21.11.2021

Bonifatiuswerk-Chef sieht Diaspora-Erfahrungen durch Corona "Die Menschen sind kreativ geworden"

Das Bonifatiuswerk unterstützt Katholiken in Ostdeutschland, Skandinavien, oder Island: In Pandemiezeiten haben Christen durch Corona-Beschränkungen die Erfahrung gemacht, im Glauben mehr auf sich selbst gestellt zu sein.

KNA: Seit dem Frühjahr 2020 bestimmt die Corona-Pandemie unser Leben. Wie hat sie das Engagement in der Diaspora verändert?

Msgr. Georg Austen (Generalsekretär des Bonifatiuswerks der deutschen Katholiken): Die oftmals große räumliche Distanz in der Diaspora wurde durch die Kontaktbeschränkungen, abgesagte Veranstaltungen und Projekte verstärkt. Aber die Menschen sind auch kreativ geworden. So wurde ein "Bonibus", der die Menschen sonst zu den Gottesdiensten holt, zum Übertragungswagen für einen Sonntagsgottesdienst aus dem Pfarrgarten, und die Gläubigen konnten zumindest online den Gottesdienst mitfeiern.

KNA: Was macht es mit Menschen, wenn sie ihren Glauben nicht (mehr) in Gemeinschaft ausüben können?

Austen: Wir Menschen sind soziale Wesen und leben durch Beziehung. Christ sein verlangt nach Nähe und Kontakt.

KNA: In der Pandemie war aber gerade das oft nicht möglich...

Austen: Die Krise zwingt uns schon lange, umzudenken und andere Wege zu gehen. Ich bin sehr dankbar für den großen Einsatz in den Gemeinden und sozial-caritativen Einrichtungen, um der Vereinzelung entgegenzuwirken und christliche Nächstenliebe spürbar zu machen. Für viele Menschen ist der Glaube existenzrelevant - das dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Umso schlimmer war es, dass Trauernde durch Kontaktbeschränkungen beispielsweise auf die üblichen christlichen Begräbnisfeiern verzichten mussten. Solche Rituale geben uns aber Trost, auch in trostloser Zeit.

KNA: Spüren die Menschen - weil sie mehr auf sich selbst zurückgeworfen sind - auch, ob ihr Glauben überhaupt trägt?

Austen: Die Pandemie hat Menschen sicherlich dazu gebracht, wesentlicher zu werden. Wir haben eine Bewährungsprobe für den Glauben erlebt, die zusätzlich durch die aktuelle Krise unserer Kirche belastet wird. Zugleich spüren Menschen, dass der christliche Glaube ihnen in Krisenzeiten trotz allem Kraft und Hoffnung schenken kann.

KNA: Haben Sie Tipps aus Ihrem Engagement in Diasporaregionen, wie man mit der Vereinzelung im Glauben besser umgehen kann?

Austen: In unseren katholischen Gebieten wird das Versorgungs- und Anspruchsdenken stark auf die Probe gestellt - nicht nur durch Corona, auch durch den zunehmenden Priestermangel. Menschen in glaubensgeprägten Gebieten merken plötzlich, dass es auch auf ihre eigene Initiative und Kreativität ankommt, wenn beispielsweise keine Präsenzgottesdienste möglich sind.

Leben in der Diaspora kostet mehr Kraft, aber es gibt auch Kraft. In der Vereinzelung können Zusammenhalt und Solidarität sogar wachsen. Weniger bedeutet in der Diaspora oft mehr. Ich möchte die Diaspora aber nicht glorifizieren - sie ist eine Form, mit allen Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten dem Glauben eine Gestalt zu geben.

KNA: In den vergangenen 18 Monaten haben auch Katholiken hierzulande manche Diasporaerfahrungen gemacht. Glauben Sie, dass sie dadurch sensibler und solidarischer werden für die Belange ihrer Glaubensgeschwister in echten Diasporagebieten, auf die Sie ja mit dem Diasporasonntag aufmerksam machen möchten?

Austen: Diaspora beginnt schon vor der Haustür. Selbst hierzulande nehmen in katholischen Kerngebieten immer weniger Menschen am kirchlichen Leben teil; diejenigen, die ihren Glauben leben, fühlen sich nicht selten allein. Auch sie sollten unsere Solidarität spüren.

Gerade in den Diasporagebieten Nordeuropas ist den Menschen - viele Geflüchtete und Menschen mit Migrationshintergrund - der gemeinsame Gottesdienst sehr wichtig. Sie setzen viel Zeit und Kraft ein, um den Glauben miteinander zu feiern und das Leben zu teilen. Menschen erleben den Glauben dort als große Kraft und die Kirche als internationale Solidargemeinschaft, die ihnen Heimat gibt. Andere Menschen und Lebensstile werden auch als Bereicherung erlebt. Das wünsche ich mir auch für uns in Deutschland.

KNA: Glauben Sie, dass die unfreiwillige Diaspora-Erfahrung vieler Katholiken hierzulande das Gespür für die Situation in klassischen Diasporaregionen stärkt - und auch die Bereitschaft, zu spenden?

Austen: Ich kann mir nur wünschen, dass der Blick über den Tellerrand hinaus gestärkt wird. Katholiken in einer Minderheitensituation verdienen gerade jetzt unsere Unterstützung. Weil viele Menschen eine größere Spendenbereitschaft gezeigt haben, konnten wir 2020 trotz Corona gerade sozial-caritative Projekte verlässlich fördern und die notwendige Seelsorge unterstützen.

KNA: Hat sich durch die Corona-Krise vielleicht sogar langfristig etwas zum Positiven in der Diaspora verändert?

Austen: Die Kommunikation ist vielfältiger und kreativer geworden. Gottesdienste, Impulse, aber auch Beratungen erfolgen online. Digitale Angebote in der Gemeindearbeit, zum Beispiel in der Erstkommunion- und Firmvorbereitung, wurden und werden neu- und weiterentwickelt. Da ist aber auch noch viel Potenzial für die Zukunft.

Das Interview führte Angelika Prauß.

(KNA)

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