Taliban-Kämpfer in Afghanistan
Taliban-Kämpfer in Afghanistan

30.09.2021

Keine Religionsfreiheit für Christen in Afghanistan Chaos und Willkür

Christen wie Schwester Shahnaz können in Afghanistan nur im verborgenen ihre Religion aussüben. Sie floh vor den Taliban. Dennoch würde sie sofort zurückkehren. Sie betreute Kinder mit Behinderungen in Kabul und sorgt sich um ihre Schützlinge.

DOMRADIO.DE: Religionsfreiheit ist alles andere als das, was die pakistanische Ordensfrau erlebt hat. Schon das Feiern der Sonntagsmesse gab den Christinnen und Christen in Afghanistan das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. "Kirche in Not" hat mit Schwester Shahnaz Bhattir gesprochen. Inwiefern ist das so?

Florian Ripka (Geschäftsführer "Kirche in Not"): Schon vor dem Sieg der Taliban über die alte Regierung ist Afghanistan ein Land gewesen, in dem quasi die Scharia durchgesetzt wurde. Im Strafgesetzbuch von 1976 steht: Wer ein bestimmtes hadd oder qisas Verbrechen begeht, wird entsprechend den Regeln des islamischen Rechts, sprich der Scharia, bestraft. Auf Glaubensabfall oder Blasphemie folgt für die Männer nach drei Tagen Haft die Todesstrafe. Frauen sollen erst mehrere Tage geschlagen werden, dann müssen sie sich in Isolation begeben.

Insofern war Afghanistan schon immer ein islamisch regiertes Land, in dem die Scharia mit aller Härte durchgesetzt wurde. Das traf vor allem die Minderheiten und besonders die Christen, weil die dort als Agenten des Westens wahrgenommen wurden.

Frauen dürfen oder durften damals schon nicht ohne Begleitung von Männern in der Öffentlichkeit auftreten. Die Feier der Heiligen Messe war eigentlich nur in der italienischen Botschaft erlaubt, die ein wenig wie ein Zentrum des katholischen Glaubens ist  - oder war, denn im Moment liegt alles in Afghanistan brach. Man sagt, dass es auf dem Land kleine christlichen Gemeinschaften gibt, die aber in ständiger Furcht leben und im Untergrund sind.

DOMRADIO.DE: Wie hat Schwester Shahnaz die Taliban erlebt?

Ripka: Sie hat das Land verlassen, bevor die Taliban die komplette Kontrolle übernehmen konnten. Sie ist nach Italien geflogen und hat 14 schwerstbehinderte Kinder mitgenommen, um die sich ihr Orden gekümmert hat. Sie gehört dem Orden der Barmherzigen Schwestern der Heiligen Jeanne-Antide Thouret an.

Der Orden wurde nach der Französischen Revolution gegründet. Er kümmert sich hauptsächlich um Kranke und Alte. Diesem Beruf ist die Ordensschwester auch treu geblieben.

Einen Tag nach ihrer Abreise fand das Attentat am Flughafen von Kabul statt. Sie ist jetzt in größter Sorge, weil Eltern sie anrufen und fragen, ob ihre Schützlinge, die im Land geblieben sind, auch herauskommen. Es ist eine sehr verworrene Lage. Afghanistan ist wirklich eine Blackbox. Wir wissen nicht wirklich, was da passiert. Aber eins ist auch klar: Die Schwester hat gesagt, sobald es wieder geht, ist sie sofort bereit, in das Land zurückzukehren.

DOMRADIO.DE: Warum würde sie zurückkehren wollen? Sie ist doch jetzt in Sicherheit.

Ripka: Schon, aber wenn man sich die Bilder von den Kindern ansieht, wie sie dort leben, dann ist das allein schon eine Motivation, dorthin zurückzukehren. Sie hat sich als Ordensschwester dafür entschieden, dieses Leben zu leben und hat dort ihre Berufung gefunden. Ihre Schützlinge sind meist schwer oder schwerst behinderte Kinder. Diese sind ihr so ans Herz gewachsen, dass ihr das einfach wichtiger ist als Leib und Leben.

Wie gesagt, vorher war Afghanistan auch ein sehr schwieriges Land für Christen. Damit hat sie sich arrangiert. Ich denke, sie lebt einfach in dieser Hingabe. Das befähigt sie dazu, das eigene Leben und die eigene Sicherheit hintenanzustellen.

DOMRADIO.DE: Warum sieht Schwester Shahnaz ihren Einsatz als Ordensschwester in Kabul trotzdem als Erfolg, auch wenn sie erst einmal ausreisen musste?

Ripka: Weil es um jedes einzelne Kind geht, um das sie sich gekümmert hat. Sie hat nicht nur mit Christen, sondern auch mit Muslimen oder Menschen anderer Glaubensrichtungen zusammengearbeitet wie mit dem Putz- oder Wachpersonal in der Botschaft. Es gibt noch andere Minderheiten in Afghanistan wie zum Beispiel die indigenen Sikhs, mit denen sie auch zusammengearbeitet hat.

Auf der Mikroebene fand schon eine Art interreligiöser Dialog statt. Das heißt, wenn die Menschen eins zu eins miteinander reden. Die Erfahrung machen wir ja alle immer wieder. Wenn man miteinander redet, miteinander das Leben, die Aufgaben und auch die Lasten teilt, dann findet auch ein Austausch in Freundschaft und Begegnung statt. Das ist, glaube ich, das, was sie sagt: Das nehme ich sofort wieder auf.

DOMRADIO.DE: Wie nimmt die Schwester die Veränderungen im Land wahr? Wir kriegen ja auch die ganzen Informationen nach und nach mit. Es ist ein neues Leben unter der Taliban-Herrschaft. Aktuell wird gemeldet, dass an der Uni in Kabul keine Frauen mehr zugelassen sind.

Ripka: Wir beobachten das alles mit Sorge, vor allem weil Zugeständnisse, die von höherer Stelle gegeben wurden, gerne mal von niederen Taliban-Stellen missachtet werden. Man darf sich das Regime nicht als perfekt durchstrukturierten Apparat vorstellen, wo oben einer etwas befiehlt und alle befolgen das ordentlich, sondern es herrscht eine große Willkür. Jeder, der irgendwie Macht hat, legt diese unterschiedlich aus. Der eine, der ist etwas sanfter, der andere ist etwas strenger. Im Endeffekt ist es Chaos.

Diese Zusagen, es werde den Frauen gut gehen, interpretieren die Taliban nicht im westlichen Sinne. Aus der Sicht der Taliban ist es so: Die Frauen müssen geschützt werden. Es müsse ein islamisches Umfeld an den Universitäten erst geschaffen werden, damit Frauen dort nicht belästigt werden und dort so leben, wie es diese strenge Auslegung des Islam vorsieht.

Das ist in unseren Augen extrem gefährlich und einschränkend in Bezug auf die Bewegungsfreiheit der Frauen. Sie durften ja nicht einmal in der Öffentlichkeit laut lachen oder auffallen. Sie mussten quasi ganz stillhalten. Schwester Shahnza hat auch gesagt, Frauen werden in Afghanistan wie Sachen oder Waren behandelt.

Das Interview führte Dagmar Peters.

(DR)

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