Rassismusdebatte: Kirche hat sich in der Vergangenheit nicht immer vorbildlich verhalten
Rassismusdebatte: Kirche hat sich in der Vergangenheit nicht immer vorbildlich verhalten

20.06.2020

Theologe über Kirche, Rassismus und Gassenhauer "Die armen Heiden vom Dunkel ins Licht führen"

Was in der aktuellen Rassismus-Debatte gesellschaftlich verhandelt wird, betrifft auch die Kirche. Denn Kirche war und ist Abbild der Gesellschaft, "mit allen Höhen und Tiefen", sagt Marco Moerschbacher, vom Missionswissenschaftlichen Institut und von missio Aachen.

KNA: Herr Moerschbacher, lassen Sie uns über Rassismus in der Kirche reden. Wo fangen wir am besten an?

Marco Moerschbacher (Mitarbeiter des Missionswissenschaftlichen Instituts und von missio Aachen): Vielleicht nicht bei Adam und Eva, aber bei den Söhnen von Noah. Aus der biblischen Geschichte um Sem, Ham und Japhet wurde jahrhundertelang eine angebliche Unterlegenheit schwarzer Menschen abgeleitet. Das haben noch manche Befürworter der Apartheid in Südafrika getan.

KNA: Wie das?

Moerschbacher: Als Noah nach einem Rausch aufwacht und erfährt, dass Ham ihn als einziger der drei nackt gesehen hat, verflucht er seinen Sohn und dessen Nachkommen. Sie sollen von nun an die Knechte von Hams Brüdern sein. Diese Nachkommen, so hieß es, seien die Afrikaner, während Sem als Stammvater der Semiten galt und Japhet als Urahn der weißen Menschen.

KNA: Ein Beleg dafür, dass der Rassismus zur DNA der Kirche gehört?

Moerschbacher: So einfach ist die Sache nicht. Ich würde es eher so formulieren: Kirche war und ist Abbild der Gesellschaft. Und wenn es Rassismus in der Gesellschaft gibt, dann gibt es ihn auch in der Kirche. Aber wir müssen dagegen angehen.

KNA: Können Sie Beispiele nennen?

Moerschbacher: Im Grunde genommen ist die ganze europäische Expansionsgeschichte von der Besiedlung Amerikas bis zur Ausbeutung Afrikas geleitet von einem Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Rest der Welt. Der weiße Europäer hat das Recht, die anderen zu zivilisieren, sie und ihre Länder wirtschaftlich zu erschließen, also auszubeuten, und sie zu missionieren, weil er im Besitz der einzig wahren Religion, des Christentums, sei. Das ist eine rassistische Ideologie.

KNA: Schon auf den Schiffen spanischer Eroberer im 16. Jahrhundert waren Priester und Ordensleute mit an Bord. Wie blickten sie auf die indigenen Bewohner Mittel- und Südamerikas?

Moerschbacher: Meist so wie die anderen Zeitgenossen auch. Es gab allerdings auch Ausnahmen; etwa den Dominikaner Bartolome de Las Casas. Er stellte sich sehr früh an die Seite der Indigenen. Aber auch er war ein Kind seiner Zeit. Er argumentierte nämlich zugleich, dass Afrikaner für die unmenschliche Arbeit in den Plantagen am besten geeignet seien.

KNA: Wie stand es um Afrika selbst als Missionsgebiet?

Moerschbacher: Die meisten Missionare betrachteten die Bewohner Afrikas als abergläubische, wenig zivilisierte Geschöpfe. "Wir müssen die armen Heiden vom Dunkel ins Licht führen", lautete die Parole, die auf einem unreflektierten Überlegenheitsgefühl fußt. Aber man kann das den Missionaren eigentlich nicht vorwerfen - denn auch sie waren Kinder ihrer Zeit.

KNA: Missionare und letzten Endes die Kirche trifft keine Schuld am Rassismus, weil die jeweilige Gesellschaft rassistisch war - ist das nicht ein wenig zu einfach?

Moerschbacher: Es gibt eine strukturelle und eine persönliche Dimension von Schuld. Strukturell hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte zweifellos Schuld auf sich geladen, und dafür hat sich beispielsweise Papst Johannes Paul II. entschuldigt. Persönlich gab es natürlich ebenfalls Verfehlungen. Aber da muss man genauer hinschauen. Bis auf den heutigen Tag beuten Europäer und Nordamerikaner andere Teile der Welt aus. Da sind Sie und ich auch mitschuldig. Aber es gibt auch konkret Verantwortliche, etwa wenn in Bangladesch eine Nähfabrik einstürzt und Menschen unter sich begräbt, die Jeans oder T-Shirts für uns genäht haben.

KNA: Lassen sich allein mit Entschuldigungen Unrecht und Ungerechtigkeiten wiedergutmachen?

Moerschbacher: Was geschehen ist, lässt sich auch mit - notwendigen - Reparationsleistungen nicht rückgängig machen. Aber man kann daraus lernen und eine andere Perspektive einnehmen. Lange haben Sieger die Geschichte geschrieben. Unsere Aufgabe, gerade als Christen, sollte sein, Geschichte kritisch zu hinterfragen, und die Sicht der Opfer einzubringen. Das ist die "Option für die Armen", von der Papst Franziskus immer spricht.

KNA: In der katholischen Kirche haben trotzdem meist noch alte weiße Männer das Sagen.

Moerschbacher: Auch wenn sich Franziskus erkennbar bemüht, das zu ändern, ist der Vatikan als Zentrum der Weltkirche immer noch viel zu zentralistisch und dabei eurozentrisch.

KNA: Frauen sind unterrepräsentiert ...

Moerschbacher: ... und schwarze Menschen auch. Zu den Ausnahmen gehört der aus Ghana stammende Kardinal Peter Turkson, der "Entwicklungsminister des Papstes". Er musste dann aber feststellen, dass an der Kurie immer noch hauptsächlich Italienisch gesprochen wird. Für einen Global Player wie die Kirche eigentlich ein Unding.

KNA: Wie ist zu erklären, dass Kirche unter anderem in Gestalt von Hilfsorganisationen wie missio gleichzeitig zu einem der wichtigsten Anwälte von Benachteiligten in Lateinamerika, Afrika oder Asien geworden ist?

Moerschbacher: In gewisser Weise ist auch das eine Frucht der Missionsbestrebungen aus früheren Zeiten. Bis ins 20. Jahrhundert hieß es, außerhalb der Kirche gebe es kein Heil. Nach diesem Verständnis mussten die Menschen getauft werden. In der Taufe wiederum werden alle Menschen gleich - und diese Gleichheit galt unwiderruflich, getreu dem alten Kirchenlied "Fest soll mein Taufbund immer stehen". So setzte sich nach und nach ein anderer Blick auf Afrikaner oder Indigene in Lateinamerika durch. Aber der Kampf gegen Rassismus war - und ist - ein langer Weg.

KNA: A propos Kirchenlieder - in der Debatte über den Begriff "Rasse" ist auch ein Klassiker des Genres in Verruf gekommen "Singt dem Herrn alle Völker und Rassen". Muss man solche Texte ändern?

Moerschbacher: Ich denke ja. Aber man muss darüber debattieren und sinnvolle Alternativen finden. Wenn ich etwas aus dem Sprachgebrauch streiche, dann verschwindet es nicht automatisch. Anders gesagt: Was hilft es uns, wenn wir den Begriff "Rasse" tilgen, aber immer noch Rassismus haben, den wir dann nicht mal mehr benennen oder umschreiben können?

KNA: Was also tun?

Moerschbacher: Miteinander reden statt übereinander. Rassismus nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten bekämpfen. Das eigene Verhalten gegenüber meinem Nächsten hinterfragen - und gegebenenfalls ändern.

Das Interview führte Joachim Heinz.

(KNA)

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