Ein obdachloser Mann in New York
Ein obdachloser Mann in New York

31.03.2020

Obdachlose in den USA sind schutzlos gegen das Coronavirus Keine große Wahl

Hunderttausende leben in den USA auf der Straße. Die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen, um eine Corona-Infektion zu vermeiden, können sie nicht einhalten: häusliche Quarantäne und häufiges Händewaschen.

Dexter Johnson macht sich die Entscheidung nicht leicht. Soll er es riskieren, für ein warmes Mittagessen in die "Bowery Mission" zu gehen - oder bleibt er lieber hungrig? Es ist eng in der Anlaufstelle für Arme und Obdachlose in der Lower East Side von New York, und für eine kostenlose Mahlzeit kommen viele hierher - zu viele in Zeiten des Coronavirus.

"Eigentlich sollte ich mich von hier fernhalten", überlegt der 33-jährige, der auf der Straße lebt. Um dann doch das Wagnis einzugehen. Drinnen fallen ihm sofort die Plakate an den Wänden auf, die auf Hygiene-Maßnahmen verweisen, um die Übertragung von Covid-19 zu vermeiden. "Schwer umzusetzen für uns", sagt er einem Reporter.

Die "Bowery" versteht sich als christlich-ökumenische Mission, die sich seit ihrer Gründung 1879 nie an eine bestimmte Kirche gebunden hat. Die Corona-Pandemie stellt die Institution, die für Obdachlose in New York besonders wichtig ist, vor eine ihrer größten Herausforderungen.

"Wir werden weiter draußen arbeiten müssen"

Dem größten katholischen Hilfswerk in den USA geht es nicht anderes. In Los Angeles versuchen die Catholic Charities, Unterkünfte für Obdachlose zu finden. Doch es gebe in Kalifornien einfach zu viele Nichtsesshafte, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen, sagt die zuständige Programmverantwortliche für die Region San Pedro, Ana Guillen.

"Wir können die Obdachlosen nicht unter Quarantäne stellen", ergänzt ihre Kollegin in Santa Rosa im Sonoma County, Jennielynn Holmes-Davis. "Wir werden weiter draußen arbeiten müssen." Mehr als improvisieren sei gerade nicht möglich, meint Holmes-Davis. Ihre Organisation betreut pro Nacht an einem Dutzend Standorten rund 500 Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben.

Viele Betroffene seien extrem anfällig für Infektionen, sagt der Leiter der katholischen Wohltätigkeitsorganisation Acadiana in Lafayette im Bundesstaat Louisiana, Ben Broussard. Drogenmissbrauch und psychische Krankheiten begünstigten eine Corona-Ansteckung. "Wir beten für das Beste und bereiten uns auf das Schlimmste vor", so Broussard.

Hotspot im "Golden State"

Geschätzte 550.000 Obdachlose leben in den USA - die genaue Zahl kennt niemand. Laut einem Bericht des Weißen Hauses aus dem vergangenen September leben 65 Prozent von ihnen - einschließlich Kinder - in Heimen, vor allem in New York City, Boston und Washington D.C.

Die Mehrzahl der Menschen ohne feste Adresse halten sich demnach in Kalifornien auf. Und ein Hotspot im "Golden State" ist der Großraum um San Francisco. Dort gilt bis mindestens 7. April eine Ausgangssperre für die 6,7 Millionen Bewohner. Für Menschen ohne festen Wohnsitz ist dies schwer einzuhalten - und schwer zu überwachen. San Francisco plant deshalb, Wohnmobile für die Obdachlosen anzumieten, die sich erfassen ließen.

Hungern oder eine Ansteckung riskieren?

Die Union Rescue Mission in Los Angeles, die 24 Unterkünfte mit 1.200 Betten betreibt, hat inzwischen ihre Sporthalle in eine Quarantänezone verwandelt. Wer Fieber hat oder andere Symptome von Corona zeigt, kann hier beobachtet werden. Seattle, die größte Stadt des Bundesstaates Washington, zählt zu jenen Metropolen, die eine besonders hohe Zahl Obdachloser beherbergt. Fast die Hälfte von ihnen lebt in Zelten, direkt auf der Straße oder in Autos. Und das in einer Stadt, in der der Winter immer noch anhält.

"Diese Pandemie ist so beispiellos, dass sie eine Reaktion auf Bundesebene erfordert", warnt Margot Kushel, Ärztin an der Universität Kalifornien. "Wir brauchen Ressourcen, damit staatliche und lokale Gesundheitsbehörden ihre Notfallpläne umsetzen können", fordert die Spezialistin für ältere Obdachlose. Davon ist bisher nicht viel zu sehen.

In der "Bowery Mission" von New York ist die Politik weit weg. Hier stellt sich für Obdachlose wie Dexter Johnson eine existenzielle Frage: hungern oder eine Ansteckung riskieren. Den Betroffenen bleibt keine große Wahl. Weshalb kaum eine andere Bevölkerungsgruppe in den USA stärker gefährdet ist.

Bernd Tenhage
(KNA)

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