Symbolbild: Positiver COVID-19-Test und Laborprobe von Bluttests
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Ärzte ohne Grenzen im Einsatz
Ärzte ohne Grenzen im Einsatz

29.07.2020

"Ärzte ohne Grenzen" fordern kostenlose Corona-Tests für arme Länder "Der denkbar schlechteste Moment für Profitmacherei"

Knapp 20 Dollar kostet ein Corona-Test in Entwicklungsländern. Die Produktion ist ein vielfaches günstiger, gerade in der Pandemie sei jetzt deshalb eine Abkehr vom Profitdenken angebracht, sagt die Organisation "Ärzte ohne Grenzen".

DOMRADIO.DE: Was kostet eigentlich solch ein Corona-Test?

Marco Alves (Koordinator Medikamenten-Kampagne von "Ärzte ohne Grenzen"): Der von der Firma Cepheid angebotene SARS-CoV-2-Test wird zu einem Preis von 19,80 US-Dollar für Entwicklungsländer angeboten. Wir denken, das ist eine absolut krasse Hürde für den breiten Einsatz des Tests, denn wir sind in einer globalen Pandemie. Und das, was wir wollen, ist ja möglichst schnell festzustellen, wer infiziert ist, um eine Ausweitung der Pandemie zu kontrollieren und in Schach zu halten.

DOMRADIO.DE: Wie kommt dieser Preis zustande? Er wurde für 145 Entwicklungsländer festgelegt. Dabei haben in manchen Ländern die Menschen vor Ort ja gerade mal zwei US-Dollar für den ganzen Tag.

Alves: So ist es. Ein Test muss für Patienten selbst absolut kostenlos sein. In vielen Ländern müssen Menschen den tatsächlich noch aus der eigenen Tasche bezahlen. Gerade in diesen ärmsten Ländern sind die Test-Kartuschen der Firma Cepheid extrem hilfreich und wichtig, weil in vielen dieser Kontexte schon die notwendigen Maschinen für diese Kartuschen bestehen und dezentral über das ganze Land verteilt sind. Mit den gleichen Maschinen lassen sich HIV, Tuberkulose, Hepatitis C diagnostizieren, und wir können einfach und schnell, ohne besonders aufwendige Laborkapazitäten innerhalb einer Stunde ein verlässliches Ergebnis haben, um dann adäquate Maßnahmen ergreifen zu können.

Unsere Berechnungen haben gezeigt, dass diese wichtigen Test-Kartuschen inklusive Material, Herstellung, Verwaltungskosten, bei ungefähr drei US-Dollar liegen dürften und damit letztlich für fünf US-Dollar schon mit Profit verkauft werden könnten. Wir sind in einer globalen Pandemie. Diese Länder sind besonders vulnerabel. Das sind Gesundheitssysteme, die oft schon nicht ausreichend in der Lage sind, einfachere Krankheiten adäquat zu behandeln. Und das ist der denkbar schlechteste Moment für Profitmacherei. Wir denken, dass Diagnostika, Impfstoffe, aber auch Medikamente gegen Covid-19 für alle Menschen weltweit absolut bezahlbar sein müssen. Und die Firma Cepheid muss deshalb dringend den Preis senken: von 20 US-Dollar auf fünf US-Dollar.

DOMRADIO.DE: Welche Länder sind denn am stärksten betroffen?

Alves: Wir als Ärzte ohne Grenzen sind inzwischen in vielen Ländern auf der ganzen Welt im Einsatz. Wir unterstützen Teams dabei, sich vorzubereiten auf Infektionen, unterstützen aber auch bei der Behandlung von Covid-19 und sind da - um einen kleinen Ausschnitt zu nennen - in der Ukraine, im Irak, Libanon, Tschad, Elfenbeinküste, Kongo, Mali, Südsudan, Indien, Pakistan, Indonesien oder auch Südafrika. Es sind viele Orte und Länder niedrigen Einkommens. Es sind auch Länder mittleren Einkommens, und wir müssen da sagen: Die Weltgemeinschaft muss zusammenstehen und alles dafür tun, nicht nur Menschen vor Leid und Tod zu schützen, sondern eben auch diese Pandemie unter Kontrolle zu bekommen.

DOMRADIO.DE: Der Test wurde ja mit öffentlichen Mitteln in Höhe von 3,7 Millionen Dollar von dem Forschungsinstitut Barda der US-Regierung entwickelt. Ist da nicht die Politik in der Pflicht, einen Riegel vorzuschieben?

Alves: Wir sehen es tatsächlich sehr häufig, dass die öffentliche Hand große Teile der Forschung und Entwicklung von Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostika finanziert. Und insbesondere jetzt bei Covid-19 ist die Bereitschaft enorm, riesige Milliardenbeträge bereitzustellen. Sie haben da absolut Recht. Die finalen Preise müssen viel, viel stärker diese Investitionen der öffentlichen Hand, oder diesen Anteil der öffentlichen Hand, widerspiegeln. Und wir denken, dass schon bei der Vergabe dieser öffentlichen Forschungsgelder dringend Bedingungen an die Vergabe der Gelder geknüpft werden müssen, die festlegen, dass finale Produkte für alle Menschen weltweit bezahlbar zur Verfügung gestellt werden, zu Selbstkosten preisen. Dass aber auch ermöglicht wird, im globalen Maßstab ein patentiertes Produkt zu produzieren, damit es eben schnellstmöglich für alle weltweit zur Verfügung steht.

Wenn wir heute davon vielleicht sogar ausgehen müssen, dass Covid-19 endemisch wird - also noch viele Jahre auf der Welt ist - dann müssen wir auch dafür sorgen, dass gerade auch Produzenten im globalen Süden durch Technologietransfer in die Lage versetzt werden, zukünftige Impfstoffe, Medikamente oder eben auch Diagnostika selbst herzustellen und eben auch für die infrastruktur-schwachen Kontexte anzupassen. Da denken wir beispielsweise an die Hitzestabilität von Impfstoffen, dass die im globalen Süden eben auch einfach einzusetzen sind. Oder eben auch bestimmte Darreichungsformen, die es Menschen ermöglichen, möglichst einfach Medikamente einzunehmen

Das Gespräch führte Julia Reck.

(DR)

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