Die Pallottinerinnen Nicola, Dominica und Reginata blättern in alten Fotos
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Die Nähe zu den Patienten im Hospiz und auf der Intensivstation fehlt Schwester Reginata zurzeit am meisten.
Die Nähe zu den Patienten im Hospiz und auf der Intensivstation fehlt Schwester Reginata zurzeit am meisten.
Schwester Reginata Nühlen arbeitete über 40 Jahre lang als Krankenhausseelsorgerin.
Schwester Reginata Nühlen arbeitete über 40 Jahre lang als Krankenhausseelsorgerin.
"Gott will uns aufrütteln", davon ist Schwester Dominica Rose überzeugt.
"Gott will uns aufrütteln", davon ist Schwester Dominica Rose überzeugt.
Schwester Nicola vermisst vor allem die täglichen Gottesdienste in der Bensberger oder Refrather Pfarrei.
Schwester Nicola vermisst vor allem die täglichen Gottesdienste in der Bensberger oder Refrather Pfarrei.
Hoher Besuch im Bensberger Krankenhaus der Pallottinerinnen: Kardinal Woelki kommt am 1. März 2015 zur Visitation.
Hoher Besuch im Bensberger Krankenhaus der Pallottinerinnen: Kardinal Woelki kommt am 1. März 2015 zur Visitation.

04.04.2020

Pallottinerin sieht Parallele zu Corona in der Geschichte ihres Ordens "Ohne die Cholera-Epidemie in Rom gäbe es uns nicht"

Ein Leben in Klausur ist für viele Ordensgemeinschaften Alltag. Doch wenn es auch denen verordnet wird, die selbst im hohen Alter noch aktiv sind, wird der Spagat zwischen Gemeinschaft und ungewohnter Distanz zur Herausforderung.

Schwester Dominica setzt auf die Kraft des Gebetes. Das tut sie immer, wenn es eng wird. Und dass die momentane Lage ernst ist, weiß sie nicht nur aus den täglichen "Vatican News", die sie schaut. Auch in ihrer unmittelbaren Umgebung sind die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich zu spüren. Denn in einem Altenheim ist die Ansteckungsgefahr durch das Virus allgegenwärtig. Auf jedem Flur und an jeder Tür informieren daher Aushänge freundlich, aber unmissverständlich über geltende Hygienemaßnahmen oder das bestehende Besuchsverbot. Die Ordensfrau lebt im Refrather St. Josefshaus, einer ehemals von den Pallottinerinnen geführten Senioreneinrichtung am Rande von Bergisch Gladbach, wohin die 91-Jährige vor ein paar Jahren mit einer Handvoll Mitschwestern aus Bensberg gezogen ist.

Wie alle Altenheime bundesweit wird auch dieses mittlerweile bestmöglich abgeschottet. Angehörigenbesuche bei den Bewohnern sind schon lange untersagt, und auch die Schwestern – insgesamt eine 13-köpfige Kommunität, die ihre Klausur in der letzten Etage unterm Dach hat – sind von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten. Nur eine gelegentliche Runde durch den Park oder die tägliche Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten in der Kapelle – dann aber mit größtmöglichem Sicherheitsabstand zueinander – sind erlaubt. "In solchen Zeiten über meinen Laptop mit der Weltkirche verbunden zu sein, betrachte ich als unschätzbaren Reichtum", erklärt Schwester Dominica. "Wenn ich bete, schließe ich den gesamten Erdkreis mit ein. Denn das, was sich gerade abspielt, betrifft letztlich auch alle Niederlassungen unserer pallottinischen Gemeinschaft auf der ganzen Welt."

Mehr Zeit für das persönliche Gebet

Von den USA, Britisch-Honduras, Belize und Brasilien über die afrikanischen Länder Tansania, Kamerun und dem Kongo bis hin nach Indien und Sibirien reichen die vielen Missionsstationen, die die deutschen Pallottinerinnen im Verlauf ihrer 180-jährigen Ordensgeschichte gegründet haben. Nun sei es ihr ein Herzensanliegen, alle diese Schwestern, deren Einsatzorte sie in den 70er Jahren als Mitglied der römischen Generalleitung visitiert habe, mit ins Gebet zu nehmen, sagt die Ordensfrau, die bis zu ihrem Ruhestand über 25 Jahre an der ordenseigenen Bensberger Krankenpflegeschule Sozialwissenschaften, Ethik und Religion unterrichtet hat. Auch wenn das Stundengebet immer schon dem Tag eine feste Struktur gegeben habe, sei es nun ein noch wichtigerer Hoffnungsanker und nehme in Zeiten des allgemeinen Stillstands wesentlich mehr Raum als früher ein.

"Es gibt weniger Treffpunkte für die Gemeinschaft als früher und damit auch seltener Gelegenheit zum Austausch", berichtet die Pallottinerin, die in der Klausur zwar den Kontakt zu ihren Mitschwestern hält, aber aufgrund der neuen Bestimmungen auch viel für sich bleibt und oft vor einem Christusbild in der Gebetsecke ihres Zimmers verharrt. Beim Mittagessen im Refektorium säßen alle weit auseinander, und auch das gemeinsame Bibelgespräch, zu dem die Gruppenbildung notwendig wäre, hätten sie zum großen Bedauern aller mittlerweile aufgekündigt, sagt sie. Nun gehöre es zur alltäglichen Herausforderung, den gebotenen Abstand voneinander einzuhalten und trotz eines Lebens auf begrenztem Raum keinen Lagerkoller zu entwickeln.

"Jeder wird jetzt zwangsläufig zu einem kleinen Einsiedler." Das sei für Mitglieder eines aktiven Missionsordens, zu dessen Selbstverständnis mehr als die Kontemplation immer das Kümmern und Tätigsein gehört habe, nicht ganz einfach. "Aber letztlich", betont Schwester Dominica zuversichtlich, "sitzen wir ja alle im selben Boot. Und persönlich bekomme ich jetzt das geschenkt, wonach ich mich am Anfang meines geistlichen Lebens so sehr gesehnt habe: ausreichend Gelegenheit zu Stille und Meditation."

Es fehlen der Gottesdienst und Kontakte zur Gemeinde

Auch Schwester Nicola füllt den ungewohnten Freiraum mit Ruhezeiten, viel geistlicher Lektüre und der Vorbereitung der gemeinsamen Gebetseinheiten. Dazu sucht sie unermüdlich Lesungstexte, Fürbitten oder geistliche Impulse heraus, die besonders gut zu der angespannten Lage momentan passen und auch den Mitschwestern angesichts der Sorgen, die alle bewegen, aus der Seele sprechen. Außerdem, so erzählt sie, zehre sie noch von ihren letzten Exerzitien, in denen diesmal die Geheime Offenbarung des Johannes Thema war. "In dieser Ausnahmesituation finde ich nun einen ganz neuen Zugang zu den Texten der Apokalypse, die ausgesprochen mutmachend sind und mich in der Gewissheit bestärken: Wir stehen unter Gottes Schutz." Trotzdem glaubt sie, dass diese Krise einen tieferen Sinn hat und die Menschen zum Nachdenken bringen wird. "Wir glauben, alles in der Hand zu haben. Nun spüren wir unsere Ohnmacht und wie abhängig wir letztlich doch alle voneinander sind."

Schmerzlich vermisst die Ordensfrau die täglichen Gottesdienste, zu denen sie sogar noch bis nach Bensberg gefahren ist. Selbst als die Pallottinerinnen "ihr" Krankenhaus, das Vinzenz Pallotti Hospital hoch auf dem Berg mit Panoramablick bis nach Köln, aus Altersgründen längst aufgegeben und sich dem benachbarten Konvent im Josefshaus angeschlossen hatten. Eine Messe vor dem Fernsehen so ganz ohne Publikum zu feiern sei einfach nicht dasselbe, findet die 88-Jährige. Auch den Kontakt zur neuen Heimatgemeinde in Refrath entbehren zu müssen, falle ihr schwer. Das seien in ihrem langen Ordensleben völlig neue Erfahrungen.

"Gott spricht zu uns in dieser Krise"

"Wir sind doch nicht nur eine zusammengewürfelte Bet- und Tischgemeinschaft, sondern vor allem auch eine Lebensgemeinschaft, aus der wir viel Kraft beziehen", ergänzt Schwester Reginata. Ihr fehlt im Moment der geistliche Austausch mit den Mitschwestern. "Wenn wir uns nicht mehr versammeln dürfen, bricht mit einem Mal ganz viel weg." Zusätzlich bedauert die langjährige Krankenhausseelsorgerin, die 40 Jahre lang in Bensberg eine feste Institution war und ihren Einsatz in der Sterbebegleitung nun ehrenamtlich ausübt, dass sie derzeit ihre regelmäßigen Besuche im Hospiz und auf der Intensivstation der Klinik aussetzen muss. "Den Kranken Trost spenden, ihnen Mut machen, einfach für sie da sein, um Leid zu teilen – alles, was mit körperlicher Nähe zu tun hat, geht gerade nicht. Das ist für mich der schmerzlichste Einschnitt." Um dieses Defizit auszugleichen, schreibe und telefoniere sie nun viel.

Trotzdem kann Mitschwester Dominica diesem unfreiwilligen Verzicht auf Normalität grundsätzlich auch etwas Gutes abgewinnen. "Gott spricht zu uns in dieser Krise. Und wir sollten seine Stimme ernst nehmen", mahnt sie. Außerdem drängt sich der betagten Pallottinerin in den letzten Tagen immer häufiger eine Parallele aus der Geschichte ihres Ordens auf. "Als damals in Rom die Cholera wütete und viele Kinder ihre Eltern und damit ihr Zuhause verloren, richtete der römische Priester Vinzenz Pallotti 1838 mit seiner neu gegründeten 'Vereinigung vom Katholischen Apostolat' ein Waisenhaus für Mädchen ein. "Er wollte sie vor dem Betteln, aber vor allem auch vor der Prostitution bewahren." Die Betreuerinnen der ersten Stunde in diesem Fürsorgeheim seien später im Volksmund nach ihrem Gründer "Pallottinerinnen" genannt worden. "Das war die Geburtsstunde unserer Schwesterngemeinschaft. Daher bin ich sicher: Auch heute will Gott uns aufrütteln, damit etwas Neues entstehen kann. Ohne die Cholera-Epidemie damals in Rom gäbe es uns heute jedenfalls nicht."

Beatrice Tomasetti

(DR)

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