Tausende Menschen sind in Ostafrika auf der Flucht und leiden Hunger
Tausende Menschen sind in Ostafrika auf der Flucht und leiden Hunger

12.07.2017

Caritas International zur Krise in Ostafrika Menschengemachte Hungersnot

Dramatisch, fatal, veheerend - so bezeichnen Helfer die Situation für die Menschen in Ostafrika. Die aktuelle Hungersnot sei nicht nur der Dürre geschuldet, sondern vor allem menschengemacht, sagt Oliver Müller von Caritas International.

domradio.de: Sieben Millionen Hungernde allein in Kenia und im Südsudan. Um es noch einmal deutlich zu machen: Ist an dieser Hungersnot allein die Dürre schuld?

Dr. Oliver Müller (Leiter von Caritas International): Nein, das ist sie nicht. Der Tod von vielen hunderttausend unschuldigen Menschen ist auch menschengemacht. Denn die Situation stellt sich innerhalb Ostafrikas sehr unterschiedlich dar.

Wir haben die politisch stabilen Länder wie Äthiopien und Kenia, wo die Menschen jetzt auch eine ernsthafte Dürre-Situation erlebt haben. Dort hatten wir als Hilfsorganisationen aber Zugang und auch die Vereinten Nationen konnten viel tun. Dort haben die Menschen enorme Verluste erlitten, die Situation war sehr angespannt, aber dort musste, Gott sei Dank, niemand sterben. Die Menschen haben ihr Vieh verloren, ihre Lebensgrundlage - man wird hier aber helfen können.

Ganz anders sieht es im Südsudan aus, wo ein blutiger Bürgerkrieg herrscht, wo wir kaum Zugang haben. Dort sind sehr, sehr viele Opfer zu beklagen.

domradio.de: Hat das Ganze also auch mit Korruption und Missmanagement in verschiedenen Ländern zu tun?

Müller: Das Hauptproblem sind kriegerische Konflikte. Korruption kommt dann oft im Gefolge solcher Kriege. Ich war vor einiger Zeit im Südsudan. Dort sind vier Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden. Es gibt keine Sicherheit. Familien und Frauen werden nachts überfallen. Es gibt keine funktionierende Gerichtsbarkeit und es herrscht eine große Unsicherheit. Menschen werden abgeschlachtet. Das ist das wirkliche Problem. Die Dürre hat das Ganze noch verschärft.

Man hätte dort frühzeitiger mehr machen müssen und man hätte vor allem von internationaler Seite den Druck auf die südsudanesische Regierung erhöhen müssen, um dort einzuschreiten. Es gibt zum Beispiel viel zu wenig Blauhelm-Soldaten, die für Recht und Ordnung sorgen könnten. Die, die es gibt, schaffen das schlichtweg nicht.

domradio.de: An diesen politischen Zuständen kann Caritas International wenig ändern. Was Sie aber tun, ist, den Menschen zu helfen. Sie bauen beispielsweise Wassertanks im Norden von Kenia ...

Müller: Das ist ein schönes Beispiel, weil es auch zeigt, dass man mit wenig eigentlich viel bewirken kann. Wasserrückhaltebecken und Wassertanks werden mit lokalen Methoden gebaut - aus Ton, mit Ziegelsteinen. Und wenn man das richtig macht, kann man dadurch Wasser sehr lange frisch halten. Damit kann man das Vieh ernähren, das für viele Menschen die Lebensgrundlage darstellt, und natürlich auch die Bewohner selbst.

Gott sei Dank, haben wir - wie auch viele andere Hilfsorganisationen - die letzten Jahre und vor allem die Zeit seit der letzten schweren Dürre 2011 genutzt, um solche Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Wir sprechen uns deshalb auch dafür aus, einfach noch viel mehr in Katastrophenvorsorge zu investieren und nicht erst zu helfen, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. Wir versuchen auch, unsere Partner und Spender zu überzeugen, hier frühzeitiger zu agieren. Denn damit kann man wirklich sinnvoll und rechtzeitig Menschenleben retten.

domradio.de: Wie erklären Sie sich, dass diese schlimme Not hier vergleichsweise wenig wahrgenommen wird?

Müller: In meiner Wahrnehmung gibt es schon viel Berichterstattung hier - das muss ich wirklich sagen. Wir befassen uns täglich mit dem Thema Afrika und Ostafrika. Ich darf auch sagen, dass es durchaus viele Menschen gibt, die dafür spenden. Das könnte noch viel mehr sein, und der Bedarf ist noch weit höher. Aber ich wäre jetzt weit davon entfernt, zu sagen, dass sich darum niemand kümmert. Ich sehe eine regelmäßige Berichterstattung.

Aber was fehlt, sind vielleicht die Bilder, die eine ganz große Welle der Hilfe auslösen. Das gibt es ja in manchen Situationen, dass es ganz große Spendenaktionen gibt und dass die Welt wachgerüttelt wird. Das haben wir so nicht, weil doch eine große Ratlosigkeit herrscht mit Blick auf so schwierige Konfliktsituationen wie in Somalia und im Südsudan.

In Äthiopien hat man diese ganz drastischen Bilder zum Glück auch nicht gesehen. Es gab keine Kinder mit aufgeblähten Hungerbäuchen - das konnten wir verhindern, das ist sehr gut. Aber das führt auch dazu, dass es solche Meldungen und solche Situationen vielleicht nicht immer an die erste Stelle der Nachrichten schaffen.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(dr)

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