Proteste gegen Rassismus richten sich auch gegen Denkmäler

Zwischen Bilderstürmern und Wutbürgern

Der Tod von George Floyd hat weltweit die Debatte über Rassenhass, aber auch den Umgang mit der Kolonialgeschichte befördert. In den USA und Großbritannien holen Demonstranten Denkmäler vom Sockel. Und in Deutschland?

USA, Portsmouth: Das Statuen am Denkmal der Konföderierten wurden mit Müllsäcken und Bettlaken abgedeckt / © Kiahnna Patterson (dpa)
USA, Portsmouth: Das Statuen am Denkmal der Konföderierten wurden mit Müllsäcken und Bettlaken abgedeckt / © Kiahnna Patterson ( dpa )

Alles ganz ruhig hier. Der Besucher muss ein paar Schritte bergauf gehen, um zum Friedhof im Bonner Stadtteil Poppelsdorf zu gelangen. Hier liegt Lothar von Trotha (1848-1920) begraben. In Namibia, der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika, schlug der gebürtige Magdeburger einen Aufstand der Herero und Nama nieder.

In die Geschichtsbücher ging er mit seinem "Vernichtungsbefehl" vom 2. Oktober 1904 ein. "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Der Befehl folgte auf die Schlacht am Waterbergmassiv am 11. August 1904. Danach hatten sich die Aufständischen einer drohenden Einkesselung durch die Deutschen mit der Flucht in die wasserlose Omaheke-Wüste entzogen. "Grauenhafte Szenen des Leids müssen sich im Sandfeld abgespielt haben. Ein Todesmarsch", heißt es in dem Standardwerk "Deutsche Kolonien - Traum und Traum" von Gisela Graichen und Horst Gründer.

Floyds Tod stieß Debatte über Umgang mit Kolonialzeit an Die weltweiten Proteste gegen Rassenhass nach dem Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd haben in vielen Ländern die Debatte über den Umgang mit den Hinterlassenschaften aus der Kolonialzeit und anderen düsteren Epochen der Geschichte eine neue Schärfe verliehen. In den USA fielen am Dienstag Schüsse, als Demonstranten versuchten, eine Statue des spanischen Eroberers Juan de Onate (1550-1626) in Albuquerque zu entfernen. An den Kragen ging es auch einer Kolumbus-Darstellung in Boston; unterdessen forderte die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, elf Statuen aus dem Washingtoner Kapitol zu entfernen. Sie stellen Vertreter aus den Südstaaten der USA dar, die für den Erhalt der Sklaverei eintraten. Der Konflikt mündete von 1861 bis 1865 in den Sezessionskrieg. Mit Blick auf die Darstellungen sprach Pelosi von einer "Hommage an den Hass". Im britischen Bristol landete eine Statue von Sklavenhändler Edward Colston (1636-1721) im Hafenbecken; in London schmierten Unbekannte "War ein Rassist" auf ein Standbild von Winston Churchill (1874-1965). Kritiker werfen dem legendären Kriegs-Premier unter anderem ein rabiates Vorgehen in Indien und Irland vor. Am Wochenende versammelten sich rechte Demonstranten und Fußballfans vor der verhüllten Statue am Parliament Square, um sie laut eigenem Bekunden vor Vandalismus zu schützen. Es kam zu Ausschreitungen. In Belgien übergossen Demonstranten an mehreren Orten Statuen von König Leopold II. (1835-1909) mit Farbe - aus Protest gegen die von ihm verantwortete Schreckensherrschaft im Kongo.

Wie mit belasteten Hinterlassenschaften umgehen? Ein Blick auf Deutschland lehrt: Konfliktpotenzial bergen nicht nur Statuen. In Duisburg beispielsweise gibt es die  Afrikasiedlung inklusive Lüderitzallee, benannt nach Adolf Lüderitz (1834-1886), der mit seinem skrupellosen Landerwerb den Grundstein für die Kolonie Deutsch-Südwestafrika legte. In Hamburg wartet der Tansania-Park mit zahllosen Relikten aus der Kolonialzeit seit Jahren darauf, in einen Erinnerungsort umgewandelt zu werden. Hilft es, die belasteten Hinterlassenschaften zu beseitigen? "Nicht jede Statue muss fallen", schreibt die Münchner Historikerin Hedwig Richter auf Spiegel Online. "Aber wenn Colston und Leopold so vielen Menschen ein Anstoß sind und sie verletzen - warum sollten wir sie nicht ausreißen?" Richters Hamburger Kollege Jürgen Zimmerer regt zu einem kreativeren Umgang mit Denkmälern an und nennt als Beispiel das wiedererrichtete Berliner Schloss, in dem auch Kaiser Wilhelm II. hauste, in dessen Namen der Völkermord an den Herero und Nama verübt wurde. Warum, so Zimmerer, nicht einen der Innenhöfe mit Sand aus der Omaheke-Wüste befüllen, wo tausende Herero starben? Er macht aber auch klar: "Ich bin als Historiker kein Freund davon, historische Dokumente, und dazu gehören Denkmäler, ganz wegzuräumen." Auf dem Friedhof in Bonn-Poppelsdorf gibt es Tafeln mit Wegweisern zu prominente Grabstätten. Bei Nummer 57, dem Grab von Trothas, ist der Name ausradiert. Am Grab selbst: kein Hinweis, keine Erklärung. Ein bisschen mehr dürfte es wohl schon sein.

Von Joachim Heinz 

Quelle:
KNA
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