Angehöriger Abschied nehmen, auch eine letzte zarte Berührung an der Hand sollte möglich sein. Natürlich ist es nicht ratsam, sich anschließend an Augen, Nase oder Mund zu fassen, bevor man sich nicht die Hände gewaschen hat. Aber das haben wir ja alle längst gelernt.

Und dann kann man, selbst wenn manches nicht möglich ist, immer noch sehr kreativ sein, um eine Bestattung würdig zu gestalten. Würdevoll mit jemandem umzugehen, kann sich in vielen kleinen Zeichen der Zuwendung ausdrücken. Wichtig ist, den Moment des Abschieds selbst ernst zu nehmen und Angehörigen ein Gefühl von Sicherheit zu geben – und das ist völlig coronaunabhängig.  

DOMRADIO.DE: Sie sind sicher auf dem Laufenden, was gerade geltende Regeln im Bestattungswesen besagen…

Roth: Hier hat sich im Grunde die Einschätzung des Robert Koch-Institutes in den letzten Wochen nicht geändert. Professor Lothar Wieler und sein Virologen-Team sind der Ansicht, dass ein persönlicher Abschied möglich ist, wenn die Vorschriften eingehalten werden. Wörtlich heißt es dazu beim RKI: "Nachdem der Verstorbene versorgt worden ist und nicht mehr berührt werden muss, sind keine weiteren Schutzmaßnahmen notwendig. Eine berührungslose Abschiednahme am offenen Sarg ist mit entsprechendem Abstand möglich."

Nach einem Telefonat mit der dortigen Pressestelle haben wir erfahren, dass es keine Änderung dieser Empfehlung geben wird und man auch mit den Berufsverbänden der Bestatter dazu keine Gespräche führt. Es bleibt also dabei: Eine offene Aufbahrung und damit unmittelbares Abschiednehmen sind möglich.

DOMRADIO.DE: Das heißt, Sie haben sich persönlich über den aktuellen Stand der geltenden Bestimmungen informiert. Gibt es dazu keine offiziellen Erlasse?

Roth: Auf Nachfrage beim Bundesverband deutscher Bestatter e.V.  wurde uns zugesagt, dass demnächst eine Liste mit den geltenden Bestimmungen der einzelnen Bundesländer auf der Website zu finden sein wird. Dass es keine bundesweit einheitlichen Regeln gibt und sich auch kein Verband zuständig fühlt, eine übersichtlich nach Bundesländern geordnete Aufstellung zur Verfügung zu stellen, ist bedauerlich. Die trauernden Angehörigen sind so auf die Auskünfte der Bestatterinnen und Bestatter angewiesen, und die fallen je nach Engagement der jeweiligen Kollegen ganz unterschiedlich aus. In Bayern zum Beispiel sieht es ziemlich düster aus. Da geht im Moment fast gar nichts.

Bei uns in Nordrhein-Westfalen machen wir Abschiede am offenen Sarg und Trauerfeiern möglich. Bei uns wird auch niemand, der Covid positiv war, direkt vom Sterbeort ins Krematorium gebracht, so dass die Angehörigen keine Möglichkeit mehr zum Abschiednehmen haben. Vielen Hinterbliebenen wird mitgeteilt, der Verstorbene müsse eingeäschert werden. Aber diese Information ist falsch. Niemand, der an oder mit Covid verstorben ist, muss zwangsweise kremiert werden.

DOMRADIO.DE: Dieses Corona-Jahr hat viele Menschen veranlasst, ihre Feste – runde Geburtstage beispielsweise oder Hochzeiten – auf eine Zeit nach der Pandemie zu verschieben – in der Hoffnung, dass dann alles nachgeholt werden kann, was gerade nicht geht. Auch bei Beerdigungen war am Anfang immer wieder zu hören: Zu einem späteren Zeitpunkt laden wir dann zu einer Nachfeier mit allen Verwandten und Freunden ein. Da hatte sicher aber niemand auf dem Schirm, dass wir ein Jahr weiter noch immer am selben Punkt sind…

Roth: Eine Verlegung von Trauerfeiern auf die Zeit nach der Pandemie ist für uns keine Alternative. Wie soll das aussehen? Sollen wir Hinterbliebenen erklären, dass sie ihre Trauer ein paar Wochen oder Monate aufschieben sollen? Für uns, die wir Menschlichkeit und Mitgefühl als wichtigen Teil unserer Arbeit sehen, ist das undenkbar. Auf ein Vertagen sollte daher niemand warten. Ich kann jedem, der einen geliebten Menschen verliert, nur empfehlen: Sagen Sie Ihrem Bestatter, wie Sie sich den Abschied wünschen. Und wenn es Probleme gibt, dann gehen Sie zu einem anderen Kollegen. Der Moment des Abschieds ist unwiederbringlich und zu wichtig, um sich mit Dienst nach Vorschrift abspeisen zu lassen.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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