Erzbistum Köln startet telefonische Seelsorge für Einsame
Symbolbild Telefonieren
Christine Lieberknecht bei ihrer Vereidigung als Ministerpräsidentin
Christine Lieberknecht bei ihrer Vereidigung als Ministerpräsidentin

19.05.2020

Lieberknecht verteidigt ihren Vorwurf gegen die Kirchen Es gibt Situationen, in denen Briefe und Anrufe nicht reichen

Theologen und Kirchen widersprechen dem Vorwurf, sie hätten die Menschen in der Krise alleingelassen. Christine Lieberknecht, die ehemalige Ministerpräsidentin von Thüringen, verteidigt im Interview ihren Vorwurf und zeigt Alternativen auf.

DOMRADIO.DE: Sowohl die katholische, als auch die evangelische Kirche wehren sich gegen Ihre Kritik. Auch der ehemalige Vorsitzende des Ethikrats, der Theologe Peter Dabrock, geht auf Distanz. Wenn die Antworten jetzt so schnell und so laut kommen: Meinen Sie, Sie haben da eine Wunde getroffen?

Christine Lieberknecht (Ehemalige Pastorin und Ministerpräsidentin von Thüringen): Das ist doch völlig klar, dass die Kritik auch Widerspruch hervorruft.

Andererseits habe ich gestern schon eine Reihe von Zuschriften und Rückmeldungen bekommen. Da hieß es: "Frau Lieberknecht hat uns aus dem Herzen gesprochen". Es ist auch klar, dass man differenzieren muss. Man verweist auf die unglaublich aktiv tätigen Seelsorger, die Gemeindeglieder an der Basis. Das stelle ich gar nicht in Abrede. Auch das würdige ich ja. Aber genau die hätten sich mehr Beistand beziehungsweise ein klares Wort der Kirchen gewünscht. Das ist so.

DOMRADIO.DE: Ich breche die Reaktion trotzdem mal etwas runter: Seelsorge hat nicht nur was mit direktem Kontakt zu tun, sondern auch mit Begleitung durch Telefonate und Briefe. Gerade da hätten viele Seelsorger Unglaubliches geleistet, sagt Matthias Kopp, der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz. Ist da nicht auch was dran?

Lieberknecht: Das ist wahr. Da ist unglaublich viel geschehen und auch ich habe ja selbst versucht, da zu unterstützen. Aber es gibt Situationen, in denen man gerade ältere Menschen, die im Sterben liegen, die schwer krank sind, nicht mehr durch Telefonate oder Briefe erreichen kann.

Da gibt es im Bundesinfektionsschutzgesetz für die Kirchen die Möglichkeit, dass in einer Ausnahmesituation der Zugang von Seelsorgern zu Schwerstkranken, zu Sterbenden, zu Menschen in Quarantäne ermöglicht werden muss. Das steht dort. Diesen Zugang haben sich Gemeindepfarrer auch vor Gerichten erkämpft. Dazu hätte ich mir doch ein Wort der Kirchen gewünscht.

DOMRADIO.DE: Peter Dabrock, der ehemalige Chef des Ethikrats sagt, man müsse sich vorstellen, ein Christ sei gestorben, weil er durch den Besuch seines Pastors mit Corona infiziert wurde. Ist das nicht auch ein Argument?

Lieberknecht: Natürlich ist das ein Argument. Deshalb müssen Verhaltensregeln eingehalten werden. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, dass man sich testen lässt, wie das bei Pflegern und bei Ärzten der Fall ist. Seelsorger hätten auch getestet werden können und in diese Programme aufgenommen werden müssen. Natürlich ist Schutzkleidung eine Pflicht dabei. Die Verhaltensregeln müssen eingehalten werden, aber die hätte es ja auch gegeben.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, auch eine Schließung der Kirchen wäre in dieser Krise nicht unbedingt nötig gewesen. Die Experten sagen aber: Gerade der Gesang, der lange Kontakt und auch die älteren Leute als Zielgruppe, die machen die Kirchen zu einem ganz kritischen Bereich. Die Argumente kann man nicht einfach vom Tisch fegen.

Lieberknecht: Ich reflektiere da auch weniger die sonntäglichen Gottesdienste, sondern das stille Innehalten ganz für sich allein in den großen Hallenkirchen, die wir in unseren Städten haben. Da hätte der Abstand locker gewährleistet werden können. Dass die dann auch sehr schnell geschlossen waren, hat mich schon sehr verwundert. Denn dort hätte man den Raum gehabt, hätte man die Stille gehabt, die viele gerade auch zum Innehalten in dieser Corona-Zeit gesucht haben.

DOMRADIO.DE: Sie sind selbst Theologin, waren lange evangelische Gemeindepfarrerin. Was wäre Ihrer Meinung nach denn ein besserer Umgang mit der Krise gewesen?

Lieberknecht: Die Krise rührt an ganz grundsätzlichen Fragen: Sie legt offen, was sich über lange Zeit ja schon angedeutet hat. Dass wir generell nachdenken müssen, welchen Status die Kirche überhaupt noch in unserer Gesellschaft und im Leben der Menschen hat – auch von ihrem Selbstverständnis her. Ich habe die Befürchtung, dass Kirche doch immer mehr dazu tendiert, sich einfach in die Reihe der zivilgesellschaftlichen Organisationen einzureihen, die wir in den Wohlfahrtsverbänden an anderer Stelle haben. Die Kirche ist aber doch etwas anderes.

Kirche gehört zu dem, was der Verfassungsrechtler Böckenförde einmal gesagt hat: "Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er sich selbst nicht geben kann." Dazu gehört Familie. Dazu gehören Kunst und Kultur. Und eben ganz zuvorderst auch die Kirchen. Ich habe so das Gefühl, die Kirchen haben ein bisschen Scheu davor, sich noch auf diesen Status zu berufen. In der Tat: In der Gesellschaft ist das Verständnis dafür ein ganzes Stück geschwunden. Das wird in dieser Corona-Krise aus meiner Sicht überdeutlich.

Das Interview führte Julia Reck. 

(DR)

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