München: Menschen stehen bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese
München: Menschen stehen bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen auf der Theresienwiese
Stadtpfarrer Rainer M. Schießler
Stadtpfarrer Rainer M. Schießler
Jürgen Fliege steht auf der Theresienwiese bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen
Jürgen Fliege steht auf der Theresienwiese bei einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen

03.11.2020

Münchener Pfarrer empört über "Querdenker-Gottesdienst" "Wir haben vor denen keine Angst"

Weil Gottesdienste erlaubt sind, wurde eine "Querdenker"-Demo am Wochenende als ein solcher deklariert. "Eine Frechheit", findet der Münchener Pfarrer Rainer Maria Schießler. Enttäuscht ist er auch von Jürgen Fliege, der an dem Treffen teilnahm.

DOMRADIO.DE: Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten, dass eine "Querdenker"-Demo in München auf der Theresienwiese mit knapp 2.000 Leuten unter dem Deckmantel eines Gottesdienstes abgehalten wird?

Pfarrer Rainer Maria Schießler (Pfarrer in München): Frechheit. Wirklich eine Frechheit. Unser Oberbürgermeister hat es in die Worte gefasst, dass das eine unsägliche Diffamierung der Religionsfreiheit ist. Ich weiß nicht, ob man mit diesen Leuten überhaupt vernünftig reden kann. Ich würde Ihnen gerne erklären, was der Unterschied zwischen einer Demonstration wie Ihrer und einem Gottesdienst ist.

Der Gottesdienst, so sagen es Menschen immer in der Kirche, ist durch und durch eine zweckfreie Veranstaltung. Nicht sinnlos, sondern zweckfrei. Das heißt, ich gehe nie in die Messe, um irgendwas zu erzwingen. Das gilt auch selbst dann, wenn ich ein Opferlicht aufstelle und den lieben Gott bitte, dass ich mein Abitur schaffe oder ein ähnliches Anliegen habe. Aber ich weiß, hier gibt es keine Deals. Darum hat auch schon Jesus die Händler aus dem Tempel getrieben.

Vielmehr bekomme ich hier von Gott seine Zuwendung. Ich muss nichts tun, gar nichts. Wenn ich dagegen eine Demonstration mache, so wie die "Querdenker" mit ihren irrealistischen Forderungen, dann gehe ich auf die Straße, weil ich etwas erzwingen will, was in diesem Fall unmöglich ist. Darum ist das, was sie da tun, mit einem Gottesdienst überhaupt nicht auf eine Linie zu bringen.

DOMRADIO.DE: Ich zitiere: "Hier geht es nicht um Versammlungsfreiheit, hier geht es um einen Gottesdienst." Das sagte einer der Redner und rief dann die Teilnehmer dazu auf, mit ihm zu beten. Die Polizei ließ das alles zunächst laufen, da, so wörtlich, "Inhalte und der Charakter eines Gottesdienstes erkennbar waren". Wie schnell kann denn eine Versammlung in einen Gottesdienst umgewandelt werden? Wie konnte das überhaupt durchgewunken werden?

Schießler: Natürlich kann ich mich mit fünf Leuten auf dem Weg machen, eine Wallfahrt beginnen, kann mit denen auf der Straße beten und es für mich als Gottesdienst deklarieren. Aber wir, die Gemeinden, melden unsere Gottesdienste immer noch vorher exakt an und beschreiben sie, wie zum Beispiel jetzt die bevorstehenden Martinszüge, die ja ausfallen. Wir machen Martins-Feiern in der Kirche unter der besonderen Beachtung der AHA-Regeln.

Ich kann alles einfach unter einem Prädikat abstempeln. Wenn ich mich versammle und an die Leute denke, die jetzt in den Pflegeheimen an Covid-19 sterben, ist das eine löbliche Sache, aber es ist kein Gottesdienst. Wenn eine Partei ihren Parteitag macht und zu Beginn des Parteitags der verstorbenen Mitglieder gedenkt, eine Gedenkminute macht oder nicht nur schweigt, sondern noch das Vaterunser betet, ist das auch noch kein Gottesdienst.

Dass da ein freikirchlicher Geistlicher dabei ist, macht es auch noch nicht zum Gottesdienst. Gottesdienste gibt es auch ohne Priester, ein Rosenkranzgebet zum Beispiel. Die Frage ist nur: Wer ist der Veranstalter? Ich kann nicht einfach sagen: "Jetzt mache ich hier einen Gottesdienst" - und vorher war nie die Rede davon. Wenn sie es vorher angekündigt hätten, dann hätte man anders darüber gesprochen. Dann hätte man gesagt: "Aha, ein Gottesdienst. Wie schaut denn das aus? Wie läuft so ein Gottesdienst bei euch ab?" Aber 1.900 Leute zu versammeln und zu sagen "Jetzt haben wir Stille und das war jetzt ein Gottesdeinst" - das geht wirklich nicht.

DOMRADIO.DE: Der evangelische Pfarrer Jürgen Fliege war auch mit dabei. Der Ex-Fernseh-Pfarrer sprach von einem Regime der Angst und rief zum Trauern um das Grundgesetz auf. Auf der Bühne waren dann während seines Auftritts Grablichter und mehrere mit einer Deutschlandflagge bedeckte Särge aufgebaut. Ein skurriles Bild, oder?

Schießler: Absolut. Wir haben vielleicht zur selben Zeit unsere Gottesdienste für die Verstorbenen des vergangenen Jahres gehalten. Allerheiligen und Allerseelen haben wir sehr eng beisammen hier bei uns in Bayern.

Die stellen sich da hin, beklagen und betrauern den Verlust der Grundrechte, wegen derer sie sich überhaupt versammeln können. Schauen Sie mal nach Belarus, wie das ist, wenn die Grundrechte nicht da sind. Da versammelst du dich nicht. Dass wir, wenn wir diese Schutzmaßnahmen jetzt nicht hätten, noch mehr Opfer hätten - und zwar menschliche Opfer, ein Covid-Toter ist immer noch ein Mensch - das wird gar nicht zur Sprache gebracht.

DOMRADIO.DE: Wer jetzt nur diese Schlagzeilen vom Wochenende "Querdenker" und "Gottesdienst" registriert, könnte ja möglicherweise ein falsches Bild der Kirche bekommen. Befürchten Sie das?

Schießler: Nein, das nicht. Weil wir viel zu präsent sind. Jeder, der zu uns kommt, kennt uns. Wir haben auch am Wochenende - und es gibt keinen Gottesdienst, bei dem wir das nicht tun würden - für alle Opfer dieser Pandemie gebetet. Aber wirklich gebetet. In den Fürbitten haben wir wirklich unsere Hoffnung ausgedrückt, dass wir alle zur Vernunft kommen und alle miteinander an diesem Ziel arbeiten, damit wir diese Zahlen wieder senken können und alle möglichst kreativ werden.

Wir müssen jetzt die Menschen, die in diesen nächsten vier Wochen in Isolation geraten, unterstützen. Wir arbeiten hier aktiv. Wir beten nicht nur, wir bauen Nachbarschaftshilfe auf. Die Leute wissen, dass wir gut sind. An Allerheiligen haben wir einen Gottesdienst mit Teilen aus dem Mozart-Requiem gefeiert. Wir geben der Kultur Raum. Wir machen unseren Beitrag. Wir haben vor denen keine Angst.

DOMRADIO.DE: Die Polizei hat die Veranstaltung dann doch vorzeitig abgebrochen, weil sie fast schon konzertähnliche Züge angenommen habe. Allerheiligen gilt als stiller Feiertag, hieß es dann nämlich. Das hätte man auch eher haben können, oder?

Schießler: Darum muss man ja so etwas anmelden. Wenn ich an Allerheiligen eine solche Veranstaltung mache - bei uns heißt das konfessionsgebundene Brauchtumsveranstaltung, ein schönes deutsches Wort - dann muss ich das genau beschreiben. Wenn ich eine Prozession mache, muss ich den Weg genau beschreiben. Ob Musik, Podien oder Halteverbote - ich muss alles genau beschreiben.

Da kann ich nicht einfach sagen: "Damit wir hier bleiben können, machen wir einen Gottesdienst." Das ist eine Desavouierung gesellschaftliche Spielregeln, des Gesetzes und der religiösen Freiheit, wie unser Oberbürgermeister richtig gesagt hat. Darum ist es gut, dass hier ein Aufschrei da ist. Dass Jürgen Fliege, den ich persönlich kenne und immer sehr geschätzt habe, weil er eigentlich jemand ist, der ganz klar die Dinge umreißen kann, sich für so einen Unsinn hergibt, das bereitet mir am meisten Kopfschmerzen.

Das Interview führte Carsten Döpp. 

(DR)

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