Demonstrant mit einer Schutzkonstruktion und einem Q für "QAnon"
Demonstrant mit einer Schutzkonstruktion und einem Q für "QAnon", Zeichen einer Verschwörungstheorie
Michael Blume
Michael Blume
"Ungeimpft" steht auf dem einem David-Stern nachempfundenen Sticker
"Ungeimpft" steht auf dem einem David-Stern nachempfundenen Sticker

20.05.2020

Religionswissenschaftler über antisemitische Mythen "Bizarre Ideen"

In Krisen wünschen sich viele Menschen einfache Erklärungen. Die einfachste ist die von der "jüdischen Weltverschwörung". Der Religionswissenschaftler Michael Blume erklärt, warum antisemitische Mythen nicht tot zu kriegen sind.

DOMRADIO.DE: Sie haben schon vor dem Ausbruch von Corona in Ihrem Antisemitismusbericht für den Baden-Württembergischen Landtag auf den Zusammenhang zwischen der sogenannten "Impfverschwörung" und klassischen antisemitischen Motiven hingewiesen. Jetzt gehen immer mehr Menschen auf die Straße, heften sich gelbe Sterne an die Brust mit der Aufschrift: "Nicht geimpft" oder tragen Plakate mit dem Schriftzug "Coronavirus heißt Judenkapitalismus". Wie geht das zusammen?

Dr. Michael Blume (Religionswissenschaftler und Beauftragter des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus): Weil es ein klassisches Motiv ist: Im Mittelalter galten Jüdinnen und Juden als höher gebildet, sie waren häufiger Ärzte, wie zum Beispiel Moses Maimonides und wenn man einem Arzt gegenüber misstrauisch war, dann war das immer antisemitisch geprägt. Das zieht sich durch die Geschichte, zum Beispiel Stalins "Ärzteverschwörung", [Anm. der Redaktion: Stalin behauptete, jüdische Ärzte wollten die sowjetische Führung ausschalten]. Insofern muss man leider sagen: Das ist nicht neu, das gibt es schon seit Jahrhunderten. Jedes Mal, wenn eine Pest ausbrach, hieß es, die Juden hätten die Brunnen vergiftet und es gab Pogrome. So schlimm ist es heute zum Glück nicht mehr. Es sind nur Wenige, die in diese Richtung abkippen, aber es sind natürlich immer noch zu viele.

DOMRADIO.DE: Dabei ist oft von einem "libertären Antisemitismus" die Rede, der vor allem durch das Internet Verbreitung findet: Was ist das?

Blume: Das ist eine neuere Form des Antisemitismus, die sich seit einigen Jahren abzeichnet. Viele rechte und rechtspopulistische Parteien und Bewegungen berufen sich auf freiheitliche Werte, beispielsweise die Österreichische FPÖ, die AfD oder die Tea-Party-Bewegung in den USA: Sie behaupten, unsere Freiheit werde durch eine große Verschwörung bedroht.

Und was ich schon sehr krass finde und auch in meinem Podcast beschreibe, ist, dass viele libertäre Antisemiten gar nicht mehr den Holocaust leugnen. Sondern sie behaupten: Das waren die Juden selber. Sie sollen den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust herbeigeführt haben, um die Gründung des Staates Israel zu erzwingen. Da wird der Holocaust sozusagen in den Verschwörungs-Mythos einbezogen und das macht mir große Sorgen. Die Leute sind dann wirklich jenseits von Geschichte: Sie leugnen den Holocaust nicht, sondern sie behaupten sogar, die Jüdinnen und Juden hätten selbst daran Schuld, selbst Hitler haben sie gezwungen. Das ist natürlich eine Wahnwelt. Die Leute denken, sie verteidigen ihre Freiheit. Aber es ist natürlich der pure Hass.

DOMRADIO.DE: Wer behauptet denn so etwas?

Blume: Es gibt beispielsweise ein Buch von Tilman Knechtel über die "Rothschild-Verschwörung", über das ich bereits geschrieben habe und das auch leider immer noch im Handel ist. Darin behauptet er, die jüdische Bankiersfamilie Rothschild kontrolliere Politik und Wirtschaft, um die Weltherrschaft anzustreben. Im Internet wird das gefeiert und die Leute sehen auch gar nicht mehr, dass da vielleicht etwas nicht stimmen könnte.

Der Einfluss der Rothschilds wird da völlig übertrieben und dass sie alle anderen Banken der Welt kontrollieren würden, ist natürlich völliger Quatsch. Es ist einfach ein Bankhaus, das auch schwere Zeiten durchlebt hat. Aber in der Vorstellung dieser Antisemiten ist klar: Die Rothschilds kontrollieren den Staat. Das ist im libertären Antisemitismus fast zu einer Art Mainstream geworden. Das sehen Sie auch daran, dass bei Demonstrationen Rechte, Linke und Leute, die sich für die Mitte halten, plötzlich gemeinsam demonstrieren und nichts dabei finden, wenn sie sagen: "Bill Gates plant eine Weltverschwörung und die Rothschilds finanzieren ihn."

DOMRADIO.DE: Aber es ist offenbar kein rein deutsches Phänomen, wie der Verschwörungsmythos "QAnon" zeigt?

Blume: Das ist derzeit die größte Ausprägung im Bereich dieses libertären Antisemitismus. QAnon kommt aus den USA und beruft sich auf einen vermeintlichen Whistleblower aus der Trump-Administration, der behauptet, alle westlichen Demokratien seien von Verschwörern unterwandert und Donald Trump würde das jetzt zerschlagen.

Bekannter Anhänger hier in Deutschland ist zum Beispiel der Sänger Xavier Naidoo, der behauptet, Kinder würden entführt und getötet, vor allem von Juden und Frauen, um aus ihnen "Adrenochrom" zu gewinnen [Anm. der Redaktion: Ein Stoffwechselprodukt, das Eliten angeblich als Verjüngungselixier nutzen.] Das ist ein süddeutscher Mythos, aus dem 15., 16. Jahrhundert: Damals hat man Juden und Frauen, also Hexen, vorgeworfen, christliche Kinder zu töten, um aus ihnen "Hexensalbe" herzustellen. Und das kommt jetzt im 21. Jahrhundert mit praktisch fast den gleichen Mythen zurück, nur mit neuen Begriffen. Und jetzt hoffen die Menschen eben nicht mehr auf Jesus, sondern dass Donald Trump derjenige sein wird, der die Verschwörung zerschlägt. Das klingt bizarr, aber über das Internet haben diese Ideen inzwischen zigtausende Anhängerinnen und Anhänger.

DOMRADIO.DE: Sie begegnen diesen Menschen bei Ihrer Arbeit als Antisemitismus-Beauftragter: Versuchen Sie, mit ihnen ins Gespräch zu kommen? Sind sie für Argumenten noch empfänglich?

Blume: Auch auf meinem Blog sind Hunderte von Kommentaren, wo Menschen ihren Glauben erklären und ihre Verschwörungsmythen mit mir diskutieren, sowohl persönlich als auch digital. Man kann grundsätzlich sagen: Es ist möglich, Menschen am Anfang einer Radikalisierung noch aufzuhalten. Aber wenn sie schon Monate oder Jahre drinstecken, wird es immer schwieriger. Wenn sie nicht selber aussteigen wollen, kann man fast nichts machen, denn sie leben in ihren Internet-Blasen, ziehen sich dorthin zurück, stacheln sich gegenseitig an und jeder, der ihnen widerspricht, wird zum Teil der Verschwörung.

Diese Menschen sind nicht dumm, sondern es ist gewissermaßen eine Wahl: Sie entscheiden sich dafür, daran zu glauben, dass die ganze Welt böse ist. Und Sie gehören zu der kleinen Gruppe von Auserwählten, die die Wahrheit sehen. Das kann man sich vorstellen wie eine Sekte, da kann man von außen nicht viel erreichen.

DOMRADIO.DE: Wie gefährlich ist denn so etwas? Oder kann man sagen: Das sind Menschen, die sich im Internet und auf der Straße mit ihren bizarren Ideen austoben – aber dabei bleibt es?

Blume: Es ist leider tatsächlich gefährlich. Zum Glück glauben das heute nicht mehr Mehrheiten. Im Mittelalter, als die Pest ausbrach, sind die Menschen auf Synagogen losmarschiert und haben Ärzte ermordet. Das haben wir heute in dieser Massivität nicht mehr, es sind anteilsmäßig weniger.

Aber wenn wir uns vorstellen, wenn in Deutschland zum Beispiel zehn, 15 Prozent der Menschen für solche Ideen anfällig sind, dann sind es immer noch Millionen. Und wenn sich davon auch nur jeder Tausendste im Internet weiter radikalisiert? Denken wir an Attila Hildmann zum Beispiel, ein veganer Koch, der jetzt mit Waffen posiert und seine Anhänger anstachelt und vom Untergrund redet, dann ist das natürlich gefährlich.

Darum bin ich dankbar, dass das Innenministerium den Reichsbürgern jetzt die Waffen wegnimmt. Es werden sich keine großen Mobs formieren, aber die Fälle in Halle, Hanau, oder Celle haben gezeigt: Es reicht, wenn sich Einzelne radikalisieren und Kleingruppen oder Polizisten angreifen. Damit müssen wir leider in den nächsten Monaten und Jahren vermehrt rechnen.

DOMRADIO.DE: Ist das eigentlich strafbar, sich einen gelben Stern an die Brust zu heften oder von einer jüdischen Weltverschwörung zu reden? Oder muss da nachgebessert werden? Haben Sie als Beauftragter des Landes Baden-Württemberg gegen Antisemitismus Forderungen an die Politik?

Blume: Das ist ein Graubereich, weil unser Recht noch auf den klassischen rechten Antisemitismus eingestellt ist. Das Leugnen des Holocaust ist verboten und viele Rechtsextreme sitzen deswegen hinter Gittern. Aber der Antisemitismus hat sich weiterentwickelt und radikalisiert, der Holocaust wird nicht mehr geleugnet, sondern man behauptet jetzt, die Juden waren es selber.

Das bedeutet, dass wir mit unseren Gesetzen und übrigens auch mit unserer Pädagogik an den Schulen einfach hinterherhinken. Wir bekämpfen immer noch diesen alten rechten, rassistischen Antisemitismus, den es natürlich weiterhin gibt. Aber der libertäre Antisemitismus ist schon einen Schritt weiter. Das sehen Sie, wenn Menschen sich einen gelben Stern an die Brust heften und der Ansicht sind, sie würden genauso verfolgt wie die Juden. Die merken überhaupt nicht mehr, was das für eine krasse Gleichsetzung ist. Man nennt das "Selbstviktimisierung": Sie halten sich für die eigentlichen Opfer.

Aber wir können noch nicht mal gegen Plakate vorgehen, auf denen steht: "Israel ist unser Unglück!" Die wurden hier im letzten Europawahlkampf flächendeckend aufgehängt und die Staatsanwaltschaft hat gesagt, sie könne da wenig machen. Da ist unser Recht noch viel zu lasch, wir brauchen gesetzliche Verschärfungen.

Auf der anderen Seite wird sich jemand, der davon überzeugt ist, Opfer einer Weltverschwörung zu sein, durch so ein Gesetz auch nur weiter bestätigt fühlen. Deswegen lautet mein Plädoyer: Strafrecht dort, wo es wirklich gefährlich wird, wo es um Mord und Aufrufe zu Gewalt geht. Und klare Kante dort zeigen, wo Leuten noch ansprechbar sind. Wer auf eine Demonstration geht, wo Impfungen mit Konzentrationslagern gleichgesetzt werden, der muss sich fragen lassen, ob er wirklich selber nachgedacht hat oder ob er sich da den falschen Leuten andient.

Das Interview führte Ina Rottscheidt.

Information zum Gesprächspartner: Dr. Michael Blume ist Religionswissenschaftler und Beauftragter der Landesregierung Baden-Württemberg gegen Antisemitismus. Er ist Autor des Buches "Warum der Antisemitismus uns alle bedroht: Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern.", erschienen im Patmos-Verlag.

(DR)

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