Eine Frau im Gebet
Eine Frau im Gebet
Prof. Marion Ruisinger
Prof. Marion Ruisinger

04.04.2020

Medizinhistorikerin über Religion in der Seuchengeschichte Als man bei Krankheiten an himmlische Pfeilschüsse dachte

Corona ist zwar ein neues Phänomen, doch Seuchen gab es auch schon früher. Und einst war beim Umgang damit die Religion nicht wegzudenken. Warum, erklärt die Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums im Interview.

KNA: Bitte beenden Sie folgenden Satz: Die Rolle der Kirche in der Seuchengeschichte ist ...

Prof. Marion Ruisinger (Direktorin des Deutschen Medizinhistorischen Museums / DMM): ... vielfältig. Wobei ich weniger die Kirche als Institution meine als den christlichen Glauben. Nicht an Gott zu glauben, war für die Gesellschaft lange Zeit undenkbar. Insofern waren religiöse Deutungsmuster für den gesellschaftlichen Umgang mit Seuchen sehr wichtig.

KNA: Welche Deutungen gab es?

Ruisinger: Im Wesentlichen zwei. Erstens das Muster Hiob, benannt nach der von Gott durch Leid geprüften biblischen Figur. Aus dieser Perspektive sah man Krankheiten als Erprobung der Gläubigen. So wurde im Mittelalter in Lepra-Kranken die Aufforderung Jesu erkannt, Caritas zu leisten. Auch die Krankheit selbst wurde als Prüfung betrachtet, ja als "Fegefeuer auf Erden".

Teils konnten die Leprösen daher ihrer eigenen Totenmesse beiwohnen. Ein stärkeres Bild für die Ausgrenzung aus der Gemeinschaft lässt sich kaum finden. Die Betroffenen hat man dann in Leprosorien vor den Stadttoren abgesondert, aber weiter aus der Stadt versorgt.

KNA: Anders als bei Pest-Kranken.

Ruisinger: Genau. Zur Zeit des "Schwarzen Todes" im 14. Jahrhundert verhielten sich die Menschen eher nicht solidarisch. Vielmehr sind aus Angst vor dem allgegenwärtigen Tod sogar engste soziale Bande gerissen. Damit sind wir bei der zweiten Deutung: dem Muster Sodom und Gomorrha.

KNA: Jene Städte, die Gott laut Altem Testament wegen ihrer Sündhaftigkeit vernichtet hat.

Ruisinger: Nach diesem Muster wurde Krankheit als Strafe für ein lästerliches Leben aufgefasst. Das hat sicher mit dem im Vergleich zur Lepra ganz anderen Krankheitscharakter zu tun. Lepra ist wenig ansteckend, sie wird nur für Menschen mit einer Immunschwäche zum Problem. Auch ist man daran nicht sofort verstorben. Der Pest fiel hingegen binnen weniger Jahre jeder zweite oder dritte Europäer zum Opfer, sie war hochansteckend.

KNA: Wie stand die Kirche zu diesen Deutungsmustern?

Ruisinger: Sie hat sie überwiegend mitgetragen. Allerdings gab es Ausnahmen. So hat die Kirche die zur Pest verbreiteten "Geißlerzüge" abgelehnt. Dabei sind Männer durch die Lande gezogen und haben sich öffentlich gegeißelt - wodurch die Pest erst recht verbreitet wurde.

KNA: Deshalb war die Kirche dagegen?

Ruisinger: Sie hatte eher ein Problem damit, dass da Gläubige autonom unterwegs waren. Und in der Tat hat sich durch die Pest-Erfahrungen in Bezug auf die Kirche wohl einiges verändert.

KNA: Was denn?

Ruisinger: Man nimmt an, dass die Seuche dazu beigetragen hat, den Boden für die spätere Reformation zu bereiten. Pfarrer, die zu Pestkranken gingen, kamen häufiger ums Leben als andere, die vor der Seuche flohen. Beobachtungen dieser Art nagten an der Legitimation der Kirche, da setzte bei vielen Menschen ein kritisches Denken ein.

KNA: Apropos: Wie war es in Sachen Seuchengeschichte um das Zusammenwirken von Kirche und Wissenschaft bestellt?

Ruisinger: Bis ins 18. Jahrhundert hinein waren das keine getrennten Welten, denn für die Forschung war klar: Die Erde ist Schöpfung Gottes. Und anders als heutzutage oft kolportiert, war die Kirche auch nicht per se wissenschaftsfeindlich. Die Anatomie etwa war nie verboten, trotz anders lautender Mären. Im Gegenteil: Unter den Kirchenmännern gab es große Gelehrte, die sehr an neuen Erkenntnissen interessiert waren. Die religiöse Form der Krankheitsbewältigung hat allerdings auch Formen angenommen, die wir heute nicht mehr so recht nachvollziehen können.

KNA: Erzählen Sie.

Ruisinger: Zum heiligen Sebastian gibt es die Legende, dass er durch Pfeilschüsse hingerichtet werden sollte, da er seinem christlichen Glauben nicht abschwören wollte. Sebastian überlebte jedoch auf wundersame Weise, weshalb er zum beliebtesten Patron gegen die Pest avancierte. Seit der Antike steht der Pfeil als Symbol für das Eingreifen der Götter in das menschliche Leben - als Liebespfeil oder eben auch als Krankheitspfeil. Das oberbayerische Ebersberg, wo Sebastians Hirnschale verwahrt wird, wurde zu einem bedeutenden Wallfahrtsort. Anderswo wurden bewusst Heilige aufgebaut, um die Bevölkerung in Seuchenzeiten zu beruhigen.

KNA: Wo zum Beispiel?

Ruisinger: In Venedig griff zur Zeit der Pest Francesco Diedo zur Feder, Philosoph und Staatsmann in einer Person. Er schrieb eine ausführliche Fassung der Vita des damals noch nicht lange verstorbenen heiligen Rochus. Wenig später kamen die Reliquien des Heiligen nach Venedig, eine Rochus-Bruderschaft wurde gegründet, die Kirche San Rocco gebaut. So bot man den Venezianern Trost durch einen "modernen" Heiligen, der zudem selbst an der Pest gelitten und von ihr genesen sein soll. Die Rochus-Figur mit der, wie ich finde, schönsten Pestbeule steht übrigens in Nürnberg in der evangelischen Lorenzkirche.

KNA: Was macht sie aus?

Ruisinger: Die Pestbeule wirkt außergewöhnlich naturalistisch. Sie zeigt den dunkelroten, dick angeschwollenen Lymphknoten mit einem schwärzlichen Hof. Allerdings sitzt die Beule an der falschen Stelle.

Eigentlich müsste sie in der Leiste sein. Aber so hoch konnte man den Rock bei einem Heiligen aus Keuschheitsgründen nicht ziehen, daher ist die Beule Richtung Knie verrutscht.

KNA: Nun haben wir nur übers Christentum gesprochen. Was gibt es aus anderen Religion Bemerkenswertes zur Seuchengeschichte?

Ruisinger: Das ist nicht mein Fachgebiet. Was ich sagen kann: Im Zuge der Pest des 14. Jahrhunderts wurden Juden als Sündenböcke verfolgt.

Man hat sie als Brunnenvergifter beschuldigt und ihre Viertel geschliffen, es gab Pogrome gegen sie. Diese Reaktion auf eine Krankheit, die Schuld dafür bei irgendwie Andersartigen zu suchen, zieht sich leider durch die Geschichte.

Das Interview führte Christopher Beschnitt.

(KNA)

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