Symbolbild Impfstoff
Ampullen des Covid-19 Pfizer-Biontech Impfstoffs
Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Moraltheologin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Augsburg
Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl, Moraltheologin an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Augsburg

05.02.2021

Warum gelten Freiheitsbeschränkungen noch für Geimpfte? "Das ist eine Frage der Gerechtigkeit"

Ist es gerecht, dass Geimpfte gleiche Freiheitseinschränkungen hinnehmen müssen wie alle anderen? Die Moraltheologin Schlögl-Flierl hält das für angemessen und erklärt, warum sie wie der Papst für eine moralische Impfpflicht ist.

DOMRADIO.DE: Auf vieles müssen wir wegen Corona verzichten, das merken wir alle schmerzlich. Warum können Geimpfte nicht zumindest einen Teil ihrer Freiheiten zurückbekommen?

Prof. Dr. Kerstin Schlögl-Flierl (Moraltheologin an der Universität Augsburg und Mitglied im Deutschen Ethikrat): Freiheit ist erst mal grundsätzlich nicht einfach nur die Möglichkeit des Einzelnen zu tun oder zu lassen, was er möchte. Da besteht stets auch die Verantwortung des in der Gemeinschaft verwobenen Einzelnen. Hier würde ich das christliche Menschenbild schon sehr in Anschlag bringen. Und man muss deutlich sagen: Der aktuelle medizinische Kenntnisstand erlaubt derzeit schlicht nicht, dass es Lockerungen gibt, da einfach noch unklar ist, ob geimpfte Personen nicht trotzdem das Virus weiterverbreiten, obwohl sie geimpft sind.

Eine Impfung bedeutet nicht, dass man sich nicht infizieren kann. Man kann nicht mehr ernsthaft erkranken, weil das Immunsystem gerüstet ist. Und wir als Ethikrat halten das auch für eine Gerechtigkeitsfrage: Solange nicht allen ein Impfangebot gemacht werden kann, sollten die nur wenigen geimpften Personen keine besonderen Regeln erhalten.

Wir sprechen in dem Zusammenhang nicht von Privilegien - wie das in der Diskussion auch schon aufgekommen ist -, sondern von besonderen Regeln, weil wir deutlich machen wollten, dass es ganz klar ist, dass es diese Freiheiteinschränkungen in Zukunft nicht mehr geben soll. Deswegen sprechen wir nicht von Privilegien, sondern denken über besondere Regeln für Geimpfte in unserer Ad-hoc-Empfehlung nach.

DOMRADIO.DE: Aber wenn irgendwann mal klar sein sollte, dass die Geimpften tatsächlich niemanden mehr anstecken können und alle, die wollten, sich auch impfen lassen konnten, dann könnten Sie Ihre Entscheidung auch nochmal revidieren, oder?

Schlögl-Flierl: Genau. Wir haben klare Kriterien genannt: Wenn erstens das Impfprogramm so weit vorangeschritten ist, dass alle Menschen mit einem individuellen Risiko für einen schweren Verlauf der Covid-19-Erkrankung Zugang zur Impfung gehabt haben. Wenn zweitens die Hospitalisierung und die Todesfallrate nach Covid-19-Erkrankungen massiv zurückgegangen ist und damit die Überlastung des Gesundheitswesen nicht mehr droht. Und wenn drittens die Frage nach der Infektiosität geklärt ist, dann könnte man zur Normalität zurückkehren. Den genauen Zeitpunkt dafür kennen wir nicht. Aber wir haben Voraussetzungen dafür jetzt benannt.

DOMRADIO.DE: Schauen wir nochmal auf den Begriff der Freiheit. Schon die Bibel spricht ja von der Freiheit, die der Mensch hat. Warum darf der Staat überhaupt unsere Freiheiten, unsere Grundrechte so massiv einschränken wie im Moment?

Schlögl-Flierl: Die Freiheit, von der die Bibel spricht, ist nicht mit der Freiheit zu verwechseln, wie man sie häufiger in der liberalen Tradition seit der Aufklärung versteht. Da geht es um möglichst wenige Einschränkungen oder Beschränkungen durch Autoritäten. Aber das ist nur ein Aspekt von Freiheit, und biblisch gesprochen erschöpft sich diese Freiheit nicht darin. Es geht in der biblischen Idee von Freiheit eher um eine beanspruchte, eine angesprochene Freiheit. Die Zehn Gebote werden eingeleitet mit der Befreiungsansage durch Jahwe.

Freiheit bedeutet also biblisch, dass ich den Blick nicht nur auf mich oder andere fixiere, sondern dass ich das ganze Gute im Blick habe. Von daher würde ich sagen: Der biblische Freiheitsbegriff kann uns auf den anderen ausrichten und lässt uns beispisweie überlegen, ob wir uns impfen lassen. Aber diese Grundrechtseinschränkungen, die vom Staat gemacht wurden, vermag ich vom Impf-Ziel her zu erklären und zu begründen, nämlich dass eine Überlastung des Gesundheitswesen unbedingt verhindert werden soll.

DOMRADIO.DE: Im Moment ist es so, dass vor allem Ältere geimpft werden, von denen viele ja gerne in den Gottesdienst gehen. Die sind aber wegen des Verbotes von Gemeindegesang und der Abstandsregeln oft eher ein bisschen trist. Wären hier Lockerungen für Geimpfte nicht angemessen?

Schlögl-Flierl: Ich würde sagen, auch jüngere Christen gehen gerne in den Gottesdienst (lacht). Ich glaube, alle würden Gottesdienste bevorzugen, in denen wieder gesungen wird und wir Gemeinschaft erleben. Aber für mich ist schon zu fragen, ob diese Unterscheidungen bzw. besonderen Regeln für die geimpften Personen nicht diese Gemeinschaft konterkarieren würden, die wir im Gottesdienst als Versammlung des Gottesvolks ausdrücken wollen.

Ich finde das dem Communio-Gedanken nicht zuträglich. Aber ganz klar: Die geimpften Schwestern und Brüder im Glauben können ja gern im Sinne der Aufwertung der Liturgie Kantorendienste übernehmen oder gar einen Chor bilden. Das ist natürlich möglich und würde uns alle freuen.

DOMRADIO.DE: Der Papst hat eindringlich an die Gläubigen appelliert, sich impfen zu lassen. Andererseits versprechen Politiker, dass es eine Impfpflicht nicht geben soll. Warum eigentlich nicht, wenn die Freiheiten so stark eingeschränkt werden?

Schlögl-Flierl: Es ist einerseits ist zu unterscheiden zwischen dem moralischen Appell des Papstes und einer rechtlich formatierten Impfpflicht auf der anderen Seite, die immer wieder diskutiert wird. Ich bin an sich gegen eine allgemeine, undifferenzierte Impfpflicht, aber ich würde mich hier insoweit dem Papst anschließen und von einer moralischen Impfpflicht sprechen. Das heißt dann, dass man sich ernsthaft überlegt, was für oder gegen eine Impfung spricht und die Gründe ausmacht.

Und sollte man sich wirklich gegen eine Impfung aussprechen, würde es für mich auch bedeuten, sich Schutzmaßnahmen für die vulnerable Gruppen zu überlegen, die sich nicht impfen lassen können, weil aufgrund deren Schutzes sollten wir uns ja impfen lassen. Wenn sich jemand gegen die Impfung entscheidet, muss er dann in Konsequenz auch diejenigen Handlungen und Maßnahmen tragen, die die vulnerable Gruppen schützen.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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