Flüchtlinge in Serbien waschen die Wäsche draußen.
Flüchtlinge in Serbien waschen die Wäsche draußen.
Caritas-Präsident Peter Neher
Caritas-Präsident Peter Neher

31.08.2017

Caritas moniert Festsitzen von Flüchtlingen auf dem Balkan Frei und doch gefangen

Vor zwei Jahren begann die Flüchtlingswelle Richung Europa - vielfach über die "Balkanroute". Als diese im Jahr 2016 plötzlich geschlossen wurde, saßen viele Schutzsuchende fest. Caritas-Präsident Neher spricht von "menschlichen Dramen".

domradio.de: Nach der Schließung der Flüchtlingsroute und der Grenzen sind mindestens 7.000 Flüchtlinge in Serbien gestrandet und wissen nicht, wie es für sie weitergeht. Sie waren vor Ort in einem Flüchtlingslager im Süden Serbiens und im Lager Krnjaca – das liegt im Umfeld von Belgrad. Was haben Sie da erlebt?

Prälat Dr. Peter Neher (Präsident des Deutschen Caritasverbandes): Viele Flüchtlinge in den Lagern im Süden Serbiens sind mittlerweile deprimiert und ernüchtert. Viele davon sind Migranten und Flüchtlinge, die gerne in den Norden weiterreisen würden, durch die geschlossenen Grenzen aber daran gehindert werden. Sie sehen, dass sie hier nicht weiterkommen. Über 200 vorwiegend Familien mit Kindern sind inzwischen bis zu einem Jahr dort gefangen.

Im krassen Gegensatz dazu haben die Flüchtlinge, die in der Nähe von Belgrad sind, entgegen allen Möglichkeiten noch eine ungeheure Hoffnung, doch noch in die EU zu kommen und vorwiegend nach Deutschland.

domradio.de: Die Balkanroute ist "geschlossen": Das bedeutet nicht, dass keine Flüchtlinge mehr da sind?

Neher: Das Problem ist ja, dass sie "geschlossen" ist. Das bedeutet, dass mehrere tausend Flüchtlinge – in Serbien 4.000 und in Griechenland 40.000 – festsitzen und keine Möglichkeit haben, in die EU zu kommen.

Und es kommen nach wie vor täglich etwa hundert neue flüchtende Menschen dazu. Das ist natürlich lange nicht mehr das Ausmaß, das wir vor zwei Jahren beobachtet haben. Aber diese Menschen, die wegen Krieg und Gewalt fliehen, sind ja durch die Schließung der Route nicht verschwunden.

domradio.de: Gibt es Menschen, die sich von den Abschottungsmaßnahmen der EU nicht abhalten lassen?

Neher: Es gibt sicher welche, die sich davon nicht abhalten lassen. Das sind aber vorwiegend junge und alleinstehende Männer.

domradio.de: Es heißt, die Schließung der Balkanroute nutze vor allem den Schleppern. Haben Sie diesen Eindruck auch?

Neher: Das ist sicher ein großes Thema. Eine Überfahrt mit einem Schlepper aus Serbien in die EU kostet inzwischen bis zu 4.000 Euro pro Person. Da kann man sich also ausrechnen, dass die Schlepper hier nach wie vor ein gutes Geschäft machen. Es gibt eben immer noch Menschen, die darüber versuchen tatsächlich diese formal geschlossene Grenze – auch zu Ungarn hin – zu überwinden.

domradio.de: Welche Geschichten haben Sie besonders bewegt?

Neher: Besonders bewegt haben mich die Berichte der Menschen, die weite Strecken auf sich genommen haben. Sie sind zum Teil vor drei Jahren schon aus Afghanistan gestartet – mit dem Ziel nach Europa zukommen. Das heißt, sie sind unter anderen Bedingungen und noch offenen Grenzen auf die Flucht gegangen. Diese Menschen und Familien wurden von der geschlossenen Route plötzlich überrascht und sitzen jetzt in den Lagern fest, ohne große Aussicht darauf, hier noch mal rauszukommen.

domradio.de:  Wie unterstützt die Caritas die Menschen dort?

Neher: Wir wollen mit Mitteln und der Unterstützung des Auswärtigen Amtes einen Beitrag leisten, die Grundbedürfnisse zu decken und den Migranten und Flüchtlingen in dieser schwierigen Situation beizustehen. Wir liefern Nahrungsmittel, Trinkwasser und Hygieneartikel. Wir haben etwa Waschmöglichkeiten integriert. Aber wir helfen auch mit Übersetzern und Sprachkursen. Auch psychologisch versuchen wir die Geflüchteten aufzufangen, führen viele Gespräche mit ihnen über Sorgen, Ängste und die Nöte.

domradio.de: Gibt es eine politische Forderung, die Sie aus Ihren Erlebnissen der vergangenen Tage ableiten?

Neher: Für mich ist ganz zentral: Die europäische Politik darf hier nicht die Augen verschließen und meinen, dass sie mit den entsprechenden Abkommen mit der Türkei oder Ungarn das Problem gelöst hat. Die politisch Verantwortlichen müssen sich dringend zusammensetzen. Die serbische Regierung ist durchaus bereit, hier nach Lösungen zu suchen. Etwa: Wie kann man die Asylverfahren möglicherweise schon im Land in die Wege leiten. Serbien ist bereit, auch selber schon Flüchtlinge aufzunehmen. Und: Wie kann man dann mit denen, die keine Möglichkeit der Weiterreise haben, tatsächlich in Serbien oder in ihren Heimatländern neue Möglichkeiten schaffen. Wichtig ist, dass sie die festsitzenden Menschen sehen und ihnen helfen wollen. Es sind menschliche Dramen, die sich da abspielen und die sollten den Politikern nicht egal sein.

Das Interview führte Verena Tröster.

(dr)

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